Die personelle Konstellation ließ bereits im Vorfeld aufhorchen: In Erwartung einer erneuten künstlerischen Zusammenarbeit zwischen der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth und der ebenfalls aus Österreich stammenden Autorin Elfriede Jelinek konnte man mit einem Coup de foudre rechnen. Neuwirths bisherige Bühnenwerke kreisen um Machtmissbrauch, Krieg, Geschlechterungleichheit und nonbinäre Identitäten. Jelinek prangert sexuelle Unterdrückung, Gewalt, Rechtspopulismus und die mangelhaft aufgearbeitete Vergangenheit in ihrem Land an.
Wenn dann auch der angesagte Regisseur Tobias Kratzer, seit der laufenden Saison Intendant der Staatsoper Hamburg, das Szepter führt, konnte man sich auf ein üppiges Spektakel einstellen. Und schließlich versprach die Mitwirkung des in zeitgenössischer Musik erprobten Dirigenten Titus Engel, zurzeit unter anderem Principal Conductor der Basel Sinfonietta, eine authentische Wiedergabe der Partitur. Alle diese Erwartungen wurden weitgehend erfüllt.
Das neue Werk, Monster’s Paradise, ist im Auftrag der Staatsoper Hamburg entstanden und wird als Koproduktion der Staatsoper, des Opernhauses Zürich und der Oper Graz realisiert. Nach der Hamburger Uraufführung Anfang Februar konnte man nun in Zürich die Schweizerische Erstaufführung erleben. Das Stück ist eine gewagte Mischung aus Komödie, Satire, Muppet Show, Horrorfilm, Absurdem Theater, Endzeitspiel und der im Untertitel genannten Grand Guignol Opéra, einem Genre des frühen 20. Jahrhunderts, das blutrünstige Elemente und Kasperltheater miteinander verbindet.
Die beiden Vampiretten Vampi und Bampi, in ihren Kostümen Jelinek und Neuwirth zum Verwechseln ähnlich, begeben sich ein letztes Mal von ihrem exterrestrischen Aufenthalt auf die geschundene Erde, um sie vor dem definitiven Untergang zu retten. Hauptverursacher der Zerstörung ist ein autokratischer, unfähiger und größenwahnsinniger König-Präsident, der in Kratzers Inszenierung unmissverständlich als Donald Trump erscheint. Um den Autokraten zu ermorden, verbünden sich die Vampiretten mit dem Monster Gorgonzilla, das auf einer einsamen Insel haust. In einer epischen Schlacht frisst das Monster tatsächlich den Präsidenten auf. Aber auf die Rettung der Welt hat es dann doch keine Lust und ertränkt sie in den Wasserfluten. Als einzige Überlebende bleiben Vampi und Bampi, die auf einem Floss dem Sonnenuntergang entgegentreiben.
Eine Trump-Oper also? Ja und nein. Das Libretto entstand noch während Trumps erster Amtszeit und enthält etliche Anspielungen auf den amerikanischen Präsidenten. Dass die literarisch-musikalische Fiktion inzwischen von der Realität teilweise sogar übertroffen wird, ist eine verstörende Ironie der Geschichte. Die Gleichsetzung des König-Präsidenten mit Trump geht jedoch auf das Konto des Regisseurs.
Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier lassen das zweite Bild im Oval Office des Weißen Hauses spielen, wo der aufgeblasene Präsident immer wieder auf den berühmten roten Knopf drückt, aber nicht, um den Atomkrieg auszulösen, sondern um die Models abzulehnen, die ihm als Alternative zu seiner Frau Melania (unverkennbar mit dem breitrandigen Hut) angeboten werden. Bei der Begegnung mit dem Monster fährt der Trump-Präsident mit dem Golfwägelchen vor und markiert die eroberte Insel mit seinem Golfschläger. Doch Neuwirth und Jelinek prangern generell solche autokratischen Systeme an, die die Welt in den Untergang treiben. Wer Monster’s Paradise in zehn Jahren inszeniert, müsste zwingend andere Aktualisierungen suchen.

Dass die Welt aus den Fugen geraten ist, zeigt sich auch auf der musikalischen Ebene. Die Figuren und Stimmen zerfallen in ihre Bestandteile. Das titelgebende Monster Gorgonzilla wird von Anna Clementi gesungen, deren Mezzosopran durch Live-Elektronik multipliziert und in die Basslage versetzt wird. Brillant verkörpert Georg Nigl die Rolle des Präsidenten, schauspielerisch sowieso, aber auch musikalisch, indem er allen unmöglichen Lagen singt, spricht und schreit. Als gespaltene Figuren treten die beiden Vampirinnen auf: Vampi/Jelinek mit der Sängerin Sarah Defrise und der Schauspielerin Sylvie Rohrer und Bampi/Neuwirth mit Kristina Stanek und Ruth Rosenfeld. Diese Aufteilung bewirkt allerdings auch einen etwas störenden Überhang des Gesprochenen vor dem Gesungenen.
Köstliche Komik verbreiten die beiden Countertenors Andrew Watts und Eric Jurenas als Mickey und Tuckey, die beiden servilen Adlaten des Präsidenten. Bleibt noch der als Bär verkleidete Spaßmacher Ruben Drole, der einen Mob von Zombies anführt. Und die per Video zugespielte Goddess in der Person der legendären britischen Schauspielerin Charlotte Rampling, die das unheilvolle Geschehen von der Decke des Zuschauerraumes herab kritisiert, aber trotz ihrer Göttlichkeit nichts verändern kann.
Verstimmung und Verfremdung tritt auch in der Instrumentalschicht zutage. Dem traditionell besetzten Orchester fügt Neuwirth eine „störende“ Gruppe aus Drums, Saxophon, Bassklarinette, zu hoch gestimmter E-Gitarre und zu tief gestimmtem Klavier hinzu. Diese klanglichen Gegensätze und die mikrotonalen Verschiebungen lösen eine permanente Irritation aus. Der grundsätzlich avantgardistisch ausgerichteten Tonsprache stehen Versatzstücke aus der europäischen Musikgeschichte, aber auch Anleihen aus Jazz, Musical oder Popularmusik gegenüber.
Die Musik in ihrer Vielschichtigkeit verbindet sich in Monster’s Paradise sinnfällig mit der Vielschichtigkeit der Thematik. Als Kritik kann man anführen, dass die beiden Autorinnen mit den Themen von Umweltzerstörung, Machtmissbrauch, männlicher Dominanz und Unterdrückung zu viel in das Stück hineingepfropft haben. Der komplexe Stoff würde problemlos für mehrere Opern reichen.

