Es sind die Namen und Instrumente eines Stradivari, Guarneri oder Amati, die bis heute Musiker und Zuhörer zum Träumen bringen. Überwältigend ist die Schönheit dieser Instrumente, unerreicht ihre klangliche Qualität. Rätselhaft und vielfach theoretisiert, bleibt bis heute die Frage nach dem Prinzip ihrer Konstruktion und der Quelle ihrer klanglichen Kraft offen. Wer sind die Schöpfer dieser Kunstwerke und woher stammen die Instrumente, die heute Höchstpreise bei Auktionen erzielen, die die Sammlungen bedeutender Persönlichkeiten schmücken, die nur den besten Musikern zur Verfügung gestellt werden?

Antonio Stradivari - romantisierte Darstellung des Handwerkshelden © Edgar Bundy
Antonio Stradivari - romantisierte Darstellung des Handwerkshelden
© Edgar Bundy
Der Geigenbau, die Herstellung und Restauration von Streich- und Zupfinstrumenten, hat seinen Ursprung im Italien des 16. Jahrhunderts, zeitgleich mit dem Auftreten der Violin- und Viola da Gamba-Instrumentenfamilien. Streichinstrumente wurden anfänglich von den Spielern selbst oder von Lautenbauern geschaffen. Dies lässt sich noch heute in der etymologisch auf das italienische liuto („Laute“) zurückgehenden italienischen Bezeichnung liuteria, Geigenbau, und dem französischen liuthier, Geigenbauer, nachvollziehen. Lauten- und Geigenbau entwickelten sich zu zwei eigenständigen Handwerksberufen. Der Geigenbau verbreitete sich erst Ende des 17. Jahrhunderts von Italien ausgehend über ganz Europa. Damit hatte Italien die Vorreiterrolle im Geigenbau inne.

Der erste Instrumentenbauer, der nachweislich auf die Herstellung von violini (Violinen) spezialisiert war, war Battista Doneda (1529-1619) aus Brescia. Neben Brescia fanden sich auch in Cremona schon früh Geigenbaumeister. Dank der dort ansässigen Familien Amati, Stradivari und Guarneri avancierte diese Stadt zum weltweit bedeutendsten Zentrum für Geigenbau. Neben Cremona waren außerdem Venedig, Padua, Bologna, Mailand und Turin für ihren Geigenbau bekannt. Andrea Amati (1525-1577) war der erste in Cremona ansässige Geigenbauer. Seine Familie dominierte das Handwerk für etwa 150 Jahre. Heute existieren nur noch wenige Exemplare seiner Instrumente, die aufgrund ihres weichen Klanges nicht den Anforderungen moderner Konzertsäle gerecht werden. Es sind vor allem i grandi violini Amati, die sein Enkel Nicola Amati (1596-1684) schuf, und die sich noch heute höchster Beliebtheit erfreuen. Diese zeichnen sich durch einen größeren, klangstärkeren Korpus mit ausgeprägten Ecken aus, eine Bauweise, die Stradivari sich einige Jahre später zum Vorbild nehmen sollte.

Nicola Amati © Jacques-Joseph Lecurieux
Nicola Amati
© Jacques-Joseph Lecurieux
Nicola Amatis Instrumente erreichten einen tragfähigen Klang, der seine süße Färbung mutmaßlich der eigenwilligen Wölbung der Decke verdankt. Äußerliche Schönheit erlangen sie neben ihrer elaborierten Form auch durch den warmen Farbton der gelben Lacke. Um die Lackierung von Streichinstrumenten ranken sich zahlreiche Theorien und Legenden. Auch wenn bis heute das Geheimnis um die Rezepturen der Lacke nicht gelüftet werden konnte, gehen neuere Forschungen davon aus, dass die besondere Klangqualität der Instrumente nicht nur von Lack, Holz und Bauweise abhängt, sondern den klimatischen Bedingungen der sogenannten Kleinen Eiszeit geschuldet ist. Die besondere Klangqualität der Geigen Amatis macht diese zu Sammler- und Museumsstücken, die bedeutenden Geigern wie etwa Gidon Kremer zur Verfügung gestellt werden. Nicola Amati bildete neben seiner Tätigkeit als Geigenbauer auch bedeutende Schüler aus, unter anderem Andrea Guarneri und sehr wahrscheinlich auch Antonio Stradivari.

Andrea Guarneri (1623/26-1698) begründete eine weitere Familiendynastie des Geigenbaus in Cremona. Die Guarneri-Familie stand dabei in ständiger Konkurrenz mit der überaus erfolgreichen Stradivari-Familie, die am selben Ort wirkte. Andreas Enkelsohn Giuseppe (II) Guarneri (1698-1744), bekannt als del Gesù, gilt Antonio Stradivari heute als ebenbürtig. Giuseppe Guarneri baute nur wenige Instrumente, die sich durch ihren ganz eigenen, von der Familientradition und von Stradivari abweichenden Stil auszeichnen. Ein langer Resonanzkörper mit gestreckten f- Löchern und eine robuste Bauweise erlauben eine ungeahnte Klangfülle und ermöglichen stärkeren Druck bei der Bogenführung. Hinzu treten klangliche Schönheit und leichte Ansprache beim Spielen. Seine Instrumente waren daher mitunter beliebter als diejenigen Stradivaris. Niccolò Paganini war der erste große Geiger, der eine del Gesù spielte und diese Instrumente in Mode brachte. Ihm folgten Arthur Grumiaux, Jascha Heifetz, Leonid Kogan, Isaac Stern und viele andere.

Der bekannteste aller Geigenbauer aber ist Antonio Stradivari (1644/9-1737). Wie die Mehrzahl der Geigenbauer besaß auch Stradivari eine Werkstatt, in der er mit seinen beiden Söhnen Francesco und Ombono sowie mit einigen Gehilfen zusammen arbeitete. Anders als bei den Guarneri- oder Amati-Familien zeichnen sich die hier entstanden Instrumente durch eine solche stilistische Kontinuität und Einheit aus, dass der Name Antonio Stradivari emblematisch für die gesamte Produktion dieser Werkstatt steht. Stradivaris Instrumente erfreuten sich schon zu seinen Lebzeiten größter Beliebtheit. Er wurde damit zum ökonomisch erfolgreichsten Cremoneser Geigenbauer und gilt seit Ende des 18. Jahrhunderts als Bester seines Faches. Allen Untersuchungen und Forschungen zum Trotz sind seine Instrumente an klanglicher Qualität, äußerlicher Schönheit und Symmetrie sowie feiner Ausarbeitung unübertroffen. Von seiner gesamten Produktion sind heute noch etwa 650 Instrumente erhalten, von denen viele von bedeutenden Virtuosen gespielt werden.

Hier hört man Linus Roth auf seiner Dancla Stradivari (1703):

 

Seien es in der Unterhaltungsmusik verhaftete Musiker wie André Rieu und David Garrett oder klassische Geiger wie Yehudi Menhuin, Itzhak Perlman, Anne-Sophie Mutter oder Joshua Bell – allen gemein ist die Liebe für den außergewöhnlichen Klang dieser besonderen Violinen. Gegenüber den Instrumenten seines Lehrers Amati wurden diejenigen Stradivaris robuster, behielten aber den hellen Lack, der bisweilen eine leicht orangefarbene Tönung annahm, bei. Erst nach 1690 emanzipierte sich Stradivari von seinem Lehrer, entwickelte dunklere Lacke, und verlängerte den Korpus. Die sogenannte „goldene Periode“ seines Schaffens erreichte er Anfang des 18. Jahrhunderts.

Spanisch II (del Cuarto Real) im Palacio Real, Madrid © Håkan Svensson
Spanisch II (del Cuarto Real) im Palacio Real, Madrid
© Håkan Svensson
Erst jetzt begann er, den heute so bekannten, orange-braunen Lack zu verwenden und seinen Instrumenten eine unvergleichliche äußere wie klangliche Schönheit zu verleihen. Zu den meist geschätzten Geigen dieser Phase gehören die „Betts“ (1704), die „Alard“ (1715) und die „Messiah“ (1716). Neben Violinen schuf Stradivari auch heute noch bekannte Violoncelli, einige Violen sowie andere Saiteninstrumente. Wie andere Geigenbaumeister auch wurde Stradivari vielfach kopiert und imitiert. Die klangliche Schönheit des Originals aber bleibt bis in unsere Zeit ein Geheimnis und macht damit auch die große Faszination aus, die von diesen Meisterwerken ausgeht.

Carlo Bergonzi (1683-1747) war der letzte bedeutende Geigenbauer Cremonas. Aufgrund der historischen Entwicklungen im 18. Jahrhundert – der Emanzipation des Bürgertums und der napoleonischen Feldzüge – schwand die Bedeutung des Geigenbaus in Cremona und Venedig. Um 1800 erlebte diese große Tradition damit einen herben Einschnitt. Nichtsdestoweniger lebt der italienische Geigenbau bis heute weiter – sei es in der Nachbildung und Pflege alter Instrumente oder im aktuellen Bau neuer. Im 20. Jahrhundert kam zu diesen traditionellen Bereichen noch die industrielle Fertigung von Streichinstrumenten hinzu. Nie aber gelang es wieder, die ästhetische und klangliche Brillanz der Instrumente Amatis, Guarneris oder Stradivaris zu erreichen. Von ihrer Schönheit und ihrer geheimnisumwobenen Bauweise geht bis heute eine ungebrochene Faszination aus.

 

Quellen:

Charles Beare: „Antonio Stradivari“, in: Oxford Music Online (Grove).

Charles Beare/Carlo Chiesa/Duane Rosengard: „(Bartolomeo) Giuseppe Guarneri (‘del Gesù’)”, in: Oxford Music Online (Grove).

Drescher, Thomas: „Geschichte des Streichinstrumentenbaus“, in: MGG 2.

Artikel „Italienische Streichinstrumente”, auf: geige24.com.