Als Boris Lyatoshynskys Vierte Symphonie ihr Crescendo erreicht, gibt es einen kurzen Moment ekstatischer Reizüberflutung, die sich in jeden Winkel und jede Nische des Konzertsaals der Ukrainischen Nationalphilharmonie, auch bekannt als Kiewer Philharmonie, ausbreitet. Umhüllt von donnernden Blechbläsern wird der Blick von funkelnden Kronleuchtern und kaleidoskopartigen Säulenverzierungen überwältigt, während der glatte, erbsengrün gestrichene Balkon kühl an den Ellbogen liegt, und man sich immer näher an die Musik heranschmiegt. Der exzentrische Dirigent ist völlig in seine Arbeit vertieft, als handele es sich um eine Art kosmische Mission; seine Musiker sind wie gebannt von seinen ruckartigen und wilden Bewegungen, das Publikum blickt vom Parkett aus zu.

Doch während die Lautstärke anschwillt, durchbrechen plötzlich heulende Luftschutzsirenen die Musik, begleitet von einer emotionslosen, roboterhaften Stimme, die Publikum und Orchester gleichermaßen anweist, sich in den Luftschutzbunker zu begeben. Der Dirigent führt seine Musiker allmählich zu einem natürlich klingenden Diminuendo, und erst dann beginnt das Publikum, sich von seinen Plätzen zu erheben.
Und so eröffnet die Kiewer Philharmonie ihre neue Saison.
„Für uns ist es, als wären wir auf einem anderen Planeten, wenn wir spielen“, erklärt Ivanna, eine 23-jährige Flötistin aus Poltawa, „dann hört man die Luftschutzsirenen, und man kehrt auf die Erde zurück, und es ist wie: ‚Oh mein Gott, das ist die Realität‘“.
Die Besucher steigen geordnet die dunklen Holztreppen hinab; einige geben sich mit der Sicherheit des Erdgeschosses zufrieden und versammeln sich im Foyer mit seiner hohen Decke. Das darunterliegende Untergeschoss gleicht einem der zurückhaltenderen Räume in einem erhaltenen Kaiserpalast – mit Stuckdecken, Ziervertäfelungen, limettengrünen Wänden in einem Raum und pfirsichfarbenen in einem anderen. Nach kurzer Zeit treffen Mitarbeiter ein, die Klappstühle für diejenigen mitbringen, die nicht so gerne oder nicht in der Lage sind, im Schneidersitz auf dem Teppich zu sitzen. Offensichtlich hat jemand erkannt, dass es eine Weile dauern könnte, bis das Leben über der Erde wieder seinen gewohnten Gang nimmt.
Eine Frau nickt ein, viele sind mit ihren Handys beschäftigt, manche unterhalten sich leise mit ihren Kindern. Die Stimmung ist geprägt von resignierter Langeweile, und es fehlt auffällig die gereizte Ungeduld, die sonst überall sonst in Europa bei einer Unterbrechung einer Vorstellung vorherrschen würde.

Auch die jüngsten Proben des Philharmonieorchesters waren davon betroffen: Eine vierstündige Probe wurde aufgrund der Alarmmeldungen auf nur eine Stunde verkürzt.
Etwas mehr als 40 Minuten später wird die Entwarnung durch die emotionslose Stimme verkündet, die aus der App auf den Handys aller Anwesenden ertönt. Die Stühle werden zusammengeklappt, die Zuschauer treten beiseite, damit die Musiker ihre Instrumente wieder hervorholen und ihre Plätze auf der Bühne einnehmen können.
„Man muss sich beim Spielen konzentrieren, aber das geht nicht, weil man auf die nächste Alarmmeldung wartet. Es könnte jederzeit wieder passieren – vielleicht spielen wir gerade mal zwei Noten und werden schon wieder unterbrochen“, sagt Ivanna, als sie ihren Platz erneut einnimmt.
Der Dirigent Teodor Kuchar bringt das Orchester wieder in Schwung, und sie kehren zu Lyatoshynskys Symphonie zurück. Er ist einer von vielen Komponisten, die seit dem Angriff Russlands wiederentdeckt und zu prägenden nationalen Persönlichkeiten erhoben wurden. Viele ukrainische Musiker betrachten die Bewahrung ihres musikalischen Erbes als einen Weg, die Identität ihres Landes zu stärken, die sie durch den russischen Angriff als existenziell bedroht empfinden.
Arseniy, ein 24-jähriger Kontrabassist aus der Frontstadt Mykolajiw im Süden der Ukraine nahe dem Schwarzen Meer, sagt, Musiker hätten die Verantwortung, an der „kulturellen Front“ zu kämpfen. Sein Kollege Oleksandr, Solobratschist und gebürtiger Kiewer, beschreibt das Spielen ukrainischer Musik als Akt des Widerstands angesichts der russischen Aggression.
„Vielleicht leisten wir einen kleinen Beitrag zur kulturellen Verteidigung der Ukraine“, meint Arseniy, bevor er hinzufügt: „Aber man würde echte Verteidigung nicht mit dieser Art von Verteidigung vergleichen.“ Er legt großen Wert darauf, zwischen seinem Einsatz und dem seiner Landsleute beim Militär zu unterscheiden.

Alle drei jungen Musiker räumen ein, dass der Krieg – wenn auch auf bittersüße Weise – dazu geführt hat, dass sich ein internationales Publikum für ukrainische Musik interessiert.
„Jetzt haben wir die Gelegenheit, die Ukraine auf der ganzen Welt zu vertreten“, sagt Arseniy, und die Musiker berichten voller Stolz von ihren Reisen durch Europa. Außerdem haben sie eine Tournee durch 22 Städte in Japan unternommen, bei der einer der lokalen Chöre, mit denen sie auftraten, eine Interpretation der ukrainischen geistlichen Hymne Bozhe Velykyi Edyny sang. Keiner der drei kann in Worte fassen, wie beeindruckend das war, nur dass es „emotional“ war.
Die Philharmonie empfängt auch Mitglieder der internationalen Musikszene, und am Eröffnungsabend wird die taiwanesisch-amerikanische Pianistin Fanya Lin gemeinsam mit dem Orchester auftreten. Nach einer Reise von zweieinhalb Tagen von Tucson nach Seattle und weiter über Amsterdam nach Warschau, bevor sie den Zug nehmen konnte, hätte sie beinahe ihre gesamte erste Probe verpasst.
Sie war von Kochar eingeladen worden, im Jahr 2022 aufzutreten, doch der Plan wurde durch den russischen Einmarsch durchkreuzt. (Da eine Reise in die Ukraine nicht möglich war, arbeiteten sie gemeinsam an einem Aufnahmeprojekt in Polen.) Doch, so sagt sie: „Ich hatte bereits beschlossen, dass ich, sofern die logistischen Voraussetzungen stimmen, bei einer weiteren Gelegenheit dorthin reisen würde.“

Sie gab zu, wegen der fehlenden Luftabwehr in Kiew „äußerst nervös“ zu sein, und überlegte sogar, den Luftalarm, der in der Nacht vor der Aufführung ertönte, zu ignorieren, um noch etwas Schlaf zu bekommen. „Aber genau in diesem Moment hörte ich die Rakete“, sagt sie und bezieht sich dabei auf den Raketenangriff vom 7. auf den 8. August, bei dem drei Menschen in der Oblast Kiew ums Leben kamen.
Nach ihrem Solo spielt das Orchester Gershwins Porgy and Bess und beflügelt das Publikum mit der vertrauten Melodie von „Summertime“ – passend zur schwülen Augustluft draußen. Applaus löst die Musik ab, begleitet von Standing Ovations und einer spürbaren Erleichterung darüber, dass das Orchester keine weiteren Unterbrechungen hinnehmen musste.
„Ich glaube, der Adrenalinschub war so stark wie nie zuvor, wegen des Drucks und weil man sich mental noch viel mehr anstrengen muss, wenn man weiß, dass der eigene Körper – sowohl körperlich als auch geistig – nicht so ist, wie er sein sollte“, sagt Lin über die Gefühle, die sie am Ende der Vorstellung empfand. „Ich habe mich durch die Resonanz und die Reaktionen des Publikums einfach sehr geschätzt gefühlt, und die Leute waren so herzlich zu mir – ich war einfach so dankbar, dass sie mich dabei hatten.“
Fanya sagt, der Auftritt in einem Land, das sich im Krieg befindet, habe ihr gezeigt, wie viel mehr die Menschen Musik in schwierigen Zeiten zu schätzen wissen. „Es wirft wirklich ein anderes Licht auf das, was man tut, weil es sich so viel kraftvoller anfühlt, und selbst während meines Auftritts habe ich das auch gespürt. Es hat einfach eine andere Bedeutung“, erklärt sie.

Für Arseniy ist die Last der Verantwortung, die er trägt, wenn er ukrainische Musik spielt, Welten entfernt von der „reinen Freude“, etwas wie Gershwin aufzuführen. „Das hilft einem einfach, die Welt positiver zu sehen“, sagt er.
Das Repertoire des Philharmonischen Orchesters umfasst keine russischen Komponisten mehr, die früher die Spielzeit dominierten. Rachmaninow und Tschaikowsky zierten einst den Saal mit ihrer Anwesenheit, doch mittlerweile gilt schon das bloße Anhören der Werke dieser Komponisten als „Tabu“. Die ukrainischen Musiker erklären, dass ihre Kollegen, auch wenn sie dies täten, es öffentlich nicht zugeben würden.
Oleksandr räumt die Bedeutung solcher Persönlichkeiten ein, doch auf die Frage, ob er ihre Musik wieder spielen würde – vielleicht nach dem Krieg –, antwortet er entschieden: „Ich persönlich würde das nicht wollen.“
Fanya hat sie nicht abgelehnt, sagt aber: „Ich glaube, wenn ich Ukrainerin wäre, würde ich auch keine russische Musik spielen.“ Sie stellt eine Verbindung zwischen den Erfahrungen der Ukrainer und ihren Wurzeln in Taiwan her und erklärt, dass ihre Reise nach Kiew sie dazu gebracht habe, tiefer darüber nachzudenken, was sie tun würde, wenn China auf die Insel vordringen würde.
Obwohl sie Hunderte von Meilen von der Front entfernt sind, fühlen sich die Kämpfe nicht weit weg an. Sie erinnern sich an den Kontrabassisten und den Hornisten, die sich der Armee angeschlossen haben, ebenso wie an den Freund einer der Geigerinnen und sogar an einen von Oleksandrs Schülern, die dasselbe getan haben.

Nachdem der Applaus und die Ovationen abgeklungen sind, strömen Musiker und Publikum ins Foyer und durch den Haupteingang hinaus auf den Europaplatz, der in früheren Jahrzehnten Lenin und später Stalin gewidmet war.
Eine leichte Brise durchbricht gerade noch den schwülen Sommerabend, und die Menschen machen sich auf den Weg zur U-Bahn, zu ihren geparkten Autos oder zu den Bushaltestellen, um noch vor der Ausgangssperre nach Hause zu kommen. Sie hoffen auf einen ungestörten Schlaf – den sie angesichts der stark gestiegenen Zahl von Luftangriffswarnungen für Kiew in diesem Jahr jedoch wohl kaum bekommen werden.
„Wenn es eine unruhige Nacht ist, kann man nicht so gut spielen wie unter normalen, gesunden Umständen“, sagt Arseniy mit einem Achselzucken, frustriert, aber abgefunden mit der Aussicht, später in dieser Nacht noch weitere Treppen hinunter zum Luftschutzbunker laufen zu müssen.
Weitere Konzerte des Ukrainian National Philharmonic Orchestra finden Sie hier.
Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.
















