In diesem Monat erkunden wir die Welt der Lieder. Was macht ein gutes Programm aus? Wie sollte ein Publikum an ein Lieder-Recital herangehen? Wir sprechen mit den führenden Vertretern des Kunstliedes von heute, um einen Einblick in eine Welt zu bekommen, die für den Hörer manchmal schwer aufzubrechen ist. Anna Lucia Richter verrät uns mehr:

Anna Lucia Richter © Hermann, Clärchen & Matthias Baus
Anna Lucia Richter
© Hermann, Clärchen & Matthias Baus
Anhand welcher Kriterien stellen Sie ein Programm für einen Liederabend zusammen?

Das hängt davon ab, wie die Vorgaben sind. In den seltensten Fällen darf man ja völlig frei nach Lust und Laune konzipieren. Ich suche mir am liebsten ein Thema und zwei bis drei Komponisten aus und spinne darum herum einen roten Faden. Besonders gerne mag ich es, wenn das Programm so schlüssig ist, dass es wirklich eine Geschichte erzählt. Auch die tonartlichen Anschlüsse sind natürlich wichtig. Dann darf ein Spannungsbogen, die Dramaturgie, nicht vernachlässigt werden und auch die sängerische/pianistische Kondition muss man bedenken. Schlussendlich hat natürlich jeder seine Lieblingsstücke, von denen man gerne das ein oder andere einbaut.

Welchen Rat würden Sie Zuhörern geben, für die Lieder neu sind, um ihnen den Einstieg ins Repertoire zu erleichtern? Sollten Künstler im Laufe des Recitals mit ihrem Publikum sprechen?

Einfach ins kalte Wasser springen! Ganz offen und ohne Vorurteile und Erwartungen in einen Liederabend oder eine Matinée gehen. Vielleicht darauf achten, dass es beim ersten Mal ein eher kurzes Programm ist. Es kann nicht schaden, sich vorher ein bisschen mit den Texten zu befassen. Vielleicht sucht man sich drei Lieder aus, deren Texte man schön findet und hört sich, wenn möglich, ein paar Aufnahmen an. Dann hat man schon etwas „Bekanntes“, das man im Konzert wiedererkennen kann. Und: Geduld! Klassische Musik ist oft etwas anstrengender zu hören, weil die Stücke länger und vielschichtiger sind als die meisten Songs der Pop-Charts. Aber wenn man sich darauf einlässt, gibt es dafür auch jahrzehntelang immer Neues zu entdecken. Und wenn es mal langweilig wird, sich selbst Aufgaben stellen: sich mal nur auf die hohe oder tiefe Stimme im Klavier konzentrieren. Oder: Kommentiert der Klavierpart den Gesangspart? Sind sich die beiden einer Meinung? Oder nicht? Hat das mit dem Text zu tun?

Ob ein Sänger mit dem Publikum während eines Konzertes sprechen sollte oder nicht, kann man meiner Meinung nach nicht verallgemeinern. Das hängt vom Repertoire und dem Umfeld ab. Auch gibt es Sänger, denen das Wechseln zwischen Singen und Sprechen nichts ausmacht und solche, die dies stimmlich und mental zu sehr ermüdet...

 

Wie fühlt es sich an, wenn alle Köpfe im Publikum im Programmheft stecken, um den Text zu verfolgen? Würden Übertitel helfen? Sollten Besucher die Texte vor den Konzert lesen?

Natürlich kann das Rascheln und Blättern stören. Andererseits ist es wichtig, dass man versteht, was der Sänger singt. Alles zu übertiteln kann aber den Zuhörer auch um den Zauber der Musik, das „In die Musik Fallenlassen“ bringen. Ich fände ein Mittelding gut: für muttersprachliche Texte eine zweizeilige Zusammenfassung des Inhalts, für fremdsprachige Texte Übersetzungen als Übertitel. Konzerteinführungen können sicherlich auch nicht schaden. Aber vieles wirkt auch, wenn man es nur ungefähr versteht und sich ansonsten von der Musik und der Atmosphäre tragen lässt. Hat es einen dann gepackt, kann man es ja später nachlesen und beim nächsten Mal ist man dann ganz genau im Bilde.

Welche Vorteile hat das Liedpodium im Vergleich zur Opernbühne?

Das Kunstlied ist viel engmaschiger und filigraner als die Oper. Es erzählt große Geschichten auf kleinstem (zeitlichem und physischem) Raum. Gleichzeitig lässt es aber auch sehr viel Platz für die eigene Fantasie, weil es „nur“ von den Musikern interpretiert wird und nicht zusätzlich von einem Regisseur. Andererseits ist es dadurch vielleicht etwas weniger abwechslungsreich, weil es nicht so viel zu schauen gibt.

Das Lied ist eine sehr intime Sache. Ein Pianist und ein Sänger erzählen eine Geschichte und das Publikum hört zu. Punkt. Und dennoch sind es unendlich viele Geschichten, die unendlich unterschiedlich erzählt werden können, weil jeder Interpret sie anders versteht und anders vermittelt.

Welches Lied singen Sie am liebsten (und warum)?

In jedem Programm, das ich singe, begegne ich Liedern, die ich in diesem Moment zu meinen Lieblingsliedern küre. Das ist eine sehr große Schatztruhe, in der reges Kommen und Gehen herrscht. Sehr gerne mag ich zum Beispiel Schuberts Erster Verlust, den Zwerg oder Viola. Robert Schumann steht mit seinem Eichendorff-Liederkreis auch sehr weit oben auf meiner Liste. Und Hugo Wolf verzaubert mich immer wieder mit seinen kleinen Lied-Juwelen. Aber auch Wolfgang Rihms Zyklus Das Rot oder Berios Folksongs fesseln mich immer wieder.

 

In welcher Sprache singen Sie am liebsten?

Gibt es einen Sänger, der nicht am liebsten in seiner Muttersprache singt? Diese ist einem am vertrautesten und so singe ich natürlich am liebsten auf Deutsch. Ich schätze mich sehr glücklich, dass es so viel wunderbare Literatur auf Deutsch gibt. Natürlich singe ich auch gern in anderen Sprachen, das bedarf nur einer anderen Vorbereitung.

Haben Sie einen Pianisten, mit dem Sie oft in Recitals zusammenarbeiten? Was sind seine/ihre besten Eigenschaften?

Ich arbeite sehr gerne mit Sir András Schiff zusammen. Er ist einer der intelligentesten, einfühlsamsten, musikalischsten und humorvollsten Pianisten, die ich kenne, und was wenige sonst schaffen: mit ihm gelingt das wirkliche Musikmachen in dem jeweiligen Moment immer. Mit ihm gelingen jedes Mal neue Interpretationen. Nie wird es routiniert... Es ist fast wie ein unsichtbares Band des Verständnisses mit ihm, so genau hört er zu und gibt doch selbst Impulse.

Auch mit Michael Gees musiziere ich sehr gern. Wir haben unser gemeinsames Projekt, die Improvisation, über die wir zusammengewachsen sind. Und auch er ist ein ganz besonders fantasievoller und feiner Zuhörer, ein kluger Ahnender, ein Klangzauberer.


Anna Lucia Richter wird unter anderem am 28. Januar in der Londoner Wigmore Hall und im April beim Heidelberger Frühling zu hören sein. Hier finden Sie weitere Termine.