Mit seinem zweiten Namen Wolfgang war Erich Korngold vielleicht von Anfang an das Komponisten vorbestimmt. Er wurde 1897 in Brno (damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien) als Sohn von Dr. Julius Korngold, Musikkritiker der Neuen Freien Presse, geboren. Er war ein wirkliches Wunderkind im Komponieren. Als er Mahler 1909 seine Kantate Gold vorspielte, nannte der ihn ein „musikalisches Genie“ und empfahl ihn zum Studium mit Zemlinsky. Sein erstes Orchesterwerk schrieb er im Alter von vierzehn Jahren, seine erste Oper, Die tote Stadt, mit dreiundzwanzig. Korngolds Musik wurde sowohl von Puccini als auch Richard Strauss sehr gelobt, eine Musik in opulentem Kompositionsstil, der jedoch später für lange Zeit als „typisch Hollywood“ eher abschätzig beäugt wurde.

Der Grund für diese Spitze war, dass Korngold einer der großen, wenn nicht gar der größte Filmkomponist war und sein Stil zum Synonym dafür wurde, was man von der Musik eines Hollywood-Films erwartete. Hört man sich einmal seine frühen Konzertkompositionen an, bemerkt man, dass seine musikalische Sprache in Filmmusiken mit mitreißenden Melodien und üppigen Harmonien davon gar nicht so weit entfernt ist, und dieser Stil wurde von anderen Komponisten für für Leinwand nachgeäfft.

In den 1920er Jahren war der junge Korngold an Arrangements von Operetten beteiligt, einschließlich erfolgreicher Versionen der Fledermaus und La belle Hélène mit Max Reinhardt. Dieser lud ihn 1934 nach Hollywood ein, um Mendelssohns Schauspielmusik für eine Filmversion des Sommernachtstraumes - Reinhardts einziger vollständiger Tonfilm – zu adaptieren.

Ursprünglich auf sechs Wochen ausgelegt, dauerte es jedoch beinahe sechs Monate bis zum Abschluss des Projektes. In dieser Zeit lernte er das Handwerk, Musik zu einem Film passend zu machen. Als er eine Filmrolle sah, fragte er einen Techniker, wie lange ein Fuß Film war. „Zwölf Zoll,“ kam die lakonische Antwort. Korngolds Frage aber bezog sich darauf, wie lange es auf dem Bildschirm dauerte – eine technische Frage, die so noch niemand gestellt hatte, und zu der niemand auf Anhieb eine Antwort wusste. Als er herausfand, dass ein Fuß Film 2/3 einer Sekunde lang war, lächelte er scheinbar und sagte „Ah, genau die gleiche Länge wie die ersten zwei Takte von Mendelssohns 'Scherzo'!“

Die Kreation der Filmmusik war ein dreistufiger Prozess. Korngold machte vorläufige Aufnahmen, dirigierte dann das Studio-Orchester für komplizierte Aufnahmen mit Ton und Bild zur gleichen Zeit, und für andere Einfügungen, nachdem der Film geschnitten worden war. Er gab sogar den Schauspielern ihre Sprecheinsätze, damit sie synchron mit der Musik waren. Während Korngold etwas Übergangsmusik im Stile Mendelssohns selbst komponierte, übernahm er auch Musik aus anderen Werken, beispielsweise der Schottischen Symphonie und den Liedern ohne Worte

Diese Erfahrung war eine gute Vorbereitung für das folgende Jahr, in dem er abermals nach Hollywood eingeladen wurde, um Musik für Paramount und Warner Bros. zu schreiben. Seine Herangehensweise an Filmmusik war im Prinzip die, „Opern ohne Gesang“ zu schreiben, die Leitmotive für die verschiedenen Figuren boten. Seine erste eigene Filmmusik war Unter Piratenflagge (im Original Captain Blood), ein Mantel-und-Degen-Film mit Errol Flynn über einen eingekerkerten Doktor und seine Mitgefangenen, die entkommen und Piraten werden.

Er musste lernen, sehr schnell zu komponieren, oft mit gerade einmal sieben Wochen Zeit, um eine gesamte Filmmusik zu schreiben. Für Unter Piratenflagge bekam er lediglich drei Wochen und plünderte ein paar von Liszts Tondichtungen für einige der Action-Szenen. Hier sehen Sie Errol Flynn und Basil Rathbone im Duell: 

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zog Korngold mit seiner Familie dauerhaft in die Vereinigten Staaten und schwor, keine Konzertwerke mehr zu schreiben, bis Hitler entmachtet würde. Er nutzte sogar sein Einkommen aus den Filmmusiken, um Freunde und Kollegen zu unterstützen, die aus Europa geflohen waren.  Robin Hood, König der Vagabunden (im Original The Adventures of Robin Hood) war seine erste Filmmusik im US-Exil und brachte ihm einen Oscar ein – es war das erste Mal, dass ein Academy Award an einen Komponisten, nicht die Musikabteilung des Studios vergeben wurde.

Abermals war Errol Flynn der schneidige Held, mit Olivia de Havilland als Lady Marian und Basil Rothbone in der Rolle des Sir Guy von Gisbourne. Unter seinen achtzehn Filmmusiken ist Robin Hood sein Meisterwerk. Korngold wusste, dass Zeit wie üblich essentiell war, wenn er nach Hollywood kommen würde, und verbrachte zuvor Stunden mit Vorbereitungen. Sein Vater schlug vor, dass eines seiner frühen Konzertstücke, Sursum Corda, nützliches Material bieten könnte, und sein Trompetenthema gibt der Musik zu Robin Hood ihren Charakter. Auch Musik aus seiner Ein-Akt-Oper Die Kathrin kam zum Einsatz, und der Marsch von Robins Männern (Marsh of the Merry Men Rosen aus Florida geschrieben hatte.

 

Das Duell zwischen Robin Hood und Sir Guy ist eine der besten Schwertkampf-Choreographien in der Geschichte Hollywoods, und Korngolds Musik ist Schlag für Schlag exakt darauf abgestimmt:

Dem folgten andere historische Romanzen, einschließlich des beliebten Günstling einer Königin (The Private Lives of Elizabeth and Essex). Der Herr der sieben Meere (The Sea Hawk, 1940) war Korngolds letzter Mantel-und-Degen-Film, und eine seiner längsten und ausgefeiltesten Musiken. Errol Flynn spielte auch hier die Hauptrolle eines englischen Freibeuters, der England unmittelbar vor der Spanischen Armada verteidigt. 

1943 wurde Korngold amerikanischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Los Angeles, doch 1945, am Ende des Krieges, war er zunehmend desillusioniert vom Schreiben für den Film und wollte lieber wieder für den Konzertsaal komponieren, was ihm wiederum als Verrat an Hollywood vorgeworfen wurde. Wo er zuvor einige Elemente seiner frühen Konzertmusik für den Film nutzte, so wendete sich nun das Blatt, und man kann den Einfluss seiner Filmmusik auf spätere Kompositionen deutlich sehen. Geschickterweise hatte Korngold sichergestellt, dass ihm sein Studiovertrag erlaubte, an allem, was er geschrieben hatte, die Rechte zu behalten.

In seinem wundervollen Violinkonzert beispielsweise bezog er sich im ersten Satz auf seine Musik zu Another Dawn (1937), in der Romanze auf Ein rastloses Leben (Anthony Adverse, 1936), und im schneidigen Finale auf Der Prinz und der Bettelknabe (The Prince and the Pauper, 1937). 

Korngold kehrte erst 1949 nach Österreich zurück, doch seine späteren Werke waren anfänglich nicht von Erfolg gekrönt, besonders nicht in Wien. Rümpften die Kritiker aufgrund seines Hollywood-Erfolges die Nasen? Hatte sich der Geschmack des Wiener Publikums verändert? Zum Glück wird sein Konzertschaffen nun angemessen als eigenständige Leistung gefeiert, und seine Filmmusiken begeistern noch heute.

 

Quellen:

Brendon G. Carroll: The Making of Max Reinhardt’s celebrated Film of “A Midsummer Night’s Dream” (CPO)

The Korngold Society

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck