Auch nach über vier Jahrhunderten seit seinem Tod bleibt William Shakespeare eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für Komponist*innen. Seine Stücke – reich an psychologischen Nuancen, politischen Intrigen und lyrischen Bildern – haben Musik aller Genres inspiriert, von Grand ópera über Tondichtungen und Ballette bis hin zur Bühnenmusik. Viele der Stücke des Dichters enthalten selbst Lieder, die zu weiteren Vertonungen einladen. Während sich die Tragödien für Komponist*innen als die attraktivsten Stücke erwiesen haben, fanden die Komödien und Historienstücke im Allgemeinen weniger Anklang.

Manche Komponist*innen folgen Shakespeares Erzählbogen genau, wie in Opernadaptionen, die Charaktere und Handlung beibehalten, während andere die Essenz eines Stücks in rein orchestrale Form bringen. Diese Playlist vereint zehn Werke – ich habe versucht, keine Stücke oder Komponisten doppelt aufzunehmen –, die die Bandbreite von Shakespeares musikalischem Nachleben einfangen und die Jahrhunderte von der frühen Romantik bis zur Moderne des 21. Jahrhunderts überspannen. Sie zeigen, wie Komponisten den Barden immer wieder neu entdeckt – und neu gehört – haben. „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, sing, sing; bis ich mit Freude bin erfüllt ...“
1Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum
Shakespeares Feen, Liebende und Landbewohner inspirierten Musikwerke von Henry Purcells Masque The Fairy-Queen bis hin zu Benjamin Brittens Oper, doch die schönste Vertonung stammt aus der Romantik. Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte seine Ouvertüre zu Ein Sommernachtstraum, als er noch ein Teenager war. Es ist eine bemerkenswerte Verdichtung von Shakespeares Stück, die hauchzarte Feenmagie und die tollpatschigen, „groben Handwerker“ heraufbeschwört, einschließlich des Geschreis von Bottom, der in einen Esel verwandelt wird. 16 Jahre später komponierte er dann die Bühnenmusik zu dem Stück und tauchte dabei mühelos wieder in die Feenwelt seiner jugendlichen Ouvertüre ein.
2Prokofjew: Romeo und Julia
Die vom Schicksal getrennten Liebenden Romeo und Julia haben unzählige Komponist*innen inspiriert, von Tschaikowsky und Gounod bis hin zu Leonard Bernstein (West Side Story), doch Sergej Prokofjews Ballett hat sich als eine der besten Vertonungen von Shakespeares Werk für die Tanzbühne erwiesen. Vom kraftvollen Tanz der Ritter bis zur leidenschaftlichen Balkonszene ist es voller dramatischer Musik, die große Choreograf*innen von Sir Kenneth MacMillan über Rudolf Nurejew bis hin zu John Neumeier inspiriert hat. Hier ist Nurejew – als Romeo – mit Margot Fonteyn als Julia in der Verfilmung von MacMillans Version vom Royal Ballet aus dem Jahr 1966.
3Verdi: Falstaff
Giuseppe Verdi war ein begeisterter Shakespeare-Leser und hatte eine italienische Übersetzung der Stücke immer griffbereit neben seinem Bett liegen. Drei seiner Opern basieren auf Werken des Barden. Sein frühes Werk Macbeth, das er später überarbeitete, ist bereits großartig, doch seine letzten beiden Opern – Otello und Falstaff – sind absolute Meisterwerke, beide mit meisterhaft gestalteten Libretti von Arrigo Boito. Otello enthält eine der anspruchsvollsten Tenorrollen im gesamten Repertoire und steht Shakespeares Stück in nichts nach; doch Falstaff, ein wunderbares Ensemblewerk, übertrifft das ursprüngliche Shakespeare-Material (Die lustigen Weiber von Windsor und Teile aus Heinrich IV.) bei weitem. Leider kam eine vierte Oper, King Lear, nie zustande.
4Vaughan Williams: Serenade to Music
„Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!“ Ralph Vaughan Williams’ Serenade to Music ist eine Vertonung von Lorenzos Zeilen aus dem fünften Akt von Der Kaufmann von Venedig. Das Werk wurde als Hommage an den Dirigenten Sir Henry Wood geschrieben und ursprünglich für 16 Sänger*innen komponiert, von denen jede*r eine Solopassage erhält; oft wird es jedoch – wie hier – in einer Fassung für Chor und Orchester aufgeführt. Die Musik enthält zudem ein prominentes Violinsolo. Die Uraufführung fand 1938 bei einem Konzert in der Royal Albert Hall statt, bei dem Sergei Rachmaninow sein Zweites Klavierkonzert aufführte. Als er die Serenade hörte, war Rachmaninow zu Tränen gerührt.
5Tschaikowsky: Hamlet
Tschaikowsky schuf drei Orchesterwerke, die auf Shakespeare zurückgreifen. Die Fantasie-Ouvertüre Romeo und Julia ist das bekannteste, doch er komponierte auch The Tempest und Hamlet. Letzteres folgt nicht der Handlung des Stücks, sondern ist vielmehr eine psychologische Darstellung der gequälten Titelfigur. Schon beim ersten Paukenwirbel und den klagenden Streichern wird uns klar, welche Tragödie sich gleich entfalten wird. Es gibt ein Oboenthema (Ophelia?) und einen blechernen Marsch, während die Motive aufeinanderprallen und Hamlet in den Abgrund starrt.
6Dvořák: Othello
Antonín Dvořáks Konzertouvertüre Othello (1891) ist eine brillante Umsetzung von Shakespeares Drama – düster, bedrückend und leidenschaftlich. Eifersucht durchzieht die musikalische Darstellung von Othello und Desdemona. Vielleicht kannte Dvořák Verdis Oper, die 1887 uraufgeführt worden war, denn die Kontrabassstimme in seiner Ouvertüre ähnelt auffallend der Szene in Verdis vierten Akt, die auf Desdemonas „Ave Maria“ folgt, als Otello erscheint, um sie zu ermorden.
7Finzi: Let Us Garlands Bring
Im Jahr 1942 stellte Gerald Finzi fünf Vertonungen von Shakespeare-Liedern unter dem Titel Let Us Garlands Bring (die letzte Zeile aus Who is Silvia?) zusammen und widmete sie Ralph Vaughan Williams zu dessen 70. Geburtstag. Es sind wunderschöne Vertonungen, in denen sich Elegien und Liebeslieder abwechseln. Am bewegendsten ist Fear No More the Heat o' the Sun aus Shakespeares Cymbeline, das RVW für eines der schönsten Lieder hielt, die je geschrieben wurden.
8Berlioz: Le Roi Lear
1827 sah Hector Berlioz eine Truppe englischer Schauspieler, die im Théâtre de l’Odéon in Paris Hamlet aufführte. Er war nicht nur von Shakespeare begeistert, sondern auch von der irischen Schauspielerin Harriet Smithson, die Ophelia spielte, was eine wahre Obsession auslöste, die er in seiner Symphonie fantastique musikalisch festhielt. Shakespeare wurde für ihn ebenfalls zu einer Art Obsession, was zu Werken wie der Ouvertüre König Lear führte, einem kompakten Stück, das düster und dramatisch beginnt. Berlioz hinterließ keine detaillierte Beschreibung, doch die Oboenmelodie könnte durchaus für Cordelia stehen. Zu Lears Wahnsinn schrieb Berlioz: „Ich beabsichtigte lediglich, es gegen Mitte des Allegros darzustellen, wenn die tiefen Streicher während des Sturms das Thema der Einleitung aufnehmen.“
9Barber: Antony and Cleopatra
Ähnlich wie bei Benjamin Britten und Peter Pears in Ein Sommernachtstraum verwendet Franco Zeffirellis Libretto zu Antony und Cleopatra ausschließlich Shakespeares Verse. Samuel Barbers Oper wurde 1966 zur Eröffnung des neuen Metropolitan Opera House in Auftrag gegeben und war ein Sprungbrett für die große Sopranistin Leontyne Price, die die Rolle der Cleopatra uraufführte. Die gigantische Inszenierung – typisch Zeffirelli – erwies sich als problematisch. Während der Generalprobe blieb Price bekanntlich in einer riesigen hydraulischen Pyramide stecken. Barber überarbeitete die Oper später, doch sie erlangte nie großen Erfolg, was schade ist. Nur zwei Szenen für Cleopatra haben Eingang in das Repertoire gefunden („Give me my robe“, hier ein Auszug). Im Jahr 2022 feierte eine neue Antony and Cleopatra, komponiert von John Adams, Premiere. Vielleicht ist ihr mehr Glück beschieden.
10Adès: The Tempest
Thomas Adès’ zweite Oper (2004) basiert auf einem Libretto von Meredith Oakes, das Shakespeares Text drastisch umschreibt und ihn zu fast reimenden Zweizeilern verdichtet. Im Mittelpunkt der Handlung steht Prospero, der entthronte Herzog von Mailand, der mit seiner Tochter Miranda im Exil auf der Insel lebt. In Prosperos Macht steht der Geist Ariel, eine Rolle, die von einer Koloratursopranistin gesungen wird und deren Gesangslinien wie ein Hochseilakt in einer extrem hohen Tessitura geschrieben sind. Stellen Sie sich Mozarts Königin der Nacht mit Helium vor!
Bonus: Cole Porter: Kiss Me, Kate
Neben West Side Story ist eines der besten Musicals nach Shakespeare Cole Porters Kiss Me, Kate, eine ausgelassene Adaption der Komödie Der Widerspenstigen Zähmung. Es enthält die Hits „Another Op'nin', Another Show“, „Too Darn Hot“ und das amüsante Duett zweier Gangster, „Brush Up Your Shakespeare“.
Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.














