Vor hundert Jahren war Budapest eine der modernsten Städte Europas, mit breiten Alleen und prächtigen Gebäuden, die ganz neu gebaut worden waren. Zwei Weltkriege und ein halbes Jahrhundert Kommunismus später hat die Stadt einen riesigen Nachholbedarf an Sanierung. An diese Aufgabe wird mit Entschlossenheit herangegangen, doch sie ist enorm: schon der beiläufigste Blick zeigt große Hotels und Kaufhäuser, die wieder zu ihrer früheren, sezessionistischen Pracht hergerichtet wurden, auf Tuchfühlung mit dem „aus Alt mach Neu“-Flair der Ruin-Pubs.

 

Aber inmitten aller Renovierung sticht ein Gebäude heraus, bei dem die Ungarn einfach von Neuem begonnen haben: der Palast der Künste (dort auch bekannt als Müpa, eine Abkürzung des ungarischen Művészetek Palotája). Er befindet sich an der Donau am Südende des inneren Alleenrings von Pest, und es wird auf den ersten Blick deutlich, dass man gerade ein Gebäude betrachtet, das mit sehr wenigen Kompromissen gebaut wurde. Betritt man es (von einem oft windgepeitschten Park am Flussufer aus), so befindet man sich an einem eleganten und freundlichen Ort. Die Wärme wird ihm durch die großzügige Verwendung von hellem Holz - kanadischem Ahorn für die Wandvertäfelung, ungarische und chilenische Kirsche für den Rest – verliehen, während eine offene Gestaltung und eine immense Menge Glas für viel Licht sorgen.

 

Im März nächsten Jahres wird der Müpa zehn Jahre alt. Er beherbergt drei große Einrichtungen: den Nationalen Béla Bartók-Konzertsaal, das Festival-Theater und das Ludwig-Museum zeitgenössischer Kunst, doch auch eine Vielzahl an kleineren Räumen – es scheint, dass man, wo immer man in diesem Gebäude hingeht, einen Winkel findet, der zum Veranstaltungsort gemacht werden kann. Das Konzept der Auftraggeber war, dass der Müpa ein „kulturelles Einkaufszentrum“ sein solle, das alle noch so verschiedenen Menschen mit Interesse an Kultur anzieht: der Palast behauptet von sich, ie größte Anlage dieser Art in Zentraleuropa zu sein, und die ganze Palette an Musik, dramatischen und visuellen Künsten in einer Weise zusammenzubringen, wie es vorher nie versucht worden war.

 

Während das Festival-Theater und das Ludwig-Museum für die Ungarn wichtig ist, so ist der Béla Bartók-Saal mit seinen 1700 Sitzen die international bedeutendste der drei Einrichtungen, und natürlich auch die interessanteste für die Leser dieser Zeilen. Es ist ein attraktiver und komfortabler Saal – bei einem brandneuen Haus nicht überraschend – aber was am meisten beeindruckt, ist seine Akustik, das Werk des verstorbenen Russell John und seiner Agentur Artec (die nach Johnsons Tod 2007 im vergangenen Jahr an Arup verkauft wurde). Der Saal nutzt das „Kiste in der Kiste“-Prinzip (in kleinerem Rahmen vor allem bei Aufnahmestudios beliebt), in dem Gummifedern den gesamten Raum von externen Geräuschen isolieren. Die grob rechteckige Form fördert Seitenreflexionen, die dem Klang Fülle geben, wobei verschiedenste Tricks genutzt werden können, um die Innenoberflächen umzustellen und so für verschiedene Arten von Musik passend zu machen. Das Ergebnis ist insofern besonders erstaunlich, als dass ein Zuhörer weiter hinten im Saal auch im Nachhall des Orchesters das Timbre einzelner Instrumente noch detailliert ausmachen kann. Außerdem beheimatet der Saal die größte Orgel Europas außerhalb einer Kirche.

 

Ungefähr eine halbe Million Menschen besuchen über tausend Veranstaltungen im Müpa jedes Jahr. Die Architektur des Komplexes hat sich als absoluter Hit erwiesen, bei Einheimischen wie bei Besuchern, die primär für große Veranstaltungen wie das Budapester Frühlingsfestival in die Stadt kommen. Es ist eindeutig, dass so mancher Besucher beeindruckt nach Hause gegangen ist: Architekt Gábor Zoboki, der zufälligerweise ein gescheiterter Musiker ist, wurde darauf hin beauftragt, einen dem Müpa nicht unähnlichen Gebäudekomplex in Shenzhen zu bauen, der das Nashan Kunstmuseum beheimatet.

Wo staatliche Unterstützung für die hohen Künste in den Vereinigten Staaten weitgehend inexistent ist und es im Vereinigten Königreich wilde Diskussionen über deren Art und Ausmaß gibt, ist die Einstellung der ungarischen Regierung in dieser Hinsicht unmissverständlich: eine bedeutsame Aufgabe und Teil der Mission des Müpa ist es, sich um das zukünftige Publikum zu kümmern. Entsprechende Programme werden sehr aktiv verfolgt, um den Strom junger Leute in der Einrichtung – hauptsächlich aus Budapest und Umgebung, aber auch aus anderen Landesteilen – nicht abreißenzulassen. Veranstaltungen werden jeder Altersgruppe entsprechend angepasst, mit eigenen Konzerten für ältere Kinder von 11 – 18, Grundschulkinder von 4 – 10 und sogar Babies und Kleinkinder im Alter von 0 – 3 Jahren. Geschäftsführer Csaba Káel betont, dass die Matiné:e-Konzerte, die sich an die Altergruppe 11 – 18 richten, nun im Hauptsaal veranstaltet werden und damit den Kindern die Möglichkeit bieten, ein vollbesetztes Symphonieorchester unter bestmöglichen Umständen zu sehen. Die Kartenpreise für Kinder werden im Vergleich zu vergleichbaren Programmen in vielen anderen Ländern außergewöhnlich niedrig gehalten. Viele Veranstaltungen sind kostenlos, Stehplätze für die größeren Veranstaltungen kosten normalerweise 500 HUF (ungefähr 1,60€).

 

Wie in vielen anderen Häusern ist das Programm des Béla Bartók-Saals eine Mischung aus Bekanntem und Bahnbrechendem. Obwohl er ursprünglich primär für Orchestermusik gedacht war, konnte man doch in den letzten Jahren zunehmend auch halbszenische Operninvorstellungen und als Resultat draus eine Vielfalt an internationalen Gemeinschaftsproduktionen sehen. Ein paar davon sind in die entlegensten Winkel der Welt gereist, beispielsweise die letztjährige Jubiläumsvorstellung von Verdis Attila (je nach Sichtweise berühmter oder berüchtigter Ungar), die zusammen mit dem Shanghai Grand Theater produziert wurde. Als weitere neue Opernproduktionen gab es Ligetis Le grand macabre in Zusammenarbeit mit der Neuen Oper Wien und Péter Eötvös‘ Paradise Reloaded. Neben seiner Position als Geschäftsführer des Müpa ist Csaba Káel im Übrigen auch Filmdirektor (schauen Sie mal unter “Bánk Bán”) und Operndirektor, der in Ungarn und im Ausland arbeitet. Die Tatsache, dass Káel sowohl eine internationale künstlerische Präsenz als auch eine Führungsrolle für die Anlage innehat, hilft dabei, hochkarätige Projekte in Zusammenarbeit mit anderen Ländern auf den Weg zu bringen, allen voran eine Reihe anstehender Projekte mit dem Nationalen Zentrum für Darstellende Kunst in China.

 

Meine erster Erfahrung mit dem Müpa war eine halbszenische Aufführung des Ring-Zyklus (siehe Rezension), die ein Teil des „Wagner in Budapest“ Festivals war. Im Publikum saßen viele erfahrene Wagnerianer (von denen man im Pausengespräch oft hörte, „warum Jahre lang auf Tickets für Bayreuth warten?“), und diese Erfahrung überzeugte mich völlig von der Attraktivität dieses Hauses, der wundervollen Akustik und die Fähigkeit der Stadt, musikalische Talente erster Güte anzuziehen. Wenn Sie einmal nach Budapest kommen, nehmen Sie sich Zeit für einen Besuch. Wenn nicht, sollten Sie vielleicht Ihre Reisepläne noch einmal überdenken.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck