Der Oktober steht bei Bachtrack ganz im Zeichen des Barock. In den letzten Jahren haben wir den unaufhaltsamen Aufstieg von Countertenören beobachtet – sie sind überall! Jetzt ist es an der Zeit, von den führenden Countertenören unserer Zeit etwas über ihr Fach herauszufinden. Jake Arditti studierte an der Guildhall School of Music and Drama unter Andrew Watts und am Royal College of Music‚ mit Russell Smythe und wurde in der Zeitschrift The Observer als „angehender Star-Countertenor“ beschrieben.

Wie erklären Sie sich die explosionsartig gestiegene Beliebtheit von Countertenören?

Das Wiederaufleben barocker Opern und die Alte Musik-Bewegung des 20. Jahrhunderts sind an dieser Explosion schuld. Neben unserem stetigen Verlangen nach neuen Werken scheint es, dass Hörer und Interpreten gleichermaßen hungrig nach Schätzen der Alten Musik sind. Während Kastraten in der Zeit des Barock ihren unveränderten Cousins, den Countertenören, als klar überlegen galten, ist die Kastration glücklicherweise nicht mehr erlaubt. Dank unserem Paten Alfred Deller und anderen führenden Persönlichkeiten der Countertenor-Revolution des 20. Jahrhunderts wie James Bowman ist es weltweit ganz gewöhnlich geworden, Countertenöre auf Opernbühnen zu sehen.

Mit dieser neuen Beliebtheit und dem wieder aufflammenden Interesse an barocker Oper haben Countertenöre einen Ruhm erlangt, der mit dem der Kastraten vergleichbar ist. Die Kastraten waren die Popstars des 18. Jahrhunderts, und ich freue mich wahnsinnig, dass Publikum heute eine ähnliche Liebe und Faszination für die Countertenor-Stimme empfindet.

Welche Opernrolle mögen Sie am liebsten, und warum?

Ich gelte noch als recht junger Künstler, und ich muss das Repertoire erst noch voll erkunden. Davon aber abgesehen gibt es heute einige Rollen, die zu singen absolut großartig war. Am liebsten mag ich starke, dramatische Figuren von Händel wie Rinaldo und Xerxes. Jetzt gerade habe ich unheimlich viel Spaß als lebhafter Amore in Monteverdis L'incoronazione di Poppea am Theater an der Wien, wo ich mich schon jetzt wieder auf die Rolle des Nerone in einer neuen Robert Carson-Inszenierung von Agrippina freue. Wenn Sie mich fragen, je vielseitiger und dramatischer die Rolle, desto besser. Generell schaue ich mich nach Rollen um, die stimmlich zu meinem Umfang passen, alles andere ist ein Bonus. Wenn ich es singen kann, mache ich es!

Wann haben Sie Ihre Countertenor-Stimme entdeckt?

Nach einem schrecklichen Unfall! Nein, nicht wirklich! Ich habe jung als Knabensopran angefangen und in einigen Produktionen der English National Opera gesungen, dann Yniold (Pelléas et Mélisande) in Glyndebourne. Unvermeidlich gab es während meines Stimmbruchs, mit 13 oder 14, ein paar schreckliche Monate, in denen ich mich gefragt habe, ob ich je wieder singen würde. Ich habe über den Sommer eine Pause eingelegt und begann dann, an meiner Modalstimme zu arbeiten. Es war eine ziemlich traumatische Erfahrung und meine Stimme fühlte sich extrem fremd an. Die Leichtigkeit, die ich zuvor beim Singen hatte, war nicht mehr da, und ich wusste nicht, wo das alles hinführen sollte. Es passierte, als ich mit meiner Mutter, einer Bratschistin, am Klavier herumspielte – ich entdeckte, das ich ein Countertenor war. Sie spielte ihr Lieblingsstück, Bachs Präludium in C-Dur, mit den üblichen falschen Tönen, und ich begann, Gounods Ave Maria darüber zu singen. Was als bloßer Spaß anfing, war letztlich der Beginn meines Lebens als Countertenor.

Wie gehen Sie an da capo-Verzierungen heran? Gibt es ein Gleichgewicht zwischen künstlerischem Feuerwerk und gutem Geschmack?

Die da-capo-Form wurde von Komponisten genutzt, um Sängern Gelegenheit zu geben, den Arien Variationen und Verzierungen hinzuzufügen, wenn das Thema wiederkehrt. Es ist ein Werkzeug für Künstler, um ihr Können und ihre Finesse zu demonstrieren, Text und Musik bunt zu gestalten, die Dramatik zu verstärken und um ein Publikum zu werben. Bei Verzierungen muss man natürlich den Stil bedenken, doch Feuerwerk und Vokalakrobatik sind auch äußerst wichtig. So lange Ornamente dramatisch vertretbar sind und im Rahmen des guten Geschmacks bleiben, warum nicht. Ich sage, nur zu!

Was war das Verrückteste, Merkwürdigste, das Sie je auch einer Opernbühne tun sollten?

Das war erst kürzlich in einer Inszenierung von Ligetis Le Grand Macabre; ich habe einen extrem fetten und und übellaunigen US-Präsidenten als Prinz Go-Go gespielt. In der Szene mit Gepopo (dem Polizeichef) musste ich an der Koloratursopranistin ziemlich extreme sexuelle Handlungen vornehmen. Die arme Susanne Elmark hat stratosphärische Passagen gesungen, während sie über einen Tisch gebeugt von einem Mann in einem Fettanzug missbraucht wurde. Sie haben gefragt!

 Hier kommen Sie zu Jake Ardittis Künstlerseite auf Bachtrack.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.