Er ist der Komponist Schwedens, dessen Kompositionen international am meisten aufgeführt werden; seine kreativen Orchesterwerke begeistern die bekanntesten Orchester und Konzerthäuser der Welt. ABBAs Erbe in Bezug auf populäre Musik ist stark in Schweden, aber Anders Hillborgs einfallsreiche Klanglandschaft übt weltweit eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das Publikum aus – von der Walt Disney Hall in Los Angeles über die Berliner Philharmonie bis zur Tonhalle Zürich. Sich im jährlichen Komponisten-Festival im Stockholmer Konzertsaal dem gefragtesten Komponisten Schwedens zu widmen, liegt da natürlich nahe. Dabei werden in fünf Konzerten 25 seiner Werke präsentiert, die eine noch nie dagewesene Gelegenheit bieten, tief in Hillborgs musikalische Welt einzutauchen.

Der Direktor des Konzertsaales Stefan Forsberg betont, dass das Ziel des Festivals ist, all denjenigen Komponisten Aufmerksamkeit zu schenken, die einen bedeutsamen Einfluss auf die internationale Musikszene haben: „Wo immer ich hinreise, so preisen meine Kollegen auf der ganzen Welt Hillborgs musikalischen Einfallsreichtum. Und wenn man die Pendants zu den Michelin-Führern der Musikwelt wie die Berliner Philharmoniker, Renée Fleming oder Yo-Yo Ma fragt, so schwärmen sie alle von der Art und Weise, wie Hillborgs Musik das Orchesterrepertoire beschwingt, befreit und erneuert.“

Das Komponisten-Festival wurde vor 28 Jahren ins Leben gerufen und ist seitdem zu einer bedeutenden Institution in der Welt der klassischen Musik geworden. Für das Festival ausgewählt zu werden ist Ehre für die Komponisten und berührt sie sehr. In den letzten Jahren gehörten dazu beispielsweise die Gewinner des Polar Musikpreises Kaija Saariaho, Sofia Gubaidulina, Steve Reich und György Ligeti, aber auch Esa-Pekka Salonen (als Komponist), Hans Werner Henze, Henri Dutilleux und andere Koryphäen.

Hillborg wird nun bereits zum zweiten Mal Thema des Festivals, das erste mal aber, vor 15 Jahren, teilte er sich die Bühne mit seinen Zeitgenossen Pär Lindgren und Jan Sandström. Was ist seitdem passiert?

„Alles! Meine ganze Karriere! Bis auf wenige Ausnahmen wie das Violinkonzert, einige Kammermusik und das Chorstück muo:aa:yiy::oum wurden fast alle Werke, die nun beim Festival präsentiert werden, nach diesem ersten Mal geschrieben.“

Fans und bewundernde Kritiker vergleichen Anders Hillborg gerne mit John Adams. Hillborgs Musik ist voller verspielter Titel mit narrativem Twist - Cold Heat, Exquisite Corpse, Liquid Marble oder Eleven Gates. Und er zitiert Themen aus Disney-Filmen ebenso wie Motive von Richard Strauss oder Sibelius. Der musikalische Klimawandel hat über die Jahre schon einen Unterschied gemacht, meint Hillborg: „Heute ist eine sehr viel kreativere Zeit als die, zu der ich studiert habe. Damals hätten meine Kollegen mich ausgelacht, wenn ich gesagt hätte, dass West Side Story eine brillante Komposition ist,“ sagt Hillborg, der mit den Beatles im Ohr aufwuchs.

Er bestätigt auch die Wichtigkeit von Botschaftern, die Musik an ein weltweites Publikum herantragen. „Es sei denn, man ist selbst Komponist und Interpret, ist es natürlich unheimlich wichtig, in engem Kontakt mit den Musikern zu bleiben.“ In Hillborgs Fall sind das nur die allerbesten: Dirigent Esa-Pekka Salonen, Chefdirigent des Schwedischen Radiosinfonie Orchesters in den 1980ern, Dirigent Alan Gilbert, Klarinettist Martin Fröst und Sopranistin Renée Fleming. Auf einer erst kürzlich veröffentlichten CD mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra dirigieren Salonen, Gilbert und Sakari Oramo Hillbergs wichtigste Orchesterwerke. „Ich hätte wahrscheinlich keine Orchestermusik geschrieben, wenn es nicht einen so herrlich neugierigen und vielseitigen Dirigenten wie Salonen gäbe.“

Das theatralisch konzipierte Peacock Tales für Martin Fröst ist in zahllosen verschiedenen Fassungen um den Globus gereist. „Ich liebe es, wenn ein Stück durch einen Interpreten ein gewisses Eigenleben entwickelt. Martins Energie und Erfindergeist führte eine Weile lang zu verschiedenen Versionen des Stückes. Jetzt haben wir das auf drei Fassungen beschränkt,“ erklärt Hillborg.

Erstaunlich ist da, dass es eine Zeit gab, in der Anders Hillborgs Musik als unspielbar galt. Heute lacht er über die Reaktion des Auftraggebers seines Chorwerkes, muo:aa:yiy::oum, die Stiftung Rikskonserter: „Man teilte mir in einem Brief mit, dass man nie wieder ein Werk bei mir in Auftrag geben würde, denn meine Musik sei unspielbar,“ erinnert er sich. Heute gehört das Werk zum Standard-Repertoire für a cappella-Chöre, in dem sie ein rhythmisch komplexes Spektrum von Oberton-Serien ganz ohne Text zeigen können. „Ursprünglich hatte ich dazu einen Text von e.e. cummings gesetzt – zu der Zeit hat das jeder gemacht,“ sagt er ironisch. „Aber der Text hat die Musik kaputt gemacht, und die Musik den Text, also habe ich den Text weggelassen.“

Obwohl er Vokalmusik geschrieben hat – zuletzt einen orchestralen Liederzyklus für die Sopranistin Renée Fleming mit dem Titel Strand Settings – gesteht er, dass er mit Text seine Schwierigkeiten hat. „Renée und ich hatten ein intensives Gespräch, und ich wollte einen Text von Tomas Tranströmer verwenden, der gerade erst den Literatur-Nobelpreis verliehen bekommen hatte. Sowohl Renée als auch ich wollten einen englischen Text, aber als ich Tranströmers Gedichte auf Englisch las, hatte ich das Gefühl, dass so viel von ihrer Substanz in der Übersetzung verloren gingen.“

Stattdessen zeigte Fleming ihm Gedichte des kanadisch-amerikanischen Dichters Mark Strand. Was ist dann der Schlüssel zum Erfolg für Vokalmusik? „Ich weiß nicht!“ Hillborg deutet an, dass er es schwierig findet, realistische, zeitgenössische Lyrik zu vertonen, denn banale Details beschweren die Musik. Nichtsdestotrotz ist die menschliche Stimme ein zentraler Punkt in seinem musikalischen Verständnis. „Ich habe durch das Singen über Musik gelernt,“ sagt er, und erinnert mich auch daran, wie ich als Chorsängerin aufwuchs. „Durch das Singen habe ich Intervalle gelernt und ein Gefühl dafür bekommen, wie Musik konstruiert ist.“

Teil des letzten Konzertes des Komponisten-Festivals ist auch eine Welturaufführung von Beast Sampler, das im Laufe des Abends gleich zwei Mal gegeben wird. „Es gibt zwei Gründe dafür, es zwei Mal zu spielen: zum einen ist es viel einfacher für das Publikum, ein neues Werk zu erleben, wenn es das Stück ein zweites Mal hört. Zum anderen ist es pragmatisch: Ich wollte Probezeit einsparen.“

Das Biest, das ungezähmte, unkontrollierbare Tier ist natürlich das Orchester. „In Beast Sampler geht es eher um den Klang als um Tonhöhe. Es gibt einige „samples“ (dt. Beispiele, Auszüge) aus meinen früheren Werken, aber auch neue.“

Wie steht es um die Wasser-Thematik in seiner Musik? Die Titel beziehen sich oft auf Gezeiten, Meereswellen, Sirenen oder Unterwasserwelten, und der aufmerksame Hörer mag die fremden, verzerrten Klänge der Unterwasserwelt in seiner Musik hören. „Ich ging früher oft auf den Malediven und in Thailand tauchen...Tauchen Sie mal 12 Meter unter ein Korallenriff, da spielt die Musik! Aber das habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gemacht.“

Als wolle er an eine modernistische Anschauung des Gedankenstroms – das metaphorische Gegenstück der Wasser-Thematik – anschließen, gestaltete er das Programm des ersten Konzertes ohne eine einzige Pause und ließ ein Werk ohne Unterbrechung fließend in das nächste übergehen. „Warum nicht? Es ist mein Festival. Es ist meine Gelegenheit, etwas auszuprobieren, das ich nirgendwo anders machen kann.“

Stefan Forsberg sagte mir, „Zusammen mit Chefdirigent Sakari Oramo und unserem Freund Esa-Pekka Salonen freuen wir uns darauf, ein zweiwöchiges musikalisches Festmahl zu präsentieren, in dem jedes einzelne Stück die Signatur eines musikalischen Superstars trägt – und der ist Schwede!“

 

Dieser Artikel wurde vom Stockholmer Konzerthaus in Auftrag gegeben.