Die Menuhin Competition erwischt sie jung. Der künstlerische Leiter Gordon Back wird niemals die Begeisterung im Saal in Folkestone 1995 vergessen, als er Julia Fischer in Saint-Saëns’ h-Moll Konzert begleitete: „Sie war ein unglaubliches Talent, eine ausgereifte Künstlerin mit 13 Jahren. Es war einfach aufregend, mit ihr zu spielen, obwohl ich das Saint-Saëns bereits Million Mal in Menuhins Klassen begleitet hatte.”

Gordon Back
Gordon Back
Wo andere Wettbewerbe im Allgemeinen ein Alterslimit von 30 Jahren oder darüber haben, heißt jung tatsächlich jung bei der Menuhin Competition: die zwei Kategorien sind „Unter 16” und „Unter 22”. Das gibt dem Wettbewerb seinen besonderen Charakter und das ist es auch, was Back begeistert: „Mit jungen Leuten zu arbeiten hält dich jung, und es ist fantastisch diese jungen Talente zu entdecken.”

Back erinnert sich an Yehudi Menuhin wahrscheinlich so sehr wie jeder andere auch: seine Begegnungen mit Menuhin gehen zurück in die 1970er, als er Korrepetitor in seinen Meisterkursen war (er begleitete auch andere Größen dieser Ära, wie Nathan Milstein, Josef Suk oder Aaron Rosand). „Menuhin mochte Wettbewerbe eigentlich nicht besonders”, erzählt er. „Es ging im mehr darum, zukünftige Talente zu entdecken, und jemand, der mit 15 bereits Gewinner ist, muss nicht notwendigerweise der beste Spieler mit 22 sein. Es geht also nicht unbedingt darum, einen Gewinner zu finden, was bei vielen Wettbewerben der Fall ist, sondern darum, eine umfassende Auswahl an Talenten zu finden und zu fördern.” Er weist darauf hin, dass Nikolai Znaider 1991 den 5. Platz gewonnen hatte und seither eine großartige Karriere hat. Und es geht nicht nur um Solisten. Corina Belcea ist eine ehemalige Preisträgerin, ebenso wie der Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Daishin Kashimoto.

Ich frage, wie jung die Kinder sein können, dass er sich sicher sein kann, dass er eine wahre Starqualität erkennt und nicht nur Frühreife? Er erinnert sich an Yu-Chien Tseng, den er 2006 in Boulogne sah: „Da war dieses taiwanische Kind, 11 Jahre alt, er war niemals zuvor außerhalb Taipehs, er spielte Kreisler und brachte die Jury zum Weinen. Ich erinnere mich an Erich Gruenberg und Pamela Frank, denen Tränen über die Wangen liefen, weil man schwören konnte, dass man Kreisler spielen hörte, es war einfach magisch.”

Tseng erreichte Großes. 2015 gewann er den ersten Preis bei der Singapore Violin Competition und letztes Jahr unterschrieb er einen Vertrag bei Deutsche Grammophon. Aber Back hebt auch die Ungewissheiten hervor: „Natürlich ändert es sich, wie sich jemand entwickelt. Julia hat eine fabelhafte Karriere und entwickelt sich andauernd weiter. Aber wenn man unglaubliches Talent im Alter von 13 bis 15 Jahren sieht, kann man niemals vorhersagen, wer es zu etwas bringt und wer sich in seinen 20er weiterentwickelt.”

Julia Fischer © Felix Broede
Julia Fischer
© Felix Broede
Als Back 2004 künstlerischer Leiter wurde, befand er, dass es an der Zeit war, das Format des Wettbewerbs zu ändern. „Die Jurys der meisten Wettbewerbe in der Welt bestehen hauptsächlich aus Lehrern und ich habe sie insofern geändert, dass sie aus Künstlern besteht. Im Grunde ist die Veranstaltung also mehr zu einem Festival geworden, da alle neun Jurymitglieder ein Konzert spielen werden, einen Meisterkurs anbieten und die Kinder treffen und lehren, zusätzlich als nur in der Jury zu sitzen. Es schafft beinahe eine nicht-wettbewerbliche Atmosphäre, sodass sich die Kinder gut untereinander verstehen. Aufgrund ihres Alters ist es für viele ihr erster internationaler Wettbewerb, also wollen wir ein Umfeld schaffen, in dem sie sich wohlfühlen und gut spielen wollen und auch eine Art Kameradschaft untereinander entwickeln.”

Back hat außerdem das Gefühl, dass Künstler offener gegenüber unterschiedlichen Stilen sind als Lehrer: „Wir ermutigen die Kinder, dass sie hinausgehen und spielen und ihre eigene Persönlichkeit auf der Bühne zeigen, und nicht einen bestimmten Stil zu spielen. Pamela Frank, die Vorsitzende der Jury, ermutigt sie, dass sie bis zum Umfallen spielen sollen, selbst wenn sie dabei Fehler machen – es geht nicht um Perfektion.”

Besonders für die Juniors ist es entscheidend, dass die jungen Musiker internationale Konzerterfahrung sammeln. „Es gibt keinen Ersatz dafür, tatsächlich auf der Bühne zu stehen, aber es ist gefährlich, jemanden zu früh zu sehr zu drängen. Ray Chen gewann 2004 den dritten Preis in der Junior-Kategorie in London. 2008 kehrte er zurück und gewann den ersten Preis und jetzt hat er eine großartige internationale Karriere. Wir versuchen das Talent zu fördern, wir versuchen ihnen zu helfen, sie zu beraten, zu lehren, aber sehr behutsam, es dreht sich nicht alles um den ersten Preis.”

Maxim Vengerov
Maxim Vengerov
Falls es einen Weg gibt, diese Kinder ohne der mühsamen Leitung eines Wettbewerbs zusammenzuführen, hat man das Gefühl, dass Back diesen verstanden hat. „Menuhin selbst war ein Wunderkind und hatte eine schwierige Kindheit, er hatte also eine große Leidenschaft für diesen Wettbewerb, er sorgte sich darum und liebte den Kontakt mit den Kindern. Eigentlich wollte er immer allen einen Preis geben. In den frühen Tagen von Folkestone saß er wie ein Rattenfänger mit 20 Kindern um ihn herum da und sprach mit ihnen über Bachs Chaconne: er war ein wunderbarer Mensch und so viel mehr als nur ein Geiger. Ich habe versucht seine anfänglichen Philosophien der ersten Tage für den Wettbewerb beizubehalten, aber manchmal muss man sich auch neu erfinden. Wir hatten diese Idee, eine neue Veranstaltung du gestalten, eher mit einer Festival-Atmosphäre, wo alle Jurymitglieder auftreten. Es ist eine Inspiration für die Teilnehmer und manchmal jagt es auch der Jury Angst ein. Immerhin reden wir von den besten 44 Kindern der Welt, also üben sie und nehmen ihre Konzerte ziemlich ernst.”

Aufgrund der starbesetzten Jury, scheint dies überraschend. „Sogar Vengerov?”, frage ich. „Sogar Vengerov – ganz genau! Ich habe Maxim 2004 in die Jury aufgenommen, bei unserem ersten Wettbewerb in London. Er war das jüngste Jurymitglied, er war nie zuvor in einer Jury und liebte es. Er war etwas unsicher, wie er sich verhalten sollte, aber er sagte, dass er eine Menge dadurch gelernt hat.”

Ein Teil der Neuerfindung der nächsten Ausgabe in 2018 ist Improvisation. Die Juniors werden eine 2 bis 3-minütige freie Improvisation einer 4 bis 8-taktigen Phrase spielen, während die Seniors ihre eigene Kadenz für ihr gewähltes Mozart Konzert komponieren müssen. Back ist aufgeregt. „Das ist neu! Bis in die 1920er wurden immer Improvisationen gespielt, bis es allmählich ausstarb und ich finde es wundervoll, es in einen Wettbewerb einzubauen. Die Kinder lieben es, besonders die jüngeren, während es die Lehrer und Eltern in Panik versetzt. Aber ich glaube, dass es wirklich wichtig für die Entwicklung der Kinder ist. Und für die Jury ist es ziemlich interessant zu sehen, es entscheidet nicht wirklich darüber, wer ins Semifinale kommt, aber es trägt einen neuen Anhaltspunkt für die Jury bei.”

Eine weitere Erfindung Backs ist es, den Wettbewerb alle zwei Jahre in einer anderen Stadt zu veranstalten. 2018 in Genf: „Es ist ein UN-Hauptquartier und der Sitz zahlreicher Internationaler Organisationen, also ist es großartig, hier einen internationalen Wettbewerb zu haben. Die ersten Runden finden an der École internationale de Genève statt, die Teilnehmer werden also bei unterschiedlichen Gastfamilien, deren Kinder die Schule besuchen, untergebracht. Dann übersiedelt der Wettbewerb ins Konservatorium, wo es eine wunderbare Halle für Kammermusik und Soloabende gibt, und das Finale findet in der Victoria Hall statt, ein fabelhaftes Rokoko-Gebäude aus den 1890er mit einer großartigen Akustik. Ich wollte ein wirklich wundervolles Orchester und glücklicherweise hat der Sponsor gesagt ,bringt wen ihr wollt’, also haben wir das Orchestre de la Suisse Romande, das Orchestre de Chambre de Genève und das Royal Philharmonic Orchestra.”

Yehudi Menuhin © David Roberts
Yehudi Menuhin
© David Roberts

Zusätzlich zur klassischen Violine, wird es auch andere Elemente geben. „Es wird ein Konzert mit Roby Lakatos, einem ungarisch-rumänischen Jazzvirtuosen, geben, den ich persönlich liebe und wir arbeiten mit dem Montreux Jazz Festival zusammen, also werden nächsten Sommer einige Gewinner nach dem Wettbewerb dorthin gehen und lernen, wie man Jazz spielt. Eine weitere Veranstaltung wird die Purple Nights sein, mit elektronischer Musik. Es ist ein breit gefächertes Festival.”

Da die Musiker jung sind, sind auch die meisten Zuhörer jung und enthusiastisch. Veranstaltungen wie mit Lakatos versuchen einen anderen Querschnitt and Leuten ins Publikum zu bringen, und die Gastfamilien gründen meistens eigene kleine Fanclubs für jeden Teilnehmer: sie sind unglaublich aufgeregt, wenn es „ihr” Teilnehmer ins Halbfinale oder sogar Finale schafft.

Ich frage, ob sich das allgemeine Level über die Jahre verbessert hat. „Das technische Level heutzutage ist verblüffend. In den frühen Jahren gab es einen klaren Unterschied zwischen den technischen Aspekten, wenn es um die Programme für die Juniors und Seniors ging. Heute gebe ich den Juniors Musik vor, die vor Jahren noch die Seniors gespielt hätten.” Aber Back ist sich nicht sicher, ob das Niveau noch weiter steigen kann, und ist abgesehen davon nicht überzeugt, dass es der wichtigste Punkt auf der Agenda ist: „Es kommt noch immer selten vor, dass man ein großes, großes Talent findet: ein Menuhin, ein Milstein oder ein Vengerov. In manchen Aspekten hat die technische Exzellenz vielleicht manche daran gehindert aufzutauchen: früher einmal konnte man eine Aufnahme hören und erkennen, ob es Rubin oder Menuhin oder Milstein oder Josef Suk war. Es ist seltener geworden, dass man jemanden mit einer gänzlich individuellen Qualität findet, den man wiedererkennt.”

„Es geht noch immer um die Seele, oder nicht? Als Menuhin in den 70ern nicht gut spielte, würde man in ein Konzert gehen und er hatte körperliche Probleme und Teile des Konzerts hätte er sicherlich nicht am höchsten Niveau gespielt, aber im langsamen Satz einer Beethoven Sonate oder Konzertes, war es, als sähe man Gott, als ob man aus der Halle schwebte. Selbst bei diesen jungen Künstlern haben manche die Fähigkeit, dich woanders hinzuführen: zu erkennen, woher dieses Talent kommt, das ist es, was den Wettbewerb so spannend macht.”

 

Die Menuhin Competition 2018 findet vom 12. bis 22. April in Genf statt.

Diese Interview wurde von der Menuhin Competition gesponsert.

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.