Jörg Widmann gilt als einer der aufregendsten Musiker unserer Zeit. Seine Kompositionsaufträge führen Ihn zu den weltweit besten Orchestern, während er als Klarinettist auf den größten Bühnen der Welt steht. Vor seinem Konzert in der Londoner Wigmore Hall, wo er momentan Artist in Residence ist, habe ich den bayerischen Klarinettisten getroffen und mit ihm über Weber und zeitgenössische Musik gesprochen, über die Magie dieses "alten Holzblasinstruments" und darüber, die richtige Balance zwischen dem Komponieren und dem Klarinettespielen zu finden.

Jörg Widmann © Marco Borggreve
Jörg Widmann
© Marco Borggreve

„Es wäre schön, wenn es ein Mozart-Stück gewesen wäre.“ Warum er sich letztendlich als Kind für die Klarinette entschieden hat, weiß Widmann nicht mehr. „Das war in der musikalischen Früherziehung und eines Tages kam ich nach Hause – zumindest sagen das meine Eltern so – und habe gesagt, ich will Klarinette lernen.“ Bei der Beschreibung, was die Klarinette auszeichnet, was die Faszination dieses Instruments ausmacht, beginnen seine Augen zu leuchten. „Auf jeden Fall die Vielfalt, aber es ist natürlich auch die Magie des Klangs. Die Fähigkeit, den Klang aus dem Nichts zu entwickeln und wieder im Nichts verschwinden zu lassen. Man sieht den Klarinettisten zwar physisch stehen, aber der Klang – im Idealfall – scheint, wie aus einer anderen Welt zu kommen. Ich habe viele Klänge auch selber entwickelt oder erfunden, die aus dieser Faszination herauskommen. Und da bin ich mir sicher, dass auf diesem alten Holzblasinstrument noch ganz viele neue Sachen möglich sind, die noch gar nicht gedacht sind.“

Wolfgang Rihm schrieb seine Musik für Klarinette und Orchester für Jörg Widmann und der Klarinettist sieht es als Aufgabe des Interpreten, neue Dinge, neue Klänge möglich zu machen. „Als ich das geschickt bekommen habe, habe ich gedacht, ja, wer soll das spielen? Also ich nicht. Wie soll ich das machen? Das ist wie bei Schumanns Fantasiestücken, die wir heute Abend spielen. Jeder Klarinettist weiß, das ist extrem schwer, weil man kaum Pausen hat. Man spielt eigentlich 13 Minuten durch, dann schreibt er auch noch attacca zwischen den Sätzen. Das Rihm-Klarinettenkonzert ist wie dreimal Schumann; es gibt nur eine einzige Pause nach 35 Minuten. Da habe ich richtig wie ein Sportler Übungen gemacht, damit ich das spielen konnte, was mir auch für andere Stücke was gebracht hat.“

Widmann ist nicht nur Klarinettist, sondern ein weltweit gefragter Komponist. Deshalb frage ich ihn, wie schwierig es sei, seinen inneren Komponisten zurückzuhalten, wenn ihm neue Stücke gewidmet werden. „Ich halte sie nicht zurück, ich animiere sie, das Unmögliche zu schreiben. Wenn sie fragen, ob etwas möglich sei, dann sage ich, erst mal schreiben, dann probieren. So war es mit Heinz Holliger, mit Wolfgang Rihm, mit Aribert Reimann, mit allen, die für mich geschrieben haben. Das Violinkonzert von Tschaikowsky galt damals als unspielbar und heute spielen die das im ersten Semester. Wenn der Geiger damals gesagt hätte, dass es nicht möglich sei, hätten wir es heute nicht.“

„Deshalb probiere ich es ein paar Wochen und bei der Gelegenheit finde ich oft wieder andere Klänge, was dann wiederum die Komponisten inspirieren kann. Ich glaube, dass Musikgeschichte immer so funktioniert hat. Bei der Königin der Nacht-Arie nehme ich an, obwohl wir es nicht wissen, dass die Sängerin eingesungen hat und Mozart hat irgendwann gesagt ‚Wie weit kannst du gehen? Kannst du das auch mit dem hohen F machen?‘ Diese Sopranistin konnte das offenkundig und er hat diese moderne Arie, „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“, geschrieben. Diese ganze Passage ist ja im Prinzip ohne Text, das sind nur Vokale. Auch das Duett von Papagena und Papageno am Schluss, da muss man mal draufkommen, das ist neue Musik!“

Er selbst kam über das Improvisieren auf der Klarinette zum Komponieren, weil er es am nächsten Morgen Schade fand, sich nicht mehr an die schönen Stellen erinnern zu können. „Dass es manchmal viel schmerzhafter und komplizierter ist, das musste ich erst lernen. Ich finde es aber heute noch eine schöne Definition, dass Komposition die aufgeschriebene Improvisation ist.“ Sicherlich kann es nicht einfach sein, die Balance zwischen der Klarinette und der Komposition zu finden, aber Widmann dürfte für sich einen guten Weg gefunden haben. „Wenn wir dieses Gespräch Mitte des 18. Jahrhunderts geführt hätten, wäre es gar nicht der Rede wert gewesen, weil alle mindestens ein Instrument gespielt, komponiert und dirigiert hätten. Erst Mitt des 19. Jahrhunderts ging, meiner Meinung nach, die Schere auseinander. Da gab es plötzlich den Typen des Maestros, des Dirigenten. Zur gleichen Zeit entwickelte sich mit Paganini, mit Liszt, der Typus des Virtuosen und gleichzeitig auch in seinem stillen Kämmerchen der verschrobene oder genial vor sich hin komponierende Mensch. Für mich hat diese Einheit nie aufgehört zu existieren, auch wenn es in der Praxis manchmal schwer ist.“

Jörg Widmann © Marco Borggreve
Jörg Widmann
© Marco Borggreve

„Das eine befruchtet das andere, aber natürlich gibt es manchmal Engpässe. Während einer Kompositionsphase übe ich jeden Tag ein bisschen, damit ich fit bleibe vom Ansatz her, rein technisch. Beim Komponieren ist es schwieriger. Wenn ich auf Tournee bin, probiere ich mittlerweile nicht mehr zu komponieren. Das habe ich früher, vor 4-5 Jahre noch gemacht, aber das schafft der Körper nicht mehr, auch wenn es mir Spaß gemacht hat. Deshalb versuche ich, die Phasen zu trennen. Das Stück fragt ja nicht. Ich kann zwar einen Doppelstrich machen, aber wenn es nicht fertig ist, werde ich es nicht abgeben. Diese Phasen sind die anstrengendsten. Aber selbst in diesen Phasen: Am Abend auf die Bühne gehen zu können, ist was Wunderbares. Und proben zu können. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich das alles machen darf!“

Inspirationen für seine Kompositionen findet Widmann in ganz unterschiedlichen Dingen. „Das können Geschichten sein, eine Begegnung, es kann eine Liebe sein, die ihren Niederschlag findet – so war es bei einem Stück, dass ich für die Wiener Philharmoniker geschrieben habe, Teufel Amor. Persönliche Sachen spielen eine Rolle, Literatur, Gedichte, Malerei, Skulpturen. Es gibt kaum etwas, das mich nicht inspirieren könnte.“ Aber auch aus Klängen des Orchesters und einzelnen Instrumenten zieht er Ideen. „Die Idee ist ein Geschenk, da kann ich gar nichts dafür, das ist eine Eskalation. Boulez spricht von der Blitzgestalt der Inspiration, ein Begriff, den man ihm gar nicht zuschreiben würde.“

Bei der Entwicklung der Idee bezeichnet er sich als „ganz altmodisch, beethovenianisch, oder schönbergisch, hegelianisch. Ich gehe mit dieser Idee schwanger, über Wochen. Die ist nackt, ungeschützt, wunderbar, und dann zweifle ich sie an, jeden Tag mehr. Und irgendwann kommt dieser Point of no Return, dann muss ich es schreiben“ Doch obwohl Widmann sich über Jahre ein Handwerk angeeignet und ausreichend Erfahrung hat, beginnt er bei jedem Werk wieder bei Null. „Jede zweite Note wird sich wieder falsch anfühlen und es wird ein Accelerando des Kompositionsprozesses sein. Die spannendsten Momente beim Komponieren sind für mich die, in denen das Stück in eine andere Richtung möchte, als ich es mit meiner ursprünglichen Idee wollte. Meistens hat das Stück recht, manchmal muss ich das Stück aber auch in eine bestimmte Richtung zwingen… das ist eine ganz schwere Entscheidung.“

Als Artist in Residence beim City of Birmingham Symphony Orchestra wird Widmann noch für einen abschließenden Konzertabend nach Birmingham reisen. „Ich habe die Residency aus Vertrauen zu Mirga [Gražinytė-Tyla] gemacht, die mich eines Tages angerufen hat und weil ich gespürt habe, mit ihr wird das wunderbar funktionieren und mit Birmingham zu arbeiten ist eine große Freude und große Ehre.“ Ein Konzert, bei dem er als Solist, Dirigent und Komponist auftritt, bringt auch Herausforderungen mit sich. „Ich mache das natürlich in meinem Leben immer wieder, aber es ist nicht ohne. Ich probiere meistens, das Klarinettenkonzert vor dem Dirigieren zu spielen, weil es von den Bewegungsabläufen doch etwas anderes ist, oder ich muss ein kleines Stück dazwischen haben, wie diese 180 beats per minute, wo das Orchester alleine spielt. Ich finde es spannend, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu verfolgen und zu versuchen, sie zu beeinflussen. Letzten Endes ist es für mich immer Kammermusik, oder zumindest wünsche ich mir das. Umso überflüssiger ich als Dirigent werde, desto schöner."

Neben den Brahms-Sonaten spielte Widmann im Konzert mit András Schiff in der Wigmore Hall, Schumanns Fantasiestücke und Alban Bergs 4 Stücke für Klarinette und Klavier – „Das ist für mich mit die größte Musik des 20. Jahrhunderts. Da ist mir jede Note heilig.“ Doch sein Klarinettisten- und Komponistenherz schlägt besonders für Carl Maria von Weber. „Ich würde ihn auf eine ganz, ganz hohe Stufe stellen, wie es die Komponisten seiner Zeit auch getan haben, oder danach. Debussy und Strawinsky, die die deutsche Musik nicht gemocht haben – aus einem Antiwagnerismus – aber Weber haben sie geschätzt. Es gibt eine Aussage von Debussy, wo er sagt, wir Heutigen denken, raffiniert zu instrumentieren, aber Weber hat es hundert Jahre vor uns gemacht. Und Strawinsky hat ihn mal als den Fürsten der Musik bezeichnet. Für mich ist es Weber, der diese Neuerungen in das romantische Orchester gebracht hat, die Instrumentationstechniken. Er schrieb in einer kühnen Klanglichkeit, die weit über Wagner hinweg in die Moderne weist.“

Jörg Widmann © Marco Borggreve
Jörg Widmann
© Marco Borggreve

Während viele Klarinettisten neue Instrumente mitentwickeln, spielt Widmann hauptsächlich auf seiner Wurlitzer-Klarinette aus Studentenzeiten. „Ich habe auch neue Instrumente, die ich irgendwann jetzt spielen werde, aber ich komme lustigerweise immer zu dieser Klarinette zurück. Ich liebe die heiß und innig mit all ihren Macken. Ich liebe sogar die Macken.“ Für Birmingham hat er eine von nur fünf existierenden alten Wurlitzer gefunden, die auf 440 Hz gestimmt sind. „Es gibt einen wunderbaren Schweizer Klarinettisten, Harald Strebel, der sie mir geliehen hat. Ich habe die Tournee mit dieser A-Klarinette gespielt und mich so verliebt in diesen Klang, weil er einfach noch dunkler ist. Jetzt spiele ich das Weber-Konzert auf der 440 B-Klarinette, die auch herrlich ist, noch vom alten Wurlitzer gebaut, aus der legendären goldenen Zeit. Das sind schon tolle Instrumente.“

Für die Befestigung des Blattes verwendet Widmann nicht die klassische Schraube, sondern eine Schnur. „Ich bin damit aufgewachsen. Ich bin dann nach Amerika gegangen und habe an der Juillard studiert. Da habe ich diese sogenannte Ligature im Englischen probiert, bin dann aber lustigerweise wieder dazu zurückgekehrt. Das Baby will gewickelt werden.“ Jeder Klarinettist weiß, wie mühsam die Suche nach einem guten Blatt sein kann, doch Widmann sieht es als eine Reise. „Da gibt es nie endgültige Antworten, es geht immer weiter. Auch wenn wir gestern die Brahms-Sonaten gespielt haben, wir werden sie heute anders spielen, alles andere würde uns langweilen. Bestimmte Dinge, Elemente werden ähnlich sein, aber ich wäre tieftraurig, wenn es wieder genauso wäre. Da bin ich von der Mentalität her zu neugierig.“

Aber auch wenn man seine besten Blätter wie seinen Augapfel hütet, sind sie vor Unfällen nicht gefeit. „Ich habe einmal in Berlin mein absolutes Lieblingskammermusikblatt kaputt gemacht, auf dem ich alle Mozart- und Brahms-Quintette gespielt habe, über Jahre; das war ein unverwüstliches Blatt. Wir haben ein unvergessliches Konzert mit den Musikern der Staatskapelle gespielt und direkt nach dem Konzert standen wir noch und haben Fotos gemacht und ich habe“ – er deutet an, wie das Blatt bei einer falschen Bewegung an der Hose hängen blieb – „das hat so wehgetan. Ich beschrifte die Blätter oft nach Städten, wofür ich sie ausprobiert habe, oder wofür ich sie verwenden will. Aber auch das ist natürlich der Fluktuation unterworfen und das ändert sich. Zum Beispiel gestern, direkt nach der Ankunft aus dem Flugzeug, klangen die Blätter anders als heute an einem Regentag. Wir spüren das, wir Klarinettisten.“ Doch auch an diesem verregneten Tag fesselte Jörg Widmann mit seinem „London“-Blatt und seinem ausdrucksstarken Spiel das Publikum der Wigmore Hall.