Nach Studien in Bloomington, Indiana und an der Münchner Hochschule gewann der amerikanische Geiger Noah Bendix-Balgley einige der angesehensten Musikwettbewerbe (Long-Thibaud 2008 und Queen Elisabeth 2009). Nachdem er im Alter von 27 Jahren zum Konzertmeister des Pittsburgh Symphony Orchestras ernannt wurde, kam er drei Jahre später in Deutschland an, um eine der wichtigsten Stellen in der Orchesterwelt anzutreten...

Noah Bendix-Balgley © Sebastian Hänel
Noah Bendix-Balgley
© Sebastian Hänel

Wie wurden Sie Erster Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern?

Ich war von 2011 bis 2015 Konzertmeister beim Pittsburgh Symphony Orchestra. 2015 erfuhr ich, dass eine Stelle als Erster Konzertmeister in Berlin frei war, und ich habe mich beworben, da ich schon immer den Stil und Klang der Berliner Philharmoniker bewundert hatte. Ich ging ohne großen Erwartungen, dass ich die Stelle bekommen würde, zum Vorspiel, aber es lief sehr gut und ich bekam den Job. Ich glaube es war ausschlaggebend, dass ich wie bei einem Konzert spielen konnte, nicht wie ein Probespiel oder Test, weil ich nicht erwartet hatte, dass es tatsächlich klappt!

Was ist die Aufgabe eines Ersten Konzertmeisters innerhalb des Orchesters?

Der Konzertmeister ist der Führer von Gleichgestellten im Orchester. Ich muss sicherstellen, dass bei den Proben alles reibungslos läuft, und ich muss mit meinem Spiel und meinen Bewegungen führen, die unterschiedlichen Register des Orchesters bei schwierigen Stellen zusammenbringen. Als Konzertmeister ist es ein ständiges Geben und Nehmen während des Spielens, man reagiert darauf, was um sich und das Orchester herum geschieht und gibt Anstöße, die die anderen Spieler aufgreifen können.

Wie unterstützen Sie die Kommunikation zwischen dem Dirigenten und dem Orchester?

Ich versuche, mit meinem Spiel zu zeigen, was der Dirigent will. Falls etwas unklar ist, spreche ich im Namen meines Registers oder des Orchesters mit dem Dirigenten. Aber meistens versuche ich, durch mein Spielen und Führen Klarheit zu bringen.

Abgesehen von der musikalischen Vision des Dirigenten, welche interpretatorischen Initiativen können Sie selbst setzen?

Ich bestimme die Bogenführung meines Registers (und damit des gesamten Streicherregisters), was einen großen Einfluss auf die Phrasierung und den Klang hat. Durch mein Führen und durch Augenkontakt kann ich die Kommunikation zwischen den Registern oder den Musikern des Orchesters in entscheidenden musikalischen Momenten fördern.

Ein Orchester ist ein so komplexer Organismus, mit seinen eigenen Hierarchien zwischen den verschiedenen Registern. Wie stellen Sie sicher, dass diese Strukturen reibungslos und ohne Konflikte funktioniert?

Obwohl es Führungspositionen innerhalb des Orchesters gibt, sehe ich den Organismus als Sammlung von Gleichgestellten. Für mich sind die Berliner Philharmoniker besonders egalitär, musikalisch, aber auch wie die Gesellschaft geführt wird.

Es ist wichtig, die Meinungen und die Kunstfertigkeit eines jeden Orchestermitglieds zu respektieren. Wenn ich mich an mein Register richte, rede ich immer von ,wir’, nie von einem einzelnen Spieler. Ich versuche, musikalische Probleme immer mit meinem Spielen und meiner Führungsrolle anstatt mit Worten zu lösen. Natürlich ist Vorbereitung und ein guter Klang der erste Schritt, um das Vertrauen und den Respekt deiner Kollegen zu bekommen.

Gibt es etwas im Konzertritual, dass Sie gerne geändert sehen würden?

Ich kann dieses Stigma nicht leiden, dass man zwischen Sätzen nicht klatschen darf. Es war nicht immer so, und falls das Publikum den Wunsch hat zu klatschen, dann sollte es dies auch können, ohne sich dabei fehl am Platz zu fühlen.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz