Der Themenschwerpunkt im Oktober befasst sich mit der Welt der internationalen Wettbewerbe, betrachtet durch die Augen einiger Finalisten der größten Wettbewerbe weltweit. Wir setzen unsere Serie fort mit Angel Blue, Gewinnerin des zweiten Preises und des Zarzuela Preises 2009.

Angel Blue © Sonya Garza
Angel Blue
© Sonya Garza

Warum haben Sie sich entschlossen, bei Operalia anzutreten? Wie viel internationale Erfahrung hatten Sie zu dieser Zeit?

Um ehrlich zu sein hätte ich nie gedacht, dass ich am Operalia-Wettbewerb teilnehmen sollte, weil ich dachte, ich wäre nicht gut genug. Alle Sänger, die teilnehmen, schienen auf einem höheren Niveau zu sein als ich es zu dieser Zeit war. Ich hatte fast ein Jahr lang zahlreiche Coaching- und Gesangsstunden mit Maestro Domingo, bevor ich beschloss, bei Operalia anzutreten. Er sagte zu mir: „Hast du je darüber nachgedacht, dich für Operalia zu melden?“ Ich sagte ja, und er sagte: „Ich glaube, du solltest antreten.“ Er fragte auch, ob ich schon einmal in Europa war, und ich sagte nein. Er überzeugte mich davon, dass es die beste Möglichkeit für einen ersten Europabesuch war, mich für Operalia anzumelden und Europa über die Kunst kennenzulernen. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, denn es öffnete eine neue Tür für mich, die mir bis heute offen steht. :)

Während manche Sänger in Wettbewerben aufblühen, empfinden andere sie als furchterregend. Wie sah Ihre Erfahrung bei Operalia aus? Ähnelte sie Ihren Erlebnissen bei anderen Wettbewerben?

Meine Erfahrung mit Operalia war wunderbar. Ich habe es genossen, Sänger aus aller Welt kennenzulernen. Ich habe früher an Schönheitswettbewerben teilgenommen; die können unglaublich hart sein und manchmal sehr beängstigend. Aber Operalia war nicht anders als ein Miss California-Wettbewerb mit 55 anderen Teilnehmern, die alle unbedingt den Titel und die Chance wollen, ihren Staat auf nationaler Ebene zu repräsentieren. Der einzige Unterschied bei Operalia war für mich, dass ich keinen Badeanzug und keine Stöckelschuhe tragen musste! Für mich ist ein Wettbewerb wie der andere. Jeder will gewinnen, aber in Wahrheit hat man schon gewonnen, wenn man es zum eigentlichen Wettbewerb schafft. Es mag nicht unter dem Titel „1. Platz“ oder „2. Platz“ sein, aber die Erfahrung, unter den hellsten Sternen zu glänzen, ist sicherlich ein Gewinn für mich!

Welches Stück haben Sie sich für das Finale ausgesucht? Warum haben Sie dieses Repertoire gewählt?

Ich habe mich für „Il est doux, il est bon“ aus Hérodiade entschieden. Ich habe dieses Stück ausgewählt, weil es mich an meinen Vater erinnert, der erst drei Jahre bevor ich zu Operalia ging gestorben war. Ich habe auch „Las Carceleras“ aus Las Hijas del Zebedeo ausgesucht, einer Zarzuela (spanische Operette). Das habe ich genommen, weil es Spaß macht zu singen. Eines der besten Stücke, die ich je gesungen habe.

Zur Operalia-Jury zählen berühmterweise Casting-Agenten aus Top-Opernhäusern. Haben Sie als direktes Resultat Ihrer Teilnahme an Operalia Angebote bekommen?

Ja, ich wurde zum Centre Perfecionnamente de las Artistas am Palau de las Arts in Valencia, Spanien, eingeladen. Nach meiner Teilnahme an Operalia habe ich dort ein Jahr lang studiert und Micaëla in Carmen unter der Leitung von Zubin Mehta gesungen.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Arbeit mit Domingo?

Meine liebste Erinnerung an die Arbeit mit Maestro Domingo ist, als wir in Peking, China, ein Konzert gesungen haben. Bevor wir die Bühne betraten, sah er mich an und sagte: „Bist du bereit?“ Ich sagte: „Ja, aber ich bin ein bisschen nervös.“ Maestro Domingo sagte: „Sei nicht nervös, du hast eine Stimme von Weltklasse und eine wunderbare Bühnenpräsenz. Und du singst mit mir, also gibt es keinen Grund, nervös zu sein.“ :-)

Welche war die größte Entwicklung als Sänger, bei der Operalia Ihnen geholfen hat?

Operalia half mir, mein Potential im Bereich der klassischen Musik umzusetzen.

Wenn Sie heute bei Operalia antreten würden, was würden Sie singen?

„Ernani, Ernani Involami“!!!!!


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.