Peter Eötvös © Csibi Szilvia
Peter Eötvös
© Csibi Szilvia
2017 begeisterte Peter Eötvös das Londoner Publikum mit seinem einaktigen Meisterwerk Senza sangue in Verbindung mit Bartóks Herzog Blaubarts Burg im Hackney Empire. Für sein Konzert mit dem Philharmonia Orchester diesen Februar paart der ungarische Komponisten einmal mehr Bartók, sowie Schönberg und Strawinsky, mit einem seiner Werke: Multiversum, ein raumfüllendes Klangerlebnis, das das Universum und die Welten darüber hinaus erforscht.

Bachtrack: Im Februar dirigieren Sie die UK Premiere von Multiversum, für Orchester, Orgel und Hammond-Orgel, das „die Natur des Universums erforscht und was darüber hinaus liegt”. Worum geht es in diesem Werk und was hat Sie dazu veranlasst, es zu komponieren? Beschreiben Sie die Orchesterstruktur, die Sie herauszaubern?

Peter Eötvös: Neue Begriffe, wie Parallelwelten, Stringtheorie, Schwarze Löcher, Multiversum… sind für mich sehr wichtige neue Informationen, die meine Vorstellung über den Kosmos in den letzten Jahren stark weiter geformt haben. In der Stringtheorie sehe ich die Basis von den musikalischen Schwingungen. Die Idee des Multiversums bereichert meine pluralistische Formvorstellung in meinen Kompositionen.

Bereits 1961, beim ersten Raumflug Gagarins war ich so fasziniert wie sich die Welt um mich herum geöffnet hat, dass ich meinem Op. 1 für Klavier den Titel „Kosmos” gab. Damals war ich 17 Jahre alt, und seitdem beschäftige ich mich mit den Gedanken, die Idee des Kosmos in riesigen Raumklänge umzusetzen.

Die Hammond-Orgel sieht man nicht oft im Orchester. Warum die Hammond? Welche Eigenschaften des Instruments haben Sie dazu inspiriert, es bei Multiversum einzusetzen?

Multiversum ist für zwei Soloinstrumente und Orchester geschrieben, für zwei Instrumente aus der gleichen Familie: die traditionelle Orgel mit sehr reichen, aber statischen Klangfarben und für die moderne Hammond, die die Klänge stufenlos verändern kann. Mir war wichtig, dass der Klang der zwei Orgeln das Publikum vollkommen umhüllt, so wie wir den Kosmos um uns herum vorstellen. Die traditionelle Orgel von vorne, die Hammond von hinten klingend. Wenn wir die zwei Orgeln als unsere Galaxis vorstellen, dann können die verschiedene Orchestergruppen die anderen Galaxien darstellen. So kann aus dem „Universum” das „Multiversum” entstehen.

Wie verändern Sie die traditionelle Orchesteraufstellung für dieses Stück?

Das Podium habe ich folgendermaßen verteilt: links sind alle Streicher, rechts sind die Holzbläser, in breiter Aufstellung hinter beiden Gruppen sind die Blechbläser und dahinter vier Schlagzeuger. Der Dirigent und die Solisten sind vorne in der Mitte, dazu noch eine Celesta.

Wie gehen Sie an eine neue Komposition heran? Haben Sie einen gewissen Prozess? Arbeiten Sie am Klavier… oder einem Computer? Wie entwickelt sich eine Komposition im Laufe der Zeit?

In meinem Studio habe ich eine Hammond-Orgel, so konnte ich die Klänge ausprobieren. Die Partituren schreibe ich immer mit Bleistift, und der Radiergummi kommt sehr oft zum Einsatz. Meine Orchesterstücke sind so charakteristisch, wie auch meine Opern. Sie sind sehr farbig und sie haben einen erzählerischen, oft dramatischen Charakter.

Beschreiben Sie Ihre orchestrale Klangwelt. Inwiefern ist Ihre Musik von den großen ungarischen Komponisten der Vergangenheit beeinflusst?

Als ich mein Musikstudium mit 4-5 Jahren begonnen habe, waren die ersten Komponisten, die ich kennengelernt habe, Bach, Mozart und Bartók und deren einfachere Klavierstücke ich damals spielen konnte. In den vergangenen sieben Jahrzehnten habe ich als Dirigent auch eine große Übersicht über die traditionelle und zeitgenössische Musikliteratur erworben. Die Musik von Bartók betrachte ich wie meine musikalische „Muttersprache”. Zu Mozart habe ich sehr enge Beziehung behalten: als Vorstudium zu meiner ersten Oper Drei Schwestern habe ich die Dramaturgie von Mozarts Opern studiert. Schönberg und Strawinsky gehören auch zu meiner großen Familie.

In der ersten Hälfte des Programms mit dem Philharmonia Orchestras dirigieren Sie Schönberg, Bartók und Strawinsky. Warum diese Komponisten und wie bereiten deren Werke das Publikum auf Multiversum vor?

Wenn das verehrte Publikum am Anfang von Multiversum die Toccata in d- moll von Bach hört, dann hört es richtig: der Big-Bang der Orgel-Literatur beginnt für mich mit diesem Werk.

Welche Eigenschaften schätzen Sie am Philharmonia Orchestra?

Ich freue mich sehr, mein Multiversum mit der Philharmonia aufführen zu können. Die wunderbare Orgel, das breite Podium sind besonders günstig, um die Idee des Multiversums optisch und akustisch darzustellen.

Ich habe seit langem darauf gewartet, dass ich wieder mit dem Philharmonia Orchestra zusammen musizieren kann. Ich kann den schönen Klang, die technische Perfektion, den sehr freundlichen Kontakt nicht vergessen, als ich die Psalmensinfonie und mein eigenes Stück, die Chinese Opera dirigiert habe. Unvergesslich bleibt mir auch die Aufführung meines Violinkonzerts „DoReMi” bei den Proms 2013, dirigiert von Esa-Pekka Salonen.


Das Interview wurde vom Philharmonia Orchestra gesponsert.