„Ich war dem russischen Geist und der russischen Kunst sehr verbunden”, erklärt Wladimir Aschkenasi. „Ich liebte Puschkin und Lermontow. Ich wollte immer wissen, was mein Land zu bieten hatte.” 1963 verließ Aschkenasi die UdSSR und kehrte 26 Jahre lang nicht zurück – „Ich hatte Angst davor zurückzukehren, falls sie mich nicht mehr ausreisen ließen” – aber seine Karriere, besonders die am Dirigentenpult, war immer eng mit dem russischen Repertoire verbunden. Bevor er die Reihe Voices of Revolution (Stimmen der Revolution) zum hundertjährigen Jubiläum der Russischen Revolution mit dem Philharmonia Orchestra London startet, erinnert sich Aschkenasi an seine Erfahrungen als junger Sowjetpianist, seine Erlebnisse mit Schostakowitsch und seine Rolle als Zeitzeuge der Geschichte.

Wladimir Aschkenasi © Keith Saunders
Wladimir Aschkenasi
© Keith Saunders

Für Aschkenasi spiegelte Schostakowitschs Musik unweigerlich die damaligen politischen Zustände wider, was manchmal Verurteilungen nach sich zog. Nach dem Artikel „Chaos statt Musik” in der Zeitung Prawda 1936, der seine Oper Lady Macbeth von Mzensk verdammte, vollführte Schostakowitsch einen politischen Drahtseilakt. Im selben Jahr wurde die Uraufführung seiner Vierten Symphonie plötzlich abgesagt. „Bei der Generalprobe”, berichtet Aschkenasi, „spielten die Leningrader Philharmoniker sehr gut, aber Beamte der Union für Komponisten und der Kommunistischen Partei zitierten Schostakowitsch in ein Büro und sagten ,Genosse Schostakowitsch, wir glauben nicht, dass dies das richtige Stück für unser Land in dieser Zeit ist. Sie ist nicht richtig für unsere Gesellschaft. Sie ist zu komplex.’”

Ob Schostakowitsch die Symphonie freiwillig zurückzog, bleibt unklar, allerdings ist seine Reaktion nach dem Spielen der Klavierpartitur auf die Bedenken eines Freundes, was denn die Apparatschiks der Partei über das Werk denken würden, durchaus aussagekräftig: „Ich schreibe nicht für den Prawda, sonder für mich!” Trotzdem zeigte die Zeitung Sovetskoe iskusstvo (Sowjetische Kunst) eine Notiz, dass Schostakowitsch die Premiere der Vierten abgesagt hätte, „da sie in keinster Weise mit seinen momentanen kreativen Überzeugungen korrespondiert und eine für ihn längst ausgediente kreative Phase repräsentiert”, und dass er plane sie zu überarbeiten.

Es gab keine derartige Überarbeitung. Obwohl das Manuskript während des Krieges verloren ging, schrieb Schostakowitsch eine vierhändige Fassung der Symphonie für Klavier, abgeleitet von den Orchesterstellen, die die Proben im Jahr 1936 überlebt hatten. Erst während des kulturellen Tauwetters nach Stalins Tod zog Schostakowitsch eine vollständige Aufführung der Symphonie überhaupt in Erwägung. 1961 wurde sie endlich in Moskau uraufgeführt… und Aschkenasi war anwesend. „Können Sie sich das vorstellen? Die Fünfte, Sechste und Leningrad Symphonien wurden bereits alle gespielt und waren gut bekannt, und plötzlich tauchten Plakate auf, auf denen stand, dass man die Vierte Symphonie am 30. Dezember 1961 hören könnte [auf den Tag genau 25 Jahre nachdem die Premiere ursprünglich geplant war]. Die Sensation war jenseits aller Vorstellungen. Jeder Musiker, der an großer Musik interessiert war, kam zu diesem Konzert. Schostakowitsch wurde so oft auf die Bühne zurückapplaudiert, es war unglaublich. Der Erfolg war unvorstellbar. Ich war dort! Was bin ich für ein Glückspilz!”

Aschkenasi stand im Zusammenhang mit einer anderen kontroversen Schostakowitsch Symphonie, der Dreizehnten. Sie trägt den Untertitel Babi Yar, abgeleitet von einem Gedicht Jewgeni Jewtuschenkos, dessen Text den ersten Satz formt. Es brachte Schostakowitsch in Schwierigkeiten. Jewgeni Mrawinski, der bis dahin die Uraufführungen von sechs Schostakowitsch Symphonien geleitet hatte, weigerte sich Babi Yar zu dirigieren, aus Angst vor den politischen Konsequenzen. In Moskau wurde Kirill Kondraschin unter Druck gesetzt, sein Dirigat zurückzuziehen, aber er weigerte sich. Bei der ersten Vorstellung blieb die Regierungsloge bezeichnend leer.

Wladimir Aschkenasi © Keith Saunders
Wladimir Aschkenasi
© Keith Saunders

Obwohl er zur Zeit der Premiere 1962 gerade im Ausland auf einer Klaviertournee in den Vereinigten Staaten war, war Aschkenasi im Frühjahr 1963 anwesend, als ein überarbeiteter Text präsentiert wurde. „Ich hörte die dritte Vorstellung – ein großer Erfolg. Ich sah, wie Geschichte geschrieben wurde. Tatsächlich spielte ich Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 mit Kondraschin in der ersten Hälfte des Konzerts! Einer der Gründe warum einige Monate zwischen den Aufführungen lagen war, dass einige Zeilen Jewtuschenkos Gedicht nicht akzeptabel für die Partei waren. In ihren Augen war Jewtuschenkos Darstellung, wie Juden in den Händen der Nazis litten nicht genug. Es musste so geändert wurden, dass es für die Welt klar ersichtlich war, dass nicht nur Juden, sondern auch andere Leute litten. Und die Russen litten ungeheuerlich. Irgendwie hatten sie durchaus Recht. Die Nazis waren antisemitisch, ein Teil ihrer Ideologie, den sie wann immer sie konnten verfolgten, aber die Russen litten genauso ungeheuerlich.”

Aschkenasi gesteht, dass er während des Krieges Glück hatte. „1939 zogen wir von Nischni Nowgorod (dem damaligen Gorki), wo ich geboren wurde, nach Moskau. Als der Krieg begann wurden wir umgesiedelt. Wir wurden nach Jekaterinburg im Uralgebirge geschickt, dann gingen wir nach Taschkent bevor wir im Frühjahr 1944 nach Moskau zurückkehrten, als die Deutschen bereits zurück in Westpolen waren.” Nach dem Krieg ließ ihn seine Mutter taufen. „Mein Vater war jüdisch, aber meine Mutter war eine russische Christin. Ich wurde in die orthodoxe Kirche getauft – wir haben kein Geheimnis daraus gemacht, aber wir haben es auch nicht herumerzählt – also hab ich mich selbst immer als Russe gesehen, obwohl die Juden immer dachten ich sei jüdisch!” Seine Liebe zur orthodoxen Kirchenmusik führte ihn unweigerlich zu Rachmaninow, ein anderer Komponist, den er oft zur Aufführung brachte. Wenn man ihn über seine so geliebte Musik Rachmaninows fragt, bleibt Aschkenasi vorsichtig: „Ich bin nicht sonderlich gut darin, Musik zu beschreiben. Wenn man versucht Musik zu beschreiben, schmälert man sie, indem versucht sie in Worte zu fassen. Sie kennen Rachmaninow natürlich genauso gut wie ich. Sie wissen, dass sein Geist allgegenwärtig ist. Als Mensch war er sehr großzügig, was man in seiner Musik fühlen kann, in seinen weitläufigen Phrasen.”

„Rachmaninow komponierte zwei sehr lange Stücke für Chor – Das große Abend- und Morgenlob, op. 37 und die Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus, op. 31 – fantastische Musik, auf einem höheren Niveau als Tschaikowskys religiöse Musik. Ich habe ein bisschen seiner Chormusik dirigiert. Ich wollte wissen wie es sich anfühlt, den Chor in einem seiner religiösen Stücke zu dirigieren. Ich habe es geliebt.”

Aschkenasi gewann in den späten 1950er immer mehr Bedeutung als Pianist. Es war eine schwierige Zeit für Komponisten, aber die Atmosphäre war um vieles unterstützender für junge Interpreten. „Die Behörden bemühten sich stets alle Aspekte einer kulturellen Nation zu fördern – sie reagierten oft heftig auf die Kritik des Westens, dass die russische Kultur nur kommunistischer Mist sei.” Aschkenasi teilte 1962 bekanntlich den ersten Preis des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs. Der erste Wettbewerb 1958 hatte ein Amerikaner – Van Cliburn – gewonnen, was Druck auf die Behörden ausübte, vier Jahre später einen „Heimsieg” einzufädeln.

Wladimir Aschkenasi © Benjamin Ealovega | Decca
Wladimir Aschkenasi
© Benjamin Ealovega | Decca

„Da der erste Wettbewerb an einen Amerikaner ging, mussten sie sich absolut sicher sein, dass der nächste von einem Sowjet gewonnen werden würde. Also baten sie alle unsere bekanntesten jungen Pianisten, daran teilzunehmen. Sie fragten mich. Ich konnte nicht widersprechen, aber ich brauchte ihn nicht – ich hatte bereits den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel 1956 gewonnen. Warum sollte ich mich in eine unvorhersehbare Situation begeben? Und das Tschaikowsky Klavierkonzert war wirklich nicht mein Stück. Ich liebe es sehr, aber technisch, klavierspielerisch, ist es nichts für meine Hände. Es gibt so viele Oktaven und Akkorde, die mühelos und brillant mit größter Lautstärke gespielt werden müssen. Ich kann viele Dinge spielen – ich kann viel Rachmaninow spielen, weil es anders geschrieben ist – aber Tschaikowsky, das konnte ich wirklich nicht gut.”

 

„Ich ging zur Kulturministerin und sagte ihr, dass ich nicht wüsste, was ich tun sollte, weil ich bestimmte Passagen von Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 (Nr.2 durfte nicht gespielt werden) nicht gut spielen könnte. Da sie keine Musikerin war, hat sie es nicht verstanden! Ich konnte die Kulturministerin nicht beleidigen, also sagte ich ihr, dass ich es versuchen würde. Nach den ersten zwei Runden lag ich also am ersten Platz (wie ich später erfuhr), aber in der dritten Runde spielte ich das Pflichtstück ziemlich gut und Tschaikowsky eigentlich auch, nicht so mühelos wie zum Beispiel John Ogdon es spielen konnte – ein genialer Pianist mit großen Händen – aber irgendwie schafften sie es, dass ich den ersten Preis mit ihm teilte und ich war begeistert.” Er hält kurz inne. „Ich bin mir sicher, die Partei war sehr erfreut.”

Aufnahme von Aschkenasi beim Finale des Tschaikowsky-Wettbewerbs 1962:

Bevor er die UdSSR verließ, traf der junge Aschkenasi Schostakowitsch, als er das Zweite Klaviertrio spielte. „Wir hatten es gut vorbereitet und waren uns sicher, dass er uns etwas darüber erzählen würde. Er sagte, ,Sehr gut, vielen Dank.’ Und wir sagten ,Dmitri Dmitrijewitsch, können Sie uns etwas über das Tempo sagen? Oder irgendetwas anderes?’ ,Nein, nein, das war sehr gut. Wollen Sie eine Tasse Tee?’ Es war unmöglich, ihn dazu zu bringen, etwas über die Aufführung zu sagen. Man erzählte uns später, dass er immer sehr dankbar war, wenn jemand seine Musik spielte.” Aschkenasi schmunzelt als er sich an diesen Moment erinnert. „Wir hatten ziemlich gut gespielt, wissen Sie, die richtigen Tempi und ich hoffe mit dem richtigen Ausdruck, aber alles was er sagte war ,Sehr gut. Haben Sie eine Tasse Tee!’”

Schostakowitsch selbst spielt sein Klaviertrio Nr. 2 in e-Moll: 

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz