Obwohl die Spielzeit 2026/27 noch jung ist, starten Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle Dresden schon in ihre zweite Europatournee der Saison. Es ist das dritte Jahr Gattis als Chefdirigent der Staatskapelle, und obgleich sein Amtsantritt mitunter von Skepsis und Vorurteilen begleitet wurde – er musste immerhin die großen Fußstapfen Christian Thielemanns ausfüllen – hat sich die künstlerische Zusammenarbeit überaus fruchtbar entwickelt. Gatti begab sich in Dresden zunächst auf ein Terrain, welches sein Vorgänger weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte, etwa die Pflege der italienischen Oper, den Werken Giuseppe Verdis oder dem in der Orchestergeschichte ersten vollständigen Konzertzyklus sämtlicher Symphonien Gustav Mahlers.

Nun aber standen zwei Paradestücke der Sächsischen Staatskapelle, die als Inbegriff einer deutschen Orchestertradition der Klassik und Romantik gelten, auf dem Konzertprogramm ihres Gastspiels in der Alten Oper Frankfurt. Zunächst das Violinkonzert in D-Dur, Op.61 von Ludwig van Beethoven mit Augustin Hadelich als hochkarätigen Solisten. Er bewies in seiner Interpretation, warum er zu den herausragendsten und zugleich interessantesten Geigern der Gegenwart gehört. Er bestach an der Violine durch einen etwas herben, geerdeten, dabei überaus charakterstarken und präsenten Klang. Besonders in der Kadenz im Kopfsatz wie auch im langsamen Larghetto wurde Hadelichs Verständnis von Beethoven deutlich: Für ihn war jede Note, jede Phrase und Melodielinie ein Mit-sich-Ringen. Er hinterfragte das Werk stets aufs Neue, um es tiefer zu ergründen. Er suchte zweifelnd, innehalten und dabei hochkonzentriert nach dem richtigen Ausdruck am Instrument, und fand diesen auch.
Im Saal der Alten Oper war beim Publikum dabei eine ungewöhnlich konzentrierte Anspannung zu spüren. Kaum ein Räuspern war zu vernehmen, das Publikum hielt gespannt den Atem an. Hadelich hat das Beethoven-Konzert dutzende Male aufgeführt, und jeder Einzelne im Saal wird es schon oft gehört haben. Und dennoch war es, als erarbeiteten sich Publikum und Solist das Werk gemeinsam zum ersten Mal. So erschütternd und aufwühlend geriet Hadelichs zögernde, alle Zweifel ausräumen wollende, reflektierende Interpretation, bei der er stets in sich gekehrt und hochkonzentriert schien.
Seine große Kunst bestand dabei darin, dass sich alles doch zu einem großen Ganzen fügte und er Beethovens Violinkonzert nicht in Fragmente zersplitterte. Im Finalsatz schließlich, da fiel die Last der Partitur von Orchester und Solist ab, und Hadelich ließ – was sich in einem etwas schnelleren Tempo ausdrückte – die Anspannung fallen und spielte sich frei. Gatti trug diesen suchenden Ansatz seines Solisten in einem düsteren und matt schattierten Klangbild konsequent mit. Es war für Gatti an diesem Abend lediglich der Auftakt für seine tiefergehende Beschäftigung mit dem Komponisten. Zum 200. Todestag von Ludwig van Beethoven wird der Dirigent seine neun Symphonien an vier aufeinanderfolgenden Abenden in der Semperoper erklingen lassen.
Johannes Brahms hat fast vierzehn Jahre mit seiner Ersten Symphonie gerungen. Es ist erstaunlich, dass ihm die Komposition seiner Zweiten umso leichter geriet. Das Werk ist von einem lyrischen, eher heiteren Charakter geprägt und von Naturklängen durchzogen. Gatti ist jedoch ein Dirigent, der besonders bei den Klassikern der Konzertliteratur große Spannungsbögen baut und dabei eher gemächliche Tempi anschlägt, diese bewusst immer wieder anhält, um darin mit den Klangfarben seines Orchesters zu jonglieren. So war dies auch bei seiner Brahms-Interpretation der Fall, was dazu führte, dass der „pastorale“ Werkcharakter etwas verloren ging. Es war ein schwerer, aus der Tiefe drängende Brahms, mit dem Gatti bewies, welch ein phänomenaler Ausdrucksmusiker er doch ist. Dieser Brahms war durch das Gefühl, durch das Innere des Dirigenten bestimmt und dadurch frei von jedem oberflächlichen Effekt.
Als Zugabe folgte das Vorspiel zum dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner in einer wahrlich einzigartigen, gedehnten und somit gefühlvollen Interpretation. Ohne Ankündigung des zu erwartenden Werks spielten die Streicher langsam auf, sobald erkannte man Wagner und das Vorspiel, und man vermochte dieses Stück dank Gattis Interpretation auf komplett neue und berührende Art zu hören. Ein mehr als krönender Abschluss und für manch einen vielleicht das wahre Highlight des Abends.
Ergänzt wurde das Konzertprogramm durch die sich immer mehr an Beliebtheit erfreuende Seminarreihe KIENZLES KLASSIK, in welcher dieses Mal ersatzweise der Musikwissenschaftler Bjørn Woll mit einem mit Humor gespickten, dabei ebenso spannungs- wie aufschlussreichen Vortrag in die Tiefe der vier Symphonien von Johannes Brahms durchdrungen ist und diese dem Wirken Ludwig van Beethovens gegenübergestellt hat.















