Bei ihrem dritten Gastspiel in Berlin zeigt die Stuttgarter Gauthier Dance ihre Klassiker im Haus der Berliner Festspiele. Stil hat die Company sicher, und das beweisen sowohl die prominenten Namen im Abendprogramm, als auch Eric Gauthiers geschmack- und humorvolle Einführung vor dem Auftritt. Dieses 2007 gegründete junge dynamische Ensemble aus sechzehn technisch starken und ausdrucksvollen Tänzern ist schnell in den Fokus gerückt, sei es durch intensive nationale und internationale Tourneen, die Zusammenarbeit mit internationalen Starchoreographen, aber auch durch das soziale Engagement der Gauthier Dance Mobil, Tanz in Seniorenheimen, Krankenhäusern und Heimen für Menschen mit Behinderungen zu zeigen. Mit Classy Classics feiert Gauthier Dance sich selbst.

<i>Decadance</i> © Regina Brocke
Decadance
© Regina Brocke

Die feuerwerkartigen explosiven Bewegungssequenzen, blitzartige und präzise Qualitätswechsel und das Ausdauervermögen von Decadance des Israeli Ohad Naharin rufen alle Tänzer auf die Bühne, um den ersten Teil des Abends zu eröffnen. Als eine Kompilation seiner bekanntesten Werke erfand der Starchoreograph der Batsheva Dance Company dieses Stück, um sein Repertoire neu zu bespielen. Diese ästhetische Übung – jede Company bekommt eine eigene Version des Stückes – bewahrt Naharins Bewegungsqualitäten und Linien, aber hebt die thematische Einheit auf. Wir sehen Spuren, Andeutungen des Originals, aber die neu angesiedelten Ausschnitte bekommen frische Assoziationen. Ironie und Selbstironie gehören sowohl zu Naharin, als auch zu Gauthier – und da ist er auch auf der Bühne, um mit kurzen Sketchen die Tänzer beim Kostümwechsel zu unterstützen. Und möglicherweise auch, um interaktiv zu sein, wird eine willkürlich ausgewählte und etwas bange Zuschauerin auf die Bühne gebeten, um als unerhofftes Geburtstagsgeschenk kurz Teil des Stückes zu sein.

<i>Orchestra of Wolves</i> © Regina Brocke
Orchestra of Wolves
© Regina Brocke

Der zweite Teil beginnt mit Gauthiers Orchestra of Wolves, einem visuellen Gaumenkitzler. Das erste Mal 2009 aufgeführt ist das Stück eine ironische Verdrehung eines Trickfilm-Klassikers: der ewigen Jagd des Katers Sylvester auf das unschuldige Vögelchen Tweety. Das mit Maske und im schwarzen Frack mit herausschauendem gelbem Schwanz angekleidete Vögelchen soll ein Ensemble von hungrigen Wölfen als Orchesterdirigent leiten. Die entstehende Visualisierung der Fünfte Symphonie Beethovens stellt die kontinuierliche Jagd der luftspielenden Musiker auf den tapferen Dirigenten dar. Federleicht und kurzweilig ist das Stück, ein Ballett für Bürorollsessel und Trampolin (das Dirigentenpult) und ruft Ausdruckkraft mit viel Mime hervor, ist aber nicht wirklich technisch.

<i>Herman Schmerman</i> © Regina Brocke
Herman Schmerman
© Regina Brocke

Technisch anstrengend ist hingegen das Duett aus Herman Schmerman von William Forsythe. Für das Frankfurt Ballett 1992 choreographiert und deswegen auf Spitzen getanzt, setzt sich das Stück mit der Hierarchie des Balletts und den Sitten des Pas de Deux als Genre auseinander. Die Frage, die dahinter steckt – „Wer unterstützt wen beim partnering“ – wird durch gewaltvolle Grand battements, verwickelte skulpturalen Figuren, aus dem Gleichgewicht gebrachte Positionen und inwärts gedrehte Bewegungen aufgelöst. Abwechselnd unterstützen sich die Tänzer gegenseitig, bis sich die weibliche und männliche Rolle auflöst, und sie die selben Schritte, mal mit Spitze, mal ohne, ausführen. Die Versace-Kostüme, die beide Tänzer am Ende des Stücks tragen – zwei gelbe Faltenröcke – deuten auch Unisex-Aussehen und Aussichten an.

<i>Aeffi</i> © Regina Brocke
Aeffi
© Regina Brocke

Mit Marco Goeckes Äffi sind wir hingegen in eine sehr männliche, aber trotzdem sinnliche Welt katapultiert. Auf mehrere Lieder von Johnny Cash, bewegt sich Theophilus Vesely mit nacktem Oberkörper bravourös in Goeckes unverwechselbarer Handschrift, einer Mischung zwischen verzweifelten Gesten, nervösem Tick und technischen Schritten, die die Musik zu verachten scheinen, aber eigentlich perfekt darauf abgestimmt sind. Goeckes Bewegungssprache zeigt auf einmal alle inneren Zustände, die inneren Monologe eines Charakters. Begeisterung, Zufriedenheit, Angst und Antriebslosigkeit sind in einer kurzen Zeit komprimiert. Die Beleuchtung von Udo Haberland unterstreicht Veselys muskulösen, verschwitzten und glänzenden Torso, der am Ende fast durchgeknetet scheint. Der Dunst wirkt wie ein Heiligenschein um Vesely und vergrößert seine Bewegungen wie eine Lupe.

<i>Malasangre</i> © Regina Brocke
Malasangre
© Regina Brocke

Das für Gauthier Dance 2013 von Cayetano Soto choreographierte Malasangre beendet den Abend. Auf Musik der kubanischen Sängerin La Lupe, und als eine Hommage an diese Königin des Latin Soul, wälzen sich Männer mit knappen Röcken und schwarzen kniehohen Strumpfhosen und Frauen in schwarzen Shorts und durchsichtigen übergroßen weißen T-Shirts auf dem mit grünen Konfetti bedeckten Boden. Das Stück verspricht eine „exzentrische und fiebrige Revue, die es schwer macht, sitzen zu bleiben“. Es ist exzentrisch und auch lasziv, aber eher langweilig, und trotz des großen Engagements der Tänzer, peppigen Kostüme und Musik, und einer schönen Beleuchtung (Soto und Mario Daszenies) hinterlässt dieses Stück keine starken Eindrücke.

Neues Jahr, neue Eindrücke. Frisch, chic und lässig ist Gauthier, und die Company wird langsam ein Klassiker der Berliner Saison. Es ist ein gelungener Abend mit einer klasse Stückeauswahl und technisch starken Tänzern, der mit Standing Ovation zelebriert wird. Die Überraschungen der Compay sind für dieses gerade begonnen Jahr sind aber noch nicht am Ende, und wir warten schon gespannt auf das Swan Lakes-Programm in Berlin.

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