Glücksspiel kann süchtig machen. Diese Warnung kennt fast jedes Kind. Und doch gehört das Streben nach Glück zu den widersprüchlichsten Triebkräften des Menschen. Es kann Hoffnung geben und Antrieb sein – und zugleich alles zerstören. In Roland Schwabs Inszenierung von Piotr Tschaikowskys Pique Dame an der Staatsoper Hannover wird daraus ein Psychogramm des Glücks und Unglücks. Im Zentrum steht Hermann, der im Spiel den schnellen Weg zu gesellschaftlichem Aufstieg und persönlichem Glück sucht.

Xavier Moreno (Hermann) © Bettina Stoess
Xavier Moreno (Hermann)
© Bettina Stoess

Schon der erste Blick auf diese Gesellschaft macht klar, wie wenig Hermann zu ihr gehört. Kinder, geschniegelt und herausgeputzt wie kleine Erwachsene, werden zum Vergnügen exerziert, während sie Selfies machen und sich in einer Welt des Überflusses bewegen. Wohlstandsverwahrlosung nennt man das wohl. Der wirkliche Krieg dabei weit entfernt. Ein Seitenhieb auf die heutige Situation im Herkunftsland des Komponisten? Hermann jedenfalls ist bereits von Anfang an optisch der Fremdkörper dieser Gesellschaft: Während die anderen in wechselnden luxuriösen Gewändern auftreten, bleibt er hindurch auffallend underdressed. Eine kurze Initiation in diese Welt dient weniger seiner Aufnahme als der Belustigung derer, die längst dazugehören.

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<i>Pique Dame</i> &copy; Bettina Stoess
Pique Dame
© Bettina Stoess

Über allem thront dabei eine gewaltige, ins Unendliche verlängerte Treppe. Himmelsstiege oder Höllenleiter? Sie schafft nicht nur eine natürliche Distanz zwischen den Figuren, sondern macht Hierarchien sichtbar. Meist steht Hermann am unteren Ende, während die Gesellschaft oder einzelne ihrer Mitglieder über ihm aufragen. Das Individuum bleibt klein. Zugleich wird die Treppe zum Bild von Hermanns eigenem Wunsch nach oben: Er will Lisa heiraten, dazugehören, aufsteigen – und glaubt schließlich, das Glücksspiel könne ihm diesen Weg abkürzen. Doch der vermeintliche Aufstieg führt nach unten. Schwab zeichnet Hermanns Abstieg in den Wahn mit feinen Verschiebungen, im Moment von Lisas Tod hat er bereits nur noch Augen für seine Karten.

Kiandra Howarth (Lisa) &copy; Bettina Stoess
Kiandra Howarth (Lisa)
© Bettina Stoess

Schwab erzählt den Auf- und Abstieg vor allem als psychischen Prozess. Lisa ist dabei nicht einfach die Geliebte, sondern eine junge Frau mit einem unbändigen Wunsch nach Freiheit, die glaubt, in Hermann den Ausweg aus ihrer Welt gefunden zu haben. Ihre weiße Kleidung wirkt wie ein Zeichen dieser Sehnsucht nach Unberührtheit, das spätere Schwarz als Trauer über ihre Desillusionierung. Die Gräfin wiederum blickt bereits aus einer anderen Zeit auf ihr Leben zurück. Helen Donath, mit 86 Jahren zurück auf der Bühne der Staatsoper Hannover, gibt ihr eine eigentümliche Mischung aus Präsenz und Entrücktheit. Diese Gräfin ist eine Frau, für die Erinnerungen allmählich realer zu werden scheinen als die Gegenwart.

Helen Donath (Gräfin) und Xavier Moreno (Hermann) &copy; Bettina Stoess
Helen Donath (Gräfin) und Xavier Moreno (Hermann)
© Bettina Stoess

Überhaupt bleiben die Zeit- und Wirklichkeitsebenen in dieser Inszenierung nie stabil. Moderne Kleidung trifft auf barocke Kostüme, die an Porträts von Élisabeth Vigée-Lebrun erinnern und bisweilen eine Spur von Sofia Coppolas Marie Antoinette in sich tragen. In der Pastorale wird die historische Welt zum Spiel, während Traum und Wirklichkeit, Realität und Halluzination bei Hermann zunehmend miteinander verschwimmen. Besonders eindringlich wird das in der Hymne an Katharina die Große. Hier wird Hermann selbst zur Herrscherfigur, als hätte ihm der Schlüssel zu den Räumen der Gräfin für einen Augenblick tatsächlich Macht und unermesslichen Reichtum verliehen. Der Schlüssel wird zu seinem Zepter, hinter ihm erscheint der Schatten Katharinas – der vermeintliche Aufstieg wird zum Bild seines Wahns. Im Verlauf der Oper verstärkt das Lichtdesign von Andreas Schmidt diese Unsicherheit: Räume und Figuren verlieren immer deutlicher ihre Eindeutigkeit.

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Philipp Jekal (Zlatogor), Viola Westhues (Prilepa), Anthea Barać (Pauline), Xavier Moreno (Hermann) &copy; Bettina Stoess
Philipp Jekal (Zlatogor), Viola Westhues (Prilepa), Anthea Barać (Pauline), Xavier Moreno (Hermann)
© Bettina Stoess

Francesco Angelico, seit dieser Spielzeit Generalmusikdirektor der hannoverschen Staatsoper, ließ diese psychologische Bewegung musikalisch langsam anwachsen. Der Beginn nahm sich Zeit, statt sofort auf den großen dramatischen Effekt zu zielen. Aus dieser Zurückhaltung entwickelte sich ein immer stärkerer innerer Sog. Die Musik schien die Figuren nicht von außen anzutreiben, sondern ihre Gedanken und Obsessionen hörbar zu machen. So bekam auch das wiederkehrende Pulsieren etwas Zwanghaftes, die Inszenierung schärfendes statt untermalendes.

Kiandra Howarth (Lisa) und Xavier Moreno (Hermann) &copy; Bettina Stoess
Kiandra Howarth (Lisa) und Xavier Moreno (Hermann)
© Bettina Stoess

Xavier Moreno folgte diesem Sog als Hermann mit einem kräftigen, unmittelbar ansprechenden Tenor, dessen Höhe auch in den dramatischen Zuspitzungen ihre Spannung behält. Kiandra Howarth gab Lisa mit warm gefärbter, wandelbarer Stimme eine Verletzlichkeit, die sich besonders in den leisen Passagen entfaltet. Philipp Jekal ließ Tomski mit geschmeidigem, resonanten Bariton beinahe beiläufig zum Chronisten dieser Welt werden, während Matteo Guerzè als Jelezki mit weich geführtem, belcantistischem Ton einen auffallend eleganten Gegenpol zu Hermann setzte. Helen Donath schließlich verlieh der Gräfin weniger durch vokale Geste als durch die Präsenz ihrer jahrzehntelangen Bühnenerfahrung Gewicht und wird damit lange in Erinnerung bleiben.

Xavier Moreno (Hermann) &copy; Bettina Stoess
Xavier Moreno (Hermann)
© Bettina Stoess

Am Ende ist von Hermanns erhofftem Aufstieg nichts geblieben. Das Glücksspiel, zunächst Versprechen auf ein anderes Leben, wird zum Spiel, in dem er alles verliert – und doch bis zuletzt nicht aufhören kann, an den großen Gewinn zu glauben. Bei Hermann beginnt die Sucht jedoch nicht mit der ersten Karte. Sie beginnt mit dem Glauben, dass ein einziger Gewinn genügen könnte, um ein anderes Leben zu erreichen. Schwabs Pique Dame erzählt damit weniger vom Glück als von dem Moment, in dem aus Hoffnung Besessenheit wird.

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