Als ich Elim Chan treffe, kommt sie gerade von einem Langstreckenflug aus Los Angeles zurück, wo sie das LA Philharmonic dirigiert hat. Angetrieben von Kaffee arbeitet sie unermüdlich weiter und bereitet sich eifrig auf ihre Rückkehr zum London Symphony Orchestra vor, dessen Programm mit einem ihrer Paradestücke, Rachmaninows Symphonischen Tänzen, endet. Chan, ehemals Chefdirigentin des Antwerp Symphony Orchestra, genießt ihre freiberufliche Tätigkeit, würde sich aber, wie sie später verrät, auch über die Gelegenheit freuen, wieder ein Orchester leiten zu dürfen.

Elim Chan dirigiert das London Symphony Orchestra © LSO | Mark Allan
Elim Chan dirigiert das London Symphony Orchestra
© LSO | Mark Allan

Chan stammt nicht aus einem musikalischen Umfeld. „Hongkong ist wohl nicht gerade der naheliegendste Geburtsort für eine klassische Musikerin“, beginnt sie. „Ich bin sozusagen die Außenseiterin in meiner Familie, obwohl mein Vater Künstler ist und in seinem Atelier immer Musik gespielt hat. Vielleicht habe ich meine künstlerischen Gene von ihm: Ich halte den Taktstock, er den Pinsel!“

Ihre Eltern waren offen dafür, auszuprobieren, was ihr gefiel – Klavierunterricht, Kinderchor, Ballett –, ohne sie in eine bestimmte Richtung zu drängen. Die musikalische Erleuchtung kam durch eine bestimmte Zeichentrickmaus. „Ich war fasziniert von Disneys Fantasia“, beginnt sie. „Ich dachte immer, Dirigentin zu sein sei wie Zauberei, genau wie in Der Zauberlehrling, mit Leopold Stokowski als Silhouette und Mickey Mouse, der auf ihn zuläuft. Das war ich!“

Bezeichnenderweise wurde das erste Konzert, das sie besuchte – ein Schulkonzert der Hong Kong Philharmonic – von einer Frau dirigiert, nämlich von Yip Wing-sie. „Sie verkörperte genau das, was ich in Fantasia gesehen hatte. Für mich war es natürlich nichts Ungewöhnliches, dass die Dirigentin eine Frau war … bis mir die Leute gesagt haben, dass das nicht üblich sei. Ich wollte so sein wie sie. Ich wollte dort sein, wo sie war, aber natürlich hatte ich keine Ahnung, wie ich dorthin kommen sollte.“

Mit ihrem Highschool-Chor sammelte Chan erste Erfahrungen als Dirigentin: „Ich habe sie zu einem Wettbewerb begleitet – wir haben sogar gewonnen!“ – doch es kam ihr nie in den Sinn, daraus einen Beruf zu machen. „Ich habe Naturwissenschaften immer geliebt. Ich wollte Detektivin werden. Ich habe am Smith College in Massachusetts Psychologie studiert. Das war mein Fokus.

Elim Chan dirigiert das Philharmonia Orchestra in <i>Scheherazade</i> &copy; Marc Gascoigne | Philharmonia (2024)
Elim Chan dirigiert das Philharmonia Orchestra in Scheherazade
© Marc Gascoigne | Philharmonia (2024)

„Ich bin dort dem Chor beigetreten, und der Dirigent lud mich ein, seine Assistentin zu werden, ‚weil du ein gutes Gehör hast‘. Als Nächstes sagte er mir: ‚Du solltest beim Konzert ein Stück dirigieren.‘ Na gut. Das hatte ich schon einmal gemacht. Und dann fragte mich die Musikabteilung: ‚Elim, bist du dir sicher, dass du nicht Musik machen willst?‘

„Dann klopfte es immer lauter an die Tür. Mein Aha-Moment war Verdis Requiem.“ Als sie gebeten wurde, eine Probe zu übernehmen, damit der Dirigent die Balance überprüfen konnte, begann sie mit dem Dies irae. „Dieser Schlag auf die große Trommel war wie die Stimme Gottes, als würde mich das Schicksal fragen: ‚Worauf wartest du noch? Bist du dumm? Wovor hast du Angst?‘“

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Spulen wir vor zum Dezember 2014: Chan gewann den Donatella-Flick-Wettbewerb und war damit die erste Frau, die einen großen Dirigierwettbewerb für sich entscheiden konnte – „mein Cinderella-Moment“ –, was zu ihrer Zusammenarbeit mit dem LSO führte. Sie assistierte dem Chefdirigenten Valery Gergiev, der nicht gerade dafür bekannt war, bei Proben stets anwesend zu sein.

„Mein erster Auftrag beim LSO, ich mach keine Witze, war bei den BBC Proms: alle fünf Prokofjew-Klavierkonzerte mit Alexei Volodin, Sergei Babayan und Daniil Trifonov. Und natürlich dachte die kleine Elim damals: ‚Moment mal, er hat fünf geschrieben?!‘ Das Orchester war total aus dem Häuschen, weil sie die Nummern Vier und Fünf proben mussten, die sie eigentlich gar nicht kannten. Als Nächstes sagte Kathryn McDowell [MD]: ‚Nun, Valery ist nicht da, ihr probt die Nummern Vier und Fünf!‘“

Chan probte im Grunde das gesamte Konzerprogramm und wurde sogar gebeten, in der Royal Albert Hall auf Abruf bereitstehen, für den Fall, dass Gergiev nicht erscheinen sollte. Gab es einen Teil von ihr, der hoffte, er würde nicht auftauchen? Chan grinst verschmitzt. „Ein ganz kleines bisschen!“

Bei ihrem nächsten Projekt sah Gergiev, wie Chan mit dem Orchester probte, und war sichtlich beeindruckt, denn schon bald nahm sie sein Mariinsky-Orchester auf Tournee nach Mexiko mit. Ein echter Erfolg für sie, aber wie Chan zugibt, eine „Feuertaufe“ mit Programmen, die Rachmaninow 2 und Schostakowitsch 5 enthielten.

Elim Chan dirigiert Rimsky-Korsakows Scheherazade.

Nachdem ich sie bei hervorragenden Aufführungen von Scheherazade, Schostakowitschs 10 und Prokofjews Romeo und Julia erlebt hatte, vermutete ich schon lange, dass Chan eine Vorliebe für das große russische Repertoire hat. „Wie könnte ich das nicht, wenn das mein Anfang war?“, lacht sie. „Ich liebe das Drama. Ich liebe das Theater. Ich liebe die Emotionen. Ich muss sagen, Valerys Sacre kann ich einfach nicht übertreffen. Ich habe es gewissermaßen wiederbelebt, weil ich wirklich Angst davor hatte.“ Stellt Le Sacre du printemps auch heute noch eine Herausforderung für Orchester dar, die es praktisch im Schlaf spielen können? „Ich glaube, vielleicht ist die technische Beherrschung des Instruments manchmal ein Hindernis“, antwortet sie, „denn ich vermisse diese Spannung und Angst bei den Musikern selbst, dieses Gefühl: ‚Das ist verdammt beängstigend.‘“

Derzeit bereitet sie ihre eigene Suite aus Prokofjews Ballett Cinderella vor, „das ich einfach liebe“, gibt aber zu, dass „meine große Liebe eigentlich Rachmaninow ist“. Am nächsten Tag beobachte ich sie bei der Probe mit dem LSO zu den Symphonischen Tänzen und stelle fest, wie scharf ihr Gehör für Details ist. Manchmal zieht sie eine Augenbraue hoch, wenn sie versucht, die Streicher zum Schweigen zu bringen, oder dreht ihren Taktstock wie einen Dolch – „Das muss hier ein bisschen wehtun!“

Elim Chan dirigiert Rachmaninows Symphonische Tänze.

Wie bereitet sich Chan auf Proben vor, insbesondere wenn sie zum ersten Mal ein Orchester dirigiert? „Man kann so viel planen, wie man will, aber es kann einen daran hindern, auf das zu reagieren, was man tatsächlich vor sich hat. Meine Obsession ist es derzeit, bei jedem Konzert, ja sogar bei jeder Probe, frisch und unvoreingenommen zu sein. Wir müssen ein wenig mehr auf der Stuhlkante sitzen.“

Im vergangenen Herbst sprang sie für den erkrankten Semyon Bychkov bei der Tschechischen Philharmonie ein, und Chan bemerkt mit ironischem Schmunzeln, wie ratlos die Musiker waren, wie sie auf eine zierliche, weibliche, asiatische Dirigentin reagieren sollten. „Sie verneigten sich vor mir oder zeigten viele dieser asiatischen Bräuche, überaus höflich. ‚Das müsst ihr nicht tun. Ich bin keine Japanerin. Ich bin einfach nur Elim!‘ Ich glaube, sie sind eine andere Art von Führung gewohnt. Ich könnte niemals das tun, was Bychkov tut. Das wäre völlig unnatürlich. Es wäre wohl urkomisch!“

Chan hinterlässt auf dem Dirigentenpult einen bleibenden Eindruck, oft in ihrem charakteristischen Tüllrock, Blazer und Stiefeln. Das war jedoch kein bewusster Stil. „Ich musste mich mit der Frage auseinandersetzen: Was tragen Dirigentinnen? Ich meine, Marin Alsop und Susanna Malkki tragen Anzüge und haben kurze Haare – ich habe das ausprobiert, und trotzdem hatten die Leute jede Menge zu meckern. Ohrringe oder keine Ohrringe? Aber wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem es meiner Meinung nach eine neue Definition von weiblicher Führung gibt oder davon, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Nach Menschen wie Marin, die sich durch viel schwierigere Zeiten gekämpft haben, kann ich es mir jetzt leisten, darüber nachzudenken: Was wäre, wenn ich keinen Anzug trage? Was, wenn ich keine Jacke trage? Ich werde niemals wie ein Mann sein, warum sollte ich mich also wie einer kleiden und versuchen, meine Schultern breiter wirken zu lassen?“ Power-Schulterpolster, meine ich, sind sehr 80er. „Genau!“, stimmt sie zu. „Und ich habe lächerlich ausgesehen. Dazu kommt, dass ich auch noch zierlich bin. Also habe ich einfach angefangen zu experimentieren, durch Ausprobieren, und so bin ich schließlich hier gelandet!“

Elim Chan &copy; Simon Pauly
Elim Chan
© Simon Pauly

2019 landete Chan in Belgien, wo sie Chefdirigentin des Antwerpener Symphonieorchesters wurde. „Mein erster Job. Eine steile Lernkurve“, erinnert sie sich. „Das war zu einer Zeit, als die Welt stillstand. Im Rückblick ist das sehr bewegend, denn eines der letzten Dinge, die ich mit dem Orchester unternommen habe, bevor Covid alles zum Erliegen brachte, war eine Tournee durch das Baltikum, deren letzte Station St. Petersburg war. Das war das letzte Mal, dass ich in Russland war.“

Was hat sie während ihrer Amtszeit über sich selbst gelernt? „In diesen fünf Jahren bin ich enorm gewachsen. Ich wurde dazu gedrängt, mich mit vielen Dingen auseinanderzusetzen, aber es gibt keinen besseren Weg, um zu wachsen. Im Grunde habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt: Was bedeutet es, eine Führungskraft zu sein? Gerade bei meiner Persönlichkeit – wer möchte nicht gemocht werden? Aber in einem Job wie diesem muss man Entscheidungen treffen, die nicht immer angenehm sind. Manchmal muss man sich als Chefin die Hände schmutzig machen.“

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Zu den jüngsten Höhepunkten – „es fühlte sich an, als hätte ich den Jackpot geknackt“ – gehören die Leitung der First Night (2024) und der Last Night (2025) der BBC Proms. Sie meisterte das ausgelassene Publikum der Last Night (und eine lange Gästeliste) und traf in nicht nur einer, sondern zwei Reden, die Chan selbst verfasst hatte, genau den richtigen Ton. „Ich wollte kein Sprachrohr sein. Ich musste etwas sagen, an das ich glaube.“

Elim Chan dirigiert bei den BBC Proms &copy; BBC | Sisi Burns (2023)
Elim Chan dirigiert bei den BBC Proms
© BBC | Sisi Burns (2023)

Chan hat sich ein beeindruckendes Portfolio an amerikanischen Orchestern aufgebaut, bei denen sie als Gastdirigentin auftritt, und gab kürzlich ihr Abonnementkonzert-Debüt beim Philadelphia Orchestra. „Ihre Streicher klingen einfach so voll“, schwärmt sie. „Das liegt ihnen im Blut, besonders natürlich im romantischen Repertoire wie bei Rachmaninow.“

Das Cleveland Orchestra ist ein vertrauter Partner, der oft als das am europäischsten klingende Orchester der USA angesehen wird. „Ich sehe es als eine perfekte Kombination aus der europäischen und der amerikanischen Welt“, erklärt Chan. „Es ist eine Maschine, aber so gut geölt und elegant. Und doch können sie diese Stahlhärte hervorbringen. Es ist unglaublich, wie präzise sie sind.“

“Both of them [Philly and TCO] have this illuminated history with famed music directors and recordings. I won't use the word ego, but they have this collective musical pride. It's actually very humbling in a strange way because they always want to be better, they want to be challenged. In that sense, if you’re a conductor who has ideas, oh my God, you're in Disneyland!”

Elim Chan &copy; Marco Borggreve
Elim Chan
© Marco Borggreve

Von den großen US-Orchester hat Chan auch das Boston Symphony Orchestra dirigiert und liebt dessen „wunderschönen Saal im alten Stil“, ebenso wie die Symphonieorchester von San Francisco, Chicago und Pittsburgh sowie die New York Philharmonic, deren „enorme Aufwertung“ ihrer Heimat, der Geffen Hall, sie besonders schätzt. Das Orchester, mit dem Chan in den USA die längste Beziehung pflegt, ist jedoch das LA Phil, seit sie 2016 Dudamel-Stipendiatin wurde. Sie lobt dessen Programmgestaltung und Herangehensweise an neue Musik. „Sie können sich definitiv rühmen, die zukunftsorientiertesten zu sein. Sie haben diese Green-Umbrella-Reihe, die ich gerade geleitet habe. Ich habe noch nie ein Orchester gesehen, das eine so spannende und einladende Reihe für neue Musik aufrechterhalten kann. Sie ist gut besucht. Ihr Publikum will herausgefordert werden. John Adams, der die Reihe kuratiert, und Esa-Pekka Salonen sind immer auf der Suche nach neuen, jungen Stimmen, die eine Plattform brauchen.

„Das LA Phil ist ein Orchester, das sich sehr schnell an verschiedene Stile anpassen kann. Vielleicht haben sie nicht diesen unverwechselbaren Klang, von dem wir bei Cleveland oder Philadelphia sprechen. Ich möchte sie nicht mit dem LSO vergleichen, aber es herrscht ein ähnlich vielseitiger Geist: Mal nehmen wir einen Filmsoundtrack auf, mal spielen wir John Adams, mal Mahlers Vierte Symphonie. Und natürlich ist die Disney Hall zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden.“ Ich frage, wie der Klang dort ist. „So würde man auch LA beschreiben: sehr hell, vielleicht ein bisschen metallisch.“

Bei einigen dieser US-Orchester ist derzeit die Dirigentenstelle vakant oder wird es sehr bald sein. Würde Chan nach Antwerpen eine weitere Führungsposition bei einem Orchester übernehmen wollen?

„Während Covid gab es kein Publikum, und wir alle begannen mit Aufnahmen und Streaming. Ich erinnere mich, dass ich damals die Frage stellte: Werden wir zu einer Art Musikproduktionsfirma? Sicher, wir können so spielen, aber ich möchte nicht in ein Konzert gehen und etwas hören, das zwar perfekt gespielt wird, bei dem man aber nichts fühlt, oder bei dem alle Orchester überall gleich klingen.“

Elim Chan dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Tanglewood Festival &copy; Hilary Scott, courtesy of the BSO (2025)
Elim Chan dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Tanglewood Festival
© Hilary Scott, courtesy of the BSO (2025)

„Ich möchte wieder ein Orchester haben, denn trotz all dieser Weltreisen und Gastdirigate, die ich liebe, habe ich einfach das Gefühl – vielleicht bin ich in gewisser Weise altmodisch –, dass ich gerne in eine Zeit zurückkehren würde, in der man von Eugene Ormandy und Philadelphia oder von George Szell und Cleveland sprach. Ich möchte einen festen Platz haben. Einfach mal dem Alltagstrott zu entfliehen und mir wirklich Zeit zu nehmen, die Namen jedes Einzelnen kennenzulernen, so wie es Leonard Bernstein getan hat. Wenn die Leute über Bernstein sprechen, wissen sie, dass er sich um sie gekümmert hat. Und an so etwas wie dem Klang eines Orchesters zu arbeiten, wie Ivan Fischer und das Budapest Festival Orchestra, die diese echte Synergie haben.“

In den kommenden Jahrzehnten werden wir hoffentlich schwärmerisch über den Klang von Chan und Orchester X sprechen. Aber wo, das wird nur die Zeit zeigen.


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Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.