Bei der Quartett-Woche des Pierre Boulez Saals waren dieses Jahr insgesamt elf Streichquartett-Ensembles zu Gast. Als vorletzte Gäste gab das Quatuor Diotima aus Paris ihr Konzert. Dass es zu den führenden Quartett-Ensembles für neue Musik zählt, stellte der erste Teil glänzend unter Beweis; dass die Musiker/innen, womöglich gerade dank ihrer intensiven Beschäftigung mit der Musik des 20. Jahrhunderts, auch den großen, im 19.Jahrhundert entstandenen Werken der Gattung neue Töne zu entlocken verstanden, belegte der zweite Teil des Abends auf beeindruckende Weise.

Quatuor Diotima © Jéremie Mazerq
Quatuor Diotima
© Jéremie Mazerq

Zu Beginn des Konzertes erklang Szymanowskis Zweites Streichquartett. Dass der Komponist schnell als Trick und Mode durchschaute, was andere als „die Moderne“ propagierten, ließ ihn nach eigenen Worten den Traditionalismus als „einen möglichen Ausgangspunkt“ begreifen, allerdings „unter dem Zeichen des Abschiednehmens“. Die Diotimas stellten, aus dieser Perspektive gehört, nicht die Klangreize der Partitur ins Zentrum, sondern verstanden die Form als ein Palimpsest, in dem, metaphorisch gesprochen, sich der einmal abgeschabte Text unter dem darüber geschriebenen sein Recht zurückforderte. So entstand beim Hören ein historisches Kräftespiel, in dem das Alte das Neue fast ebenso heftig verdrängt wie das Neue das Alte. Das Hauptthema singt sich im Unisono der Außenstimmen aus, umflirrt von halbtonversetzten Dreiklängen in den Innenstimmen. Vorsichtig deuteten die Diotimas ein imitatorisch geführtes zweites Thema an. Tremolos legten Nebel über die klare Architektur. Allein der Einsatz der Reprise wurde als deutlich vernehmbare Zäsur gesetzt. Wenn im letzten Takt G-Dur als Tonart des Satzes endlich festlegt wurde, fanden die Hörer/innen im Saal für einen Moment Ruhe im endlich erreichten Ziel. Im zweiten Satz wurden raue folkloristische Töne hörbar. Szymanowski fühlte sich zu der Volksmusik der Golaren, eines in den Karpaten lebenden Bauernstammes hingezogen.In dieser Musik steckt nach seinen Worten „eine ungewöhnlich suggestive Kraft“: Statt filigraner Töne spielte das Ensemble nun dem Wunsch des Komponisten entsprechend so „ursprünglich, uralt, prähistorisch”, dass die Urwüchsigkeit der Tatra-Folklore direkt vernehmbar wurde.

Mit Rebecca Saunders Unbreathed von 2018 erklang ein Werk, das vom Quatuor Diotima im Januar des letzten Jahres uraufgeführt wurde. Zu Beginn wurden Töne und Tonzellen in Mikrointervallen umkreist. Diese wechselten dabei in unterschiedliche Aggregatzustände, so dass, was eben noch wie gefrorene Triller klang, dann so tönte, als glitte es auf- und abwärts, wie zu Wasser geschmolzen. Das Werk wurde zu Beginn energisch vorangetrieben und im zweiten Abschnitt dann merklich zurückgenommen.

Zu Beginn seines letzten Streichquartetts kündigt Schubert mit der Konfrontation der Dreiklänge von G-Dur und g-Moll Großes an, wendet sich dann aber keinem Kampf zwischen Dur und Moll zu, wie es zu erwarten gewesen wäre, sondern mischt Ernst und Scherz miteinander. Die Diotimas trauten aber der heiteren Rossini-Geste der ersten Violine nicht recht, sondern intonierten das riesige Thema über dem Tremolo und dem chromatischen Bass fast getragen und mit großem Ernst, und in dieser Eindringlichkeit völlig neu für mich. Als Gegensatz nahmen sie das zweite Thema. Im Seitenthema beherzigten die Musiker/innen den Staccato-Punkt in der Phrase sehr gewissenhaft. Eine Kleinigkeit mit großer Wirkung! Das Thema verlor alles Sentimentale, das ihm so oft ganz gegen seinen Charakter aufgesetzt wurde Besonders geistvoll musizierte das Quartett das Einsetzen der Reprise, in dem Schubert den Beginn der Exposition spiegelt und dem Thema alles Opernhafte nimmt. An solchen Stellen ließ sich bemerken, mit welch großer Partiturkenntnis hier offenbar geprobt wurde. Die Diotimas verstanden es, durchweg jede Achtelnote und -pause (!) mit Leben zu erfüllen.

Das hohe Niveau setzte sich im langsamen Satz fort, wo gesangliche und instrumental-rezitativische Stellen miteinander abwechseln. Vor allem der Kanon erklang ohne jede Schwere fabelhaft.

Das Scherzo spielten die Diotimas als ein flirrendes Viotuosenstück, den Schlusssatz zu Recht als buffoneske Variante des Kopfsatzes und nahmen schon im Hauptthema alles Pathos zurück. Dieser Satz ist nicht so dicht und ernst komponiert wie der erste. Doch es erschien, als freuten sich die Diotimas, nun etwas leichter und unbeschwerter musizieren zu dürfen. Der Präzision ihres Spiels tat das so wenig Abbruch wie der Fähigkeit, wirklich auf jede Nuance im Notentext einzugehen.


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