Als das Badische Staatstheater vor zwei Jahren The Wreckers von Ethel Smyth erstmals herausbrachte, bedeutete dies die Wiederentdeckung eines herausragenden Musikdramas. Auf die in Karlsruhe realisierte deutsche Erstaufführung der Originalfassung folgten auf deutschen Bühnen rasch weitere Produktionen dieser bis dahin hierzulande unbekannten Oper einer kaum weniger unbekannten Komponistin. Nun wurde The Wreckers in Karlsruhe als Wiederaufnahme erneut in den Spielplan genommen und bestätigte deren enorme Bühnenwirksamkeit.

Ann-Beth Solvang (Thirza) © Felix Grünschloß
Ann-Beth Solvang (Thirza)
© Felix Grünschloß

Immerhin hatten sich einmal namhafte Dirigenten für das Werk stark gemacht. Bruno Walter begeisterte Gustav Mahler für eine Aufführung in Wien, was aber an dessen Kündigung an der Hofoper scheiterte. Schließlich wurde The Wreckers 1909 in London von Thomas Beecham uraufgeführt. Auch John Barbirolli dirigierte das Werk an Covent Garden. Aber nach dem Tod der Komponistin 1944 geriet es für viele Jahre in Vergessenheit. Das Wirrwarr verschiedener Fassungen erschwerte zusätzlich die Rezeption dieses in Inhalt und Musik wahrhaft starken Werks.

Das Besondere des Stücks: Hauptfigur ist eine Frau, die sich kämpferisch gegen allen Widerstand für die selbstbestimmte Liebe und zugleich für das freie Menschenrecht einsetzt – eher eine Seltenheit für die Frauenfiguren in den Opern des 19. Jahrhunderts; Ziele, für die auch die Komponistin zeitlebens selbst eintrat. 1858 mitten im Viktorianischen Zeitalter geboren, stemmte auch Ethel Smyth sich gegen gesellschaftliche Zwänge, schloss sich der Bewegung der Suffragetten an und kämpfte durchaus auch militant für eine in ihren Augen gerechte Sache.

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<i>The Wreckers</i> &copy; Felix Grünschloß
The Wreckers
© Felix Grünschloß

In der Oper ist es die junge Thirza, die sich entschlossen gegen ihre gesellschaftlichen Umstände stellt. Der Titel The Wreckers (Die Standräuber) bezeichnet eine Gemeinschaft von Fischern in einem verarmten Dorf an der Küste von Cornwall, die gestrandete Schiffe ausrauben und deren Überlebende brutal ermorden. Pescoe, der Pfarrer des Orts und Thirzas Mann, rechtfertigt dieses Handeln angesichts der Armut der Leute mit dem Willen Gottes. Diese religiös verbrämte Gewalt entzweit Thirza mit ihren wesentlich älteren Mann. Sie liebt den jungen Fischer Mark, der wie sie das räuberische Handeln der Dorfbewohner ablehnt und heimlich auf den Klippen Leuchtfeuer entzündet, um nahende Schiffe vor dem Kentern zu warnen. Voller Hass suchen die Dorfbewohner nach dem unbekannten Verräter. Nach einigen Verwicklungen stellen sich Mark und Thirza dem wütenden Mob, bekennen ihre Liebe und nehmen den für sie befreienden Tod in den Fluten des Meeres an.

Eine Art Liebestod also auch hier und lange, emphatische Liebesduette in dieser Oper. Großartig sind beide Rollen in der Karlsruher Produktion mit Ann-Beth Solvang und Brett Sprague besetzt, beide in ihrem Format auch als Wagnerstimmen denkbar. Mit nicht ermüdender Kraft und durchschlagender Klangwirkung meisterten beide ihre Partien glänzend. Im zweiten Akt treffen sie sich auf den Klippen, um zum letzten Mal das Leuchtfeuer zu entzünden, steigern sich in ihre Liebe und träumen schwärmerisch von ihrer Flucht in eine freiere Welt. Im dritten Akt gehen sie gemeinsam in den freiwillig gewählten Tod. Es gibt für sie kein richtiges Leben im falschen. Die Regie findet hierfür ein berührendes, gleichsam verklärendes Bild. Schwebend werden sie vom Wasser, das als Wellen auf hochgezogene Tücher projiziert wird, mild und friedvoll aufgenommen.

Melanie Lang (Jack) &copy; Felix Grünschloß
Melanie Lang (Jack)
© Felix Grünschloß

Mit dieser Lösung schafft Keith Warner einen mächtigen Gegensatz zur Zeichnung der Wreckers-Gesellschaft, die er zumeist in düsterem Schwarz zeigt. Dem großartigen Karlsruher Chor gelingt es, die strukturelle Aggressivität dieser Gemeinschaft vokal und im Spiel beklemmend zu artikulieren. Die Kostüme (Julia Müer und Verena Polkowski) als zusammengeklaute Beuteklamotten tragen zur abstoßenden Wirkung dieser fürchterlichen Gesellschaft zusätzlich bei, deren Protagonisten auch äußerlich als Outlaws erkennbar werden.

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Eine besondere Rolle spielt die junge Avis, die durch besondere Brutalität auffällt und gegen Thirza und Mark, der sie mit ihren Annäherungsversuchen verschmäht, intrigiert. Ralitsa Ralinova gab diese Rolle in starker Bühnenpräsenz und stimmlich ungemein expressiv. Auch die übrigen Sängerdarsteller, alle aus dem Karlsruher Ensemble, füllten ihre Rollen mit packender Intensität aus. Herausgehoben besonders Armin Kolarczyk als Scharfmacher Lawrence und Konstantin Gorny als Pascoe. In der nicht unbedeutenden Rolle des Jungen Jack konnte Melanie Lang voll überzeugen.

Konstantin Gorny (Pascoe) &copy; Felix Grünschloß
Konstantin Gorny (Pascoe)
© Felix Grünschloß

Warner hat die Handlung als eine Art Sozialstudie einer durch und durch verrohten Gesellschaft angelegt. Das einheitliche Szenenbild (Bühne: Tilo Steffens) stellt einen nach außen durch Luftschleusen isolierten Raum dar, was die Vorstellung einer verseuchten Außenwelt suggerieren soll, die nur noch mit Atemmasken betreten werden kann. „We are the Wreckers”, sagt Keith Warner – wir beuten unsere Umwelt aus. Bezogen auf die Handlung kann dieser Gedanke aber weniger überzeugen und er wird auch konzeptionell die Aufführung über nicht durchgehalten. Wie sehr aber diese Gesellschaft jede Kontrolle verloren hat, zeigt die durchgängige Aggressivität schlagend.

Die Musik von Ethel Smyth lässt darüber auch keinen Zweifel. Es gibt keine „schönen” Stellen, kaum Passagen des ruhigen Atemholens. Selbst die Liebesduette von Thirza und Mark atmen eher Anspannung und Kampf. Nur am Anfang bei Thirzas erstem Auftreten gönnt sich die Musik den Hauch eines lyrischen Moments. Ulrich Wagner am Pult der Badischen Staatskapelle schärfte den expressiven Sog der Musik kräftig an und ließ die vor allem dunklen Orchesterfarben al fresco herausspielen.

So taugt diese Aufführung kaum zur Unterhaltung, lässt aber viel Raum für vertieftes, vielleicht aufrüttelndes Nachdenken.

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