Am Ende liegt Dido in ihrem prachtvollen, seidig glänzenden Kleid tot am Boden; Laura Jane Stanfield hat sich für ihre Kostümgestaltung an der Entstehungszeit der Oper orientiert. Das Leben hatte für Dido, nachdem ihr Geliebter Aeneas sie verlassen hatte, keinen Sinn mehr. Traurig lamentieren die Liebesgötter darüber. Purcell hat dafür eine auch heute, über dreihundert Jahre nach der Entstehung seiner Oper über Dido, die Königin von Karthago, und den trojanischen Prinzen Aeneas, der am Ende seiner großen Flucht aus Troja schließlich Rom gründen soll, immer noch ergreifende Musik komponiert. Immer wieder gerät der Chor aus Trauer über das sinnlos verloschene Leben ins Stocken, und die Choristen dieser Inszenierung an der Royal Academy Opera in London verleihen den Tönen den nötigen kummervollen Ausdruck. Dirigentin Elizabeth Kenny hat daran sicherlich einen großen Anteil, schließlich ist sie eine der profundesten Kennerinnen der Barockmusik, hat als Lautenistin in zahlreichen Ensembles für alte Musik mitgewirkt und mit dem von ihr gegründeten Theatre of the Ayre gerade in der englischen Barockmusik Maßstäbe gesetzt.

Bernadette Johns (Dido)
© Craig Fuller

Die Academy Opera ist die Studiobühne der Londoner Königlichen Musikakademie, wo Kenny eine Professur für Lautenspiel innehat, insofern musste man nicht weit suchen nach einer Dirigentin für dieses Stück, und wie sie die wechselnden Affekte von Purcell in Töne setzte, war grandios. Für jede Passage traf sie den perfekten Ausdruck, für die Trauer Didos, die Aufmunterungen von deren Vertrauten Belinda – von Grace-Marie Wyatt mit hellem Sopran und perfekten Koloraturen verkörpert –, die rauen Töne der Zauberin, die Silja Elsabet Brynjarsdóttir mit sarkastischem Humor von sich gibt, bis hin zu den zahlreichen Tanzeinlagen. Dan D'Souza, der den Aeneas gestaltet, reicht an die Differenzierungskraft der beiden genannten Sängerinnen nicht ganz heran, hat allerdings von der Regie her auch kaum Möglichkeiten, die Rolle zu entfalten.

Dan D'Souza (Aeneas) und Bernadette Johns (Dido)
© Craig Fuller

Das Schlusstableau mit der toten Königin, auf die weiße Blütenblätter herabregnen, greift das Eingangsbild dieser Inszenierung auf. Dort erhebt sie sich wie aus einem langen Traum. Regisseur Jack Furness hat damit dem Ganzen eine inszenatorische Klammer verliehen und verhindert, dass das ja nur in Bruchstücken überlieferte Werk diffus auseinanderzufallen droht. Furness ist ein renommierter Opernregisseur, und die Academy Opera verpflichtet für ihre Studentenproduktionen nicht selten die besten ihres Faches. Furness glänzt mit so manchem Einfall. Am eindrucksvollsten ist seine Behandlung der Zauberin, Didos Gegenspielerin. Sie hat in seiner Inszenierung alle Fäden in der Hand. Sie ist es ja auch, die Aeneas dazu bringt, Dido zu verlassen, indem sie einen Geist beauftragt, als Gott Merkur dem Prinzen ins Gewissen zu reden und ihn zur Weiterfahrt zu bewegen. So dirigiert sie ihr Hexenreich mit knappen herrischen Handbewegungen und lässt ihre Hexen per Fernbedienung tanzen oder in der Bewegung erstarren, erhebt sich gelegentlich auch drohend hinter Dido. Brynjarsdóttir brillierte hier auch mimisch.

Silja Elsabet Brynjarsdóttir (Zauberin) und Bernadette Johns (Dido)
© Craig Fuller

Ansonsten hat sich Furness leider für eine historisch inspirierte Schauspielführung entschieden, vielleicht angeregt durch das Originalklangensemble unter Elizabeth Kenny. So hat er sich an der hochgradig stilisierten Gestik des Barocktheaters orientiert, bei der es fest vorgeschriebene Gesten für jede Gemütslage gab. Freilich hat Furness hier frei improvisiert, und so gestikulieren bei ihm über weite Strecken die Sänger, als folgten sie einem aus der Fantasie geborenen Ritual. Das ist sehr bald ermüdend und lässt die ja nur rund eine Stunde währende Oper ungleich länger wirken, als sie ist.

Silja Elsabet Brynjarsdóttir (Zauberin)
© Craig Fuller

Diese Orientierung an historischen Schauspielmodellen konterkariert er wiederum durch Modernismen. So tragen Matrosen moderne Aluleitern auf die Bühne, die als Schiffsmasten zu deuten sind, die Hexen ziehen sich andauernd moderne Turnschuhe an und aus, und Dido trägt eine  Armbanduhr. Diese Brechungen haben jedoch keinerlei Mehrwert für die Aussage des Stücks, dafür gehen psychologische Durchdringung und dramaturgische Deutung der Figuren und ihrer Verhältnisse zueinander verloren.

Bernadette Johns (Dido), Camilla Harris (2. Frau), Dan D'Souza (Aeneas), Grace-Marie Wyatt (Belinda)
© Craig Fuller

So bleibt in erster Linie die Musik. Sie ist grandios, man könnte auch einfach die Augen schließen und ihr lauschen und in Bernadette Johns als Dido einen Sopran entdecken, dem eine große Zukunft beschieden sein dürfte: eine volle, warme Stimme, fähig zu innigen lyrischem Ausdruck, zu dramatischem Ausbrüchen und zu elegischen Klagen. Sie fügt sich nahtlos in ein fantastisches Ensemble aus Sängern und Instrumentalisten ein, folgt dem ausdrucksstarken Dirigat von Elizabeth Kenny und ist zugleich doch auch prima inter pares, eine Entdeckung.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Royal Academy Oper rezensiert.

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