Keine Frage, der Computer hat unsere Welt verändert, und wir profitieren von ihm, er liefert Informationen, verbindet uns mit dem Rest der Welt. Aber, und Psychologen wie Soziologen sind sich da einig, er ist auch eine große Gefahr. Kinder vereinsamen immer mehr vor dem Bildschirm, und Erwachsene haben mehr Interesse daran, das nächste Level im Computerspiel zu erreichen als eine Beförderung im Berufsleben. Insofern ist die neue Oper Singularity von Miroslav Srnka, die im Auftrag des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper entstand, hochmodern, denn es geht genau darum.

Singularity
© Wilfried Hösl

Zu Beginn hämmert eine Figur wie manisch auf dem Smartphone herum, die Geräusche, die solche Geräte von sich geben, ahmt der Sänger – brillant im Ausdruck Andrew Hamilton – mit dem Mund nach. Für seine Freundin hat er weder Augen noch Ohren, dabei hat sie den verständlichen Wunsch nach Liebe, konkreter nach Sex, denn auch darum geht es in dieser Oper. Und auch da sieht es eher nach Scheitern aus denn nach Gelingen. Eine andere Figur hatte schon in der Pubertät Probleme, eine Partnerin zu finden, weshalb ihm die Mutter als Ersatz einen Kanarienvogel geschenkt hatte. Andere gerieren sich eher als Sexprotze. Und noch ein Kennzeichen unserer modernen Gesellschaft hat sich Librettist Tom Holloway vorgenommen: den Jugendwahn, das Bestreben, durch Sport oder Aufenthalte in Spas dem Alterungsprozess zu entgehen. In diesem Fall müssen die Figuren sich aber keine Sorgen machen, denn sie leben in einer Welt, in der sie ohnehin nicht altern, auch nach Jahrzehnten nicht.

Juliana Zara, Eliza Boom, Andrew Hamilton und Theodore Platt
© Wilfried Hösl

So hätte ein aufregendes Sozio- und Psychogramm auf die Bühne kommen können mit den menschlichen Problemen unserer Zeit, wenn Holloway so etwas wie Menschen auf die Bühne gebracht hätte. Genau das hat er aber nicht getan. Er siedelt die Handlung, so es überhaupt etwas dergleichen gibt, irgendwo in der Zukunft an, im Weltall, und Regisseur Nicolas Brieger hat sich von Raimund Bauer eine Art Weltraumstation bauen lassen, in der vor allem  die Videoeinblendungen von Stefano Di Buduo für den Eindruck einer virtuellen Welt sorgen. Als „Space Opera“ bezeichnet Komponist Miroslav Srnka denn auch bezeichnenderweise sein neues Werk, und zwar nicht für „dramatis personae“, sondern „for young voices“. Damit hat er zwar exakt aufgegriffen, was Tom Holloway ihm als Libretto geliefert hat, darin liegt aber auch das Problem des Stücks: Es fehlt ihm an Figuren. Hier wird nicht agiert, schon gar nicht interagiert, hier wird nur geredet. Entsprechend hat Srnka eine Art Dauerparlando komponiert. Über weite Strecken herrscht ein Sprechgesang vor, selten erlaubt er den Sängern richtige Kantilenen. Die jungen Sänger meistern das zwar vorzüglich, aber es dauert lange, bis Andrew Hamilton seinen warmen, hellen Bariton aussingen kann, bis George Virban zeigen kann, dass sein lyrischer Tenor auch zu metallischen Spitzentönen fähig ist, und wie warm und voll Eliza Booms Sopran strömt. Am ehesten hat noch Daria Proszek Gelegenheit, ihren ausdrucksstarken Mezzo auszuspielen. Ihr hat Brieger denn auch szenisch die meisten Möglichkeiten gegeben, als laszive Erotiksüchtige eine Art Rolle zu entwickeln. Denn daran fehlt es durchweg. Die „Figuren“ haben keine Namen, sondern sind nach ihren Gesangsstimmen benannt – S für Sopran, M für Mezzo, T für Tenor und B für Bariton.

Andres Agudelo, George Vîrban, Yajie Zhang, Daria Proszek, Theodore Platt, Andrew Hamilton
© Wilfried Hösl

Noch schwerer ist es für die übrigen vier Sänger, denn jede „analoge“ Figur hat noch als Pendant eine virtuelle. Brieger lässt sie vermummt hinzutreten, anfangs verdoppeln sie die analogen Figuren, später spielen sie eigene Parts, doch richtig ausdefiniert ist hier nichts.

Yajie Zhang, Andres Agudelo, Daria Proszek, George Vîrban
© Wilfried Hösl

Kompositorisch ist die Oper vor allem atmosphärisch interessant, Srnka sorgt für Klänge, die die futuristische Welt andeuten. Die Musiker des Klangforums Wien unter Patrick Hahn realisieren das hervorragend. Doch auch Srnkas Musik leidet unter dem Stillstand, dem die „Handlung“ weitgehend unterworfen ist. Am Ende verlieren die Protagonisten noch das Wenige, das sie an persönlicher Substanz haben. Sie gehen alle auf in einer einzigen Figur, einer Singularität, die der Titel der Oper andeutet. Brieger lässt das dann konsequenterweise nur noch als Stimmen durch den Raum rauschen, Stefano Di Buduo lässt dazu einen Blick in unseren abendlichen Sternenhimmel projizieren, in dem alsbald die Myriaden von Sternpunkten wie unter einem Algorithmus zu einem Computerspielmuster mutieren. Ein brillantes Schlusstableau, schließlich spielt die Oper ja weitgehend im virtuellen Bereich; leider ist das Stück allerdings auch als Oper weitgehend virtuell geblieben.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Bayerischen Staatsoper rezensiert.

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