Anton Bruckner hatte früh das Orgelspiel erlernt und äußerte sich 1868 gegenüber einem Freund folgendermaßen darüber: „Mein Spiel ist aber leider nur für größere Orgeln angepaßt. Bei kleinen Orgeln geht der ganze Effect flöten und wird sogar oft lächerlich.“ Obwohl er 1871 zur Einweihung der Orgel in der Royal Albert Hall in London eingeladen war und er mit seinen Konzerten und Improvisationen in der Folge auch im Crystal Palace ein beachtlich großes Publikum erreicht und begeistert hatte, darf man sich Bruckner nicht als Orgelvirtuosen vorstellen. Er war hier, wie auch in seinem symphonischen Schaffen nicht von seinem eigenen Können überzeugt. Bei seinen Symphonien führte dies dazu, dass er immer mindestens zwei verschiedene Versionen hinterlassen hatte, die wiederum von verschiedenen Nachlassverwaltern sehr unterschiedlich zusammengefügt herausgegeben worden sind. In Amsterdam klang die sehr populäre aber auch umstrittene Edition von Joseph Haas aus dem Jahr 1939 mit großer Orchesterbesetzung und 3 Harfen, die von beiden von Bruckner selbst autorisierten Fassungen abweicht.

David Zinman © Priska Ketterer
David Zinman
© Priska Ketterer

Das Konzert begann mit einer Auftragskomposition des Niederländischen Rundfunks NTR, der damit nicht nur an den Organisten Bruckner erinnern wollte, sondern auch die vor 25 Jahren renovierte 127 Jahre alte Orgel im Concertgebouw von Michaël Maarschalkerweerd ins Rampenlicht rücken wollte. Mit dieser Komposition hatte man Jan Welmers (Jahrgang 1937) beauftragt, der mit Orgelkompositionen, die von der Minimal Music beeinflussten sind, international auf sich aufmerksam gemacht hatte. Welmers nannte sein Stück Memoires III und erwähnte im Programmheft, dass er das Material zu dieser Komposition aus seinem auditiven Unterbewusstsein geschöpft hatte. Wie fast alle seine Werke begann auch Memoires III sehr leise, entwickelte kurz eine pentatonische Melodie und starb nach fragmentarischen Ansätzen wieder leise weg. In einem zweiten Anlauf, in dem auch Tonleiterläufe nicht gescheut wurden, kam der die Komposition tragende improvisierende Charakter und der Einsatz der modernen Schwelltechnik zur Realisierung von groß angelegten Crescendi gut heraus. Das knapp 12 Minuten dauernde Stück endete mit dem langsamen Zurückschieben aller Register bis auf den Pedalton C schließlich im Nichts. Das bereits auf der Bühne sitzende Radio Philharmonische Orchester hätte sich diese meditative Stimmung zu Nutze machen und in derselben Tonart die Achte Symphonie beginnen können – jedoch wollte man dem hervorragenden Organisten Leo van Doeselaar und auch dem anwesenden Komponisten ihren wohlverdienten Applaus gönnen.  

David Zinman leitete eine eher schlichte Aufführung der letzten vollendeten Symphonie Bruckners. Was bei Zinman ins Auge fiel, war sein schwungvoll runder Dirigiergestus. Er gab große Einsätze mit wuchtigen ruhigen Bewegungen und wechselte diese mit kleinen punktgenauen Anweisungen ab, wo dies nötig war. Seine linke Hand insistierte deutlich, wenn ein Klang sich weiterentwickeln sollte. Damit entlockte er dem RFO einen sehr warmen unintensiven Gesamtklang. Zinman verzichtete während der gesamten fast 90 Minuten der Aufführung auf große Zäsuren und hielt dadurch den Spannungsbogen sehr organisch fließend. Schon nach wenigen Minuten fühlte man sich in einer Art Trance versetztz, in der Raum und Zeit keine Rolle mehr spielten, wie Ernst Ludwig Schellenberg es einst in seinem Gedicht Bruckner beschrieb: „Doch du bist süss und grausig wie ein Wald; Voll ährenreifer, mitternächt'ger Schwere.”

Im ersten Satz Allegro moderato hatte die klagende Oboe ergreifende Momente, und spielte später auch mit der Wagnertuba ein melancholisches Duett, dessen Fragen von der Trompete mit klar fokussiertem Klang beantwortet wurden. Die 17 Blechbläser des RFO spielten mit mitreißend kompakten und einschmeichelnd homogenem Klang sowohl in leisen Passagen als auch im kraftprotzerischen Forte. Die vielen Wiederholungen von Phrasen und musikalischen Themen im Scherzo wirkten in dieser ungemein gleichmäßig dahinfließenden Interpretation wie Vorläufer der Minimal Music. Auffallend waren die Signale des Horns bei der Überleitung am Ende des Trio zum Da Capo des Scherzo. Der an sich schon beeindruckende Bau des Amsterdamer Konzertsaals veränderte sich angesichts der formstreng konzipierten Musik von Bruckner in eine gefühlte gotische Kathedrale von ungeheurem Ausmaß. Das Adagio: feierlich langsam, doch nicht schleppend, einer der längsten langsamen Sätze der Romantik strahlte eine serene Ruhe aus. Auch hier überzeugte Zinman, indem er ohne übertrieben lange Pausen durchdirigierte. Die fragenden, melancholischen Melodien der Bläser fanden ihren Gegenpol im satten Klang der tiefen Streicher. Immer wieder umgarnten die Hörner und vor allem die vier Wagnertuben das Ohr. Die Apotheose der Symphonie wurde nach sehr langer, unendlich wirkender Steigerung der Lautstärke erreicht, die auf diesem Höhepunkt einen Frieden mit der Welt verkündete. Im sehr kräftig beginnenden abschließenden Finale: Feierlich, nicht schnell gefiel das männliche Thema, die harmonischen Sequenzfolgen und das Schlussfugato der Streicher über wirbelnden Pauken. Es war, als hörte man Bruckner sagen: Das Orchester ist meine Orgel!

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