„Time flies over us, but leaves its shadow behind.“ - Nathaniel Hawthorne (1804-1864)
Wir verbringen zahllose Stunden damit, uns den Kopf über Zeit zu zerbrechen: wie wir Zeit verbringen, wie wir Zeit sparen, wie die Zeit uns ein- und überholt. Zeit ist der rote Faden, der sich durch das diesjährige Kuhmo Kammermusikfestival zieht, und sie fasziniert Vladimir Mendelssohn, seit August 2005 künstlerischer Leiter des Festivals. „Zeit bedeutet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zeit ist ein strenger Richter über Qualität, der nur die überlebensgroßen künstlerischen Leistungen rettet. Zeit ist ein körperloser Geist, den man nur fühlen kann, wenn man mehrere Stunden Parsifal oder ein 30-Sekunden-Stück von Webern hört. Zeit ist Feind und Freund, der um, vor und hinter unserem Leben fließt, vor unseren sterblichen und hinter unseren unsterblichen Leidenschaften, wie Vivaldis Vier Jahreszeiten, Da Vinci, Michelangelo oder Malers neun Beichten, die er Symphonien nennt.“ Bei der Zusammenstellung eines straffen Programmes von über 73 Recitals in nur 14 Tagen hat Mendelssohn Thementage geschaffen, die verschiedene Aspekte von Zeit, Jahreszeiten, Uhren und Konflikt erkunden.
Kuhmo liegt im Osten Finnlands, nicht weit von der russischen Grenze, und schmiegt sich zwischen Wälder und etwa 600 Seen. Konzerte finden an sechs verschiedenen Orten statt, konzentrieren sich jedoch zumeist auf das Kuhmo Arts Centre, dessen exzellente Akustik tausende Musikliebhaber aus dem In und Ausland anzieht.
Es gibt eine gesunde Mischung aus etablierten Klassikern und ungewöhnlichem Repertoire, was bedeutet, dass auch der überzeugteste Klassikfan Neues entdecken wird. Jedes Jahr kommt eine Vielzahl von Musikern – viele am Anfang ihrer Karriere – nach Kuhmo. Manche Kammerensembles wie das Storioni Trio geben Beiträge, doch die meisten Ensembles setzen sich aus einzelnen Musikern zusammen, die zum Konzertieren eingeladen worden sind. Wie kreiert Mendelssohn diese musikalische Besetzung? „Auf der Basis der größten Stärken meiner brillanten Kollegen, die weniger großen Stärken, so sie existieren, werden vermieden,“ erklärt er. „In der Lage zu sein, innerhalb einer Gruppe mit einer Lebenserwartung von drei Proben und einer Aufführung zu koexistieren, ist eine Herausforderung.“
„'Es werde Licht!' In Haydns Schöpfung folgt auf das weiche Pizzicato beim Wort „Licht“ ein C-Dur-Akkord im Fortissimo, einer der aufregendsten C-Dur-Akkorde in der Musikgeschichte.“ „First light“ ist das Thema des Eröffnungskonzertes mit Werken wie Mahlers Urlicht, Debussys Clair de lune und Beethovens „Waldstein“-Sonate, die im Italienischen aufgrund der ersten Akkorde des dritten Satzes als „Aurora“ (Morgendämmerung) bekannt ist.
Am 13. Juli dreht sich alles um den „Jahrhundertanfang“, der zu einem „Lebewohl an C-Dur“ - mit Musik von Schönberg und Bartók – und in einem Spätkonzert gipfelt, das die Zuhörer zum „Armageddon: Das Ende der Zeit“ führt.
“Ich spielte einige Kompositionen von diesem schrecklichen Brahms. Was für ein unbegabter Bastard!“ Musikalische Meinungsverschiedenheiten zwischen Komponisten sind legendär. Obwohl sie scheinbar gerne Zeit miteinander verbrachten, war Tschaikowskys Urteil über Brahms' Musik der Anfang einer musikalischen Schlacht - Tschaikowsky & Brahms – an einem Tag der dem „Krieg der Sterne“ gewidmet ist (14. Juli). Das beste Urteil kam vielleicht von dem zeitgenössischen Kritiker Eduard Hanslick: „Tschaikowskys Musik klingt immer besser, als sie ist; Brahms' Musik ist oft besser, als sie klingt.“ Der Tag endet mit einem Recital von Werken, deren Komponisten vernichtende Kritik ihrer Kollegen einstehen mussten.
„Clocks and Clouds“ (Uhren und Wolken) am 17. Juli führt uns durch die Spanne eines Tages, vom Tagesanbruch (einschließlich Schuberts Morgenlied und Elgar’s Chanson de matin) bis zur Abenddämmerung (Respighis Il tramonto) mit Serenaden und Musik über die Nacht. Brittens bildhafter Liederzyklus, die Serenade für Tenor, Horn und Streicher beendet schließlich den Tag.
„Wahrheit und (etwas) Fiktion“ am 19. Juli befasst sich mit musikalischem Erzählen. Prokofjews Klassiker Peter und der Wolf ist eine Veranstaltung „Kinder von 5-95 Jahren“, aber Mythen, Legenden und „verhängnisvolle Anziehung“ bilden die Grundlage für verschiedene, über den Tag verteilte Recitals. Märchen und Musen sind die Inspiration hinter Konzerten am 23. Juli mit dem Titel „Once upon a time“ (Es war einmal).
Sibelius – der „Aristokrat der Zeit“ - ist immer wieder Bestandteil von Konzerten am 20. Juli. Vladimir Mendelssohn beschreibt die Qualitäten dieses finnischen Giganten im Jahr seines 150. Geburtstag. „Hören Sie sich den avantgardistischen jungen Sibelius an im Vergleich mit der Avantgarde der 1880er Jahre (Brahms, Grieg und Verdi), den sensationellen Bühnenkomponisten, den eindrucksvollsten Autor von Tondichtungen und intimster Kammermusik. Hören Sie die Weisheit des alten Komponisten, der der Versuchung des Abgrundes widerstand, als er sich vom Sog seiner letzten zeitgenössischen Kollegen wie Cage, Stockhausen, Boulez oder Terry Riley umgeben sah. Sibelius' Klaviertrio, seine Schauspielmusik zu Pelléas und Mélisande und sein Streichquartett „Voces intimae“ wie auch das selten aufgeführte Kom nu hit, död,das letzte, von ihm arrangierte Stück, für Bariton, Harfe und Streichquartett (1957) stehen neben Werken seiner Zeitgenossen auf dem Programm.
Der letzte Festivaltag (25. Juli) erkundet die Musik der verschiedenen Jahreszeiten, vom Bekannten (Vivaldi) über das Unbekannte (Honeggers Pastorale d'été) bis zum Neuen – Matthew Buttners Syntax of Snow für zwei Glockenspiele and Verstärkten Schnee. Schuberts Winterreise hört man in einem introspektiven vorletzten Konzert, bevor das Festival mit Astor Piazzollas überschäumenden Four Seasons of Buenos Aires abschließt.
Von Jahreszeiten über Tageszeiten, von einem Jahrhundert zum nächsten, die Zeit, die Sie diesen Juli in Kuhmo verbringen, wird Sie reich belohnen.
Dieser Artikel entstand im Auftrag des Kuhmo Kammermusikfestival.

