Yannick Nézet-Séguin ist häufiger und gern gesehener Gast in Baden-Baden, wo er jährlich mit mehreren Projekten auftritt. Eines ist Wagners Ring des Nibelungen, den er zusammen mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra im jährlichen Abstand hier konzertant präsentiert. Rheingold und Walküre gab es in den vergangenen Jahren. Diesmal stand Siegfried auf dem Programm, die Oper über den Drachentöter, der sich vor nichts fürchtet, bis er zum ersten Mal eine Frau zu Gesicht bekommt.

Vielen erscheint diese Oper etwas spröde. An Beliebtheit steht sie nicht an erster Stelle in der Tetralogie. Aber diese Aufführung, obwohl sie „nur” konzertant geboten wurde, konnte da etwas gerade rücken. Vielleicht sogar weil sie konzertant geboten wurde. Denn so kam unabhängig von mehr oder weniger passender Regiezutat allein die Musik zu ihrem Recht. Nézet-Séguin war dafür genau der Richtige: Als Chef der Metropolitan Opera ist er ausgewiesener Opernpraktiker und als Musikalischer Leiter hat er gleich mehrfach Erfahrungen mit bedeutenden Konzertorchestern. Zehn Jahre lang war er Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra, das auch hier wieder seine herausragende Klangkultur bewies. Eine glückliche Konstellation von Begabungen, die sich in dieser Aufführung zu einem überragenden Ergebnis zusammenfügten. Präzise durchgearbeitet war der komplexe symphonische Satz von Wagners Partitur und in hohem Maße wurden die drei Akte zu einem bezwingend dramatischen Opernereignis.
Zu entdecken war nicht allein die ungeheure Klangpracht, die sich in der Aufführung des Siegfried manifestiert. Zu entdecken war auch das wunderbare Märchen, das vor allem im zweiten Akt dieser Oper erzählt wird. Und auch die Komik, die sich in dieser Oper hindurchzieht. Sei es das absurd kindische Benehmen des jugendlichen Himmelsstürmers oder die aberwitzige Hilflosigkeit seines gehassten Ziehvaters.
Allein durch ihr lebendiges Spiel und mit ihren wandelbaren Stimmen machten Clay Hilley als Siegfried und Ya-Chung Huang als Mime den ersten Akt zu einem Schmunzelvergnügen. Hilley mit grandioser Kondition vom Schmelz- und Schmiedelied bis hinein in den dritten Akt beim ellenlangen Liebesduett mit Brünnhilde und auch zunehmend strahlender Stimme; Huang als ein Mime von enormer Spielfreude und stimmlicher Flexibilität. Wie überzeugend schlotterten ihm die Knie, als der Wanderer vorbeikam, um dem „weisen Zwerg” (welche Ironie!) das Totalversagen seiner Ambitionen auf das Nibelungengold vor Augen zu führen!
Auch ganz intime Momente ließ diese Anlage des Siegfried zu. Etwa dort, wo Mime dem Helden vom Tod seiner Mutter erzählt. Oder wo der Waldvogel ihm den Weg zum Hort und zum „herrlichsten Weib” weist. Diese Rolle sang zur Freude die junge Sopranistin Julie Roset – hell, klar und exakt wortverständlich. Überhaupt arbeitete Nézet-Séguin die Kontraste deutlich heraus, wie die Positionen der Antipoden Wanderer (sprich Wotan) und Alberich, die im zweiten Akt aufeinander treffen.

Es waren Brian Mulligan (Wanderer) und Samuel Youn, die diesen extremen Charakteren Leben verliehen. Stimmstark und im höchst präsenten Spiel zeigte Youn den Schwarzalben fast bellend als durch und durch hasserfüllt, während Mulligan hier noch Überlegenheit und Würde bewies. Anders als später zu Beginn des dritten Akts, wenn der Wanderer auf Erda trifft und sie ihm das Scheitern seines Lebensentwurfs vorhält. Hier zeigte Mulligan durch nervöse Unruhe die Zwiespältigkeit dieses Charakters. Leider war er stimmlich nicht immer stark genug, um sich gegen das mächtige Orchester durchzusetzen. Zu wenig auch nahm Yannick Nézet-Séguin den überbordenden Klang zurück. Denn das Orchester saß nicht im Graben, sondern auf dem Konzertpodium.
In dieser ersten Szene des dritten Akts war Wiebke Lehmkuhl die Gegenspielerin des Wanderers und hier, auch wieder in schönem Kontrast, die in sich ruhende Erda; eine Sängerin mit deutlicher Aura von Wissen und Ewigkeit.
Zuvor noch der Tod des Drachen: Soloman Howard mit wunderbar gespielt einfältiger Plumpheit ein außergewöhnlich präsenter Baß mit sonorer Tiefe und wohlklingender Fülle. Hell aufjubelnd dann Rebecca Nash als Brünnhilde. „Heil dir Sonne!” – durchdringend strahlendes C-Dur, unterstützt von prachtvollem Orchesterklang. Eine ideale Brünnhilde war da zu erleben. Mit allen Farben und Stimmungen für die ambivalenten Gefühle zwischen Überwältigung durch die Freude der Wiedererweckung und einer unbewussten Vorahnung der Gefahr, die ihr durch Siegfried bereitet werden wird. Davon erzählt dann die Götterdämmerung.



