Als größtes Opernhaus in Berlin hat die Deutsche Oper für ihre Spielzeit 2017-18 ein breites Spektrum von 36 Opern aufs Programm gesetzt. Für Entdeckungsfreudige gibt es sechs zentrale neue Produktionen, sie sich wiederum stark voneinander unterscheiden und den vielgestaltigen Ausblick auf die Tragweite dieser Kunstform unterstreichen.

Donald Runnicles © Simon Pauly
Donald Runnicles
© Simon Pauly

Die Enthüllung von Reimanns L’Invisible im Oktober wird mit Sicherheit ein deutlicher Höhepunkt werden. Basierend auf einem Trio von kurzen Schauspielen des symbolistischen Dichters und Bühnenautors Maurice Maeterlinck – auch Quelle für Debussys Pelléas et Mélisande – ist L’Invisible die neunte Oper des bedeutenden, 81-jährigen Komponisten. Sie markiert seine Rückkehr an die Deutsche Oper, die vier seiner vorherigen Opern in Auftrag gegeben hatte – die letzte davon war Reimanns bemerkenswerte Adaption von Kafkas Das Schloss (1992).

Reimann, ein gebürtiger Berliner, gründete seine Trilogie lyrique auf Maeterlincks Schauspielen Der Eindringling, Intérieur und Der Tod des Tintagiles und legt die Oper im originalen Französisch seiner Quellen an. Die Kompanie beschreibt, dass die drei Stücke als „Variationen über die Unausweichlichkeit des Todes und über die Hilflosigkeit der Menschen, ihm zu begegnen“ miteinander verbunden sind. Die Produktion vereint Generalmusikdirektor Donald Runnicles und den erstklassigen, jungen russischen Regisseur Vasily Barkhatov, der als Praktikant an der Komischen Oper gearbeitet hat und nun sein Hausdebüt macht.

Sein Berlindebüt macht auch Regisseur Olivier Py, der mit Le prophète seine Vision zum laufenden Meyerbeer-Zyklus der Deutschen Oper beiträgt. Die Oper war Mitte des 19. Jahrhunderts ein Megahit in Paris, der den spektakulären Stil der französischen grand opéra bestimmte, seitdem aber nur selten aufgeführt wird. Seine Geschichte des Missbrauchs von Religion, der in der Entscheidung des Antihelden gipfelt, einen Selbstmordanschlag zu verüben, ist für die heutige Zeit von schauriger Relevanz. Der Zyklus, der 2014 begann, wurde in der aktuellen Spielzeit mit einem weiteren, allzu „apropos Meyerbeer“-Werk fortgesetzt, Les Huguenots, einer tragischen Geschichte von religiöser Verfolgung. Unser Rezensent lobte die Inszenierung für „überzeugenden, tragischen Heroismus und Pathos“, während Pys Produktion derselben Oper 2011 von der Zeitschrift Opernwelt als „Aufführung des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

Meyerbeers vertrackten Belcanto-Herausforderungen stellen sich Tenor Dmitry Korchak und Mezzosopranistin Clémentine Margaine als Titelheld Jean de Leyde und Fidès in einer der faszinierendsten Mutter-Sohn-Beziehungen der Oper. Am Pult steht Enrique Mazzola. der seine Expertise in diesem Stil der französischen Grand opéra bereits in früheren Teilen des Meyerbeer-Zyklus unter Beweis gestellt hat.

Klaus Florian Vogt (Lohengrin) © Marcus Lieberenz
Klaus Florian Vogt (Lohengrin)
© Marcus Lieberenz

Wenn der apokalyptische Höhepunkt durch und durch nach Wagner klingt, dann liegt das daran, dass Wagner Meyerbeers enormen Erfolg begeistert verfolgte – und ihn hämisch verurteilte, wenngleich er sich von dem alten Meister ein paar Ideen borgte. Nach den letzten Vorstellungen ihres legendären Götz Friedrich-Rings am Ende der jetzigen Spielzeit – und einer brandneuen Inszenierung des allzeit kontroversen Stefan Herheim am Horizont, um ihn zu ersetzen – wirft die Deutsche Oper einen Blick zurück auf drei kanonische Wagneropern, die dem Ring vorausgehen: Der fliegende Holländer (eine Wiederaufnahme von Christian Spucks Neuproduktion der Spielzeit 2016-17), Tannhäuser (in Kristen Harms’ Inszenierung) und Kaspar Holtens Lohengrin. Sie alle werden, wie damals der Ring, zumindest für einen Teil der Vorstellungen von Runnicles geleitet, der nach wie vor zu den leidenschaftlichsten Wagnerdirigenten unserer Tage zählt.

Zwei der neuen Produktionen betrachten extrem bekannte Klassiker aus einem neuen Winkel. Haben Sie Carmen schon oft genug gesehen? Dann werden sie überrascht sein von den Elementen der Handlung, die Ole Anders Tandbergs Neuinszenierung unterstreicht, und die das Werk statt mit stereotypischem „Lokalkolorit“ durch harschen Realismus prägen. Auch die erschütternde Interpretation von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk des norwegischen Regisseurs wird wiederaufgenommen. Kompanieliebling Clémentine Margaine kehrt in der Rolle von Bizets beispielloser Heldin zurück; Charles Castronovo gibt den liebestollen Don José und Ivan Repušić, Generalmusikdirektor der Staatsoper Hannover, übernimmt die Leitung.

Rolando Villazón hingegen legt wieder seine Regisseursrobe an für eine Neuproduktion der Fledermaus, die eine kathartische Dosis des Absurden verspricht. Donald Runnicles kümmert sich im Graben das Funkeln und den Witz in Johann Strauss Sohns Musik.

Foyer der Deutschen Oper © Bettina Stoß
Foyer der Deutschen Oper
© Bettina Stoß
Ein weiterer Aufmerksamkeitsmagnet wird die neue Inszenierung von Erich Korngolds Das Wunder der Heliane, die eine vergangene Ära der deutschen Oper repräsentiert. Sie fußt auf einem Mysterienspiel des jung verstorbenen, österreichischen Expressionisten Hans Kaltneker, wurde 1927 uraufgeführt – bevor der exilierte Komponist sich in Hollywood neu erfand – und wurde auch auf Berliner Bühnen unter der Leitung von Bruno Walter gesehen. Christof Loy, der in dieser Saison zum Produktionsteam um Andrea Lorenzo Scartazzinis neuer Oper Edward II. gehörte, führt Regie, die musikalische Leitung obliegt Marc Albrecht.

Belcanto zählt auch zu den Themen im Kern der neuen Spielzeit der Deutschen Oper. Rossini-Fans dürfen sich auf eine brandneue Inszenierung von Il viaggio a Reims freuen, ein Werk, das alten Hasen noch von Claudio Abbados halbszenischer Aufführung in der Berliner Philharmonie 1992 in Erinnerung ist. Der gefragte Regisseur Jan Bosse leitet diese ensemblelastige Oper mit einer luxuriösen Besetzung einschließlich zehn echten Rossini-Spezialisten sowie Giacomo Sagripanti , um dem Orchester Rossini’sche Verve zu entlocken.

Aus den Reihen der Repertoirewerke setzt die Deutsche Oper Katharina Thalbachs Il barbiere di Siviglia wieder aufs Programm und Pretty Yende wird in Lucia di Lammermoor die traurige und wahnsinnig schöne Heldin zum Leben erwecken. Zudem sind zwei konzertante Aufführungen von Maria Stuarda mit der unvergleichlichen Donizetti-Sängerin Diana Damrau geplant.

Anna Netrebko (Violetta) © Bettina Stöß
Anna Netrebko (Violetta)
© Bettina Stöß
Mit ganzen sieben Opern beinhaltet das Repertoireprogramm des Hauses auch eine veritable Mini-Verdi-Saison. Beginnend mit Götz Friedrichs La traviata im September nimmt die Kompanie zwei weitere Teile des informellen „Trios“ bahnbrechender Opern aus den frühen 1850ern – Il trovatore und Rigoletto – wieder auf, zudem AidaNabuccoUn ballo in maschera und – eines der überragenden Werke politischer und psychologischer Oper – Don Carlo (in seiner vieraktigen Fassung). 

Auch an Puccini fehlt es mit La bohèmeToscaMadama Butterfly und Turandot nicht; dazu gibt es neben dem Verismo-Standard-Doppel von Cavalleria rusticana/Pagliacci eine konzertante Aufführung einer Rarität von Puccinis jüngerem Zeitgenossen Francesco Cilea: L'arlesiana, in der Tenor Joseph Calleja die von einem jungen Enrico Caruso geformte Hauptrolle übernimmt.

Abseits der Hauptbühne präsentiert die Tischlerei, das Studio der Deutschen Oper für experimentelle Abenteuer, die Uraufführung von Frankenstein, einem von der Kompanie in Auftrag gegebenen Musiktheater, inszeniert von Maximilian von Mayenburg. Außerdem setzt sie ihre Zusammenarbeit mit der Münchener Biennale fort und zeigt des Weiteren ein „Musiktheater-Forschungsprojekt“, in dem Flüchtlinge und junge Berliner sich mit Fragen der Identität auseinandersetzen.

Eine ausführliche Liste aller Veranstaltungen der Deutschen Oper finden Sie hier.

 

Dieser Artikel entstand im Auftrag der Deutschen Oper Berlin.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.