Halle ist eine Pilgerstätte für alle Händel-Begeisterten – hier wurde der Komponist 1685 geboren, und das Händel-Haus ist heute ein vielbesuchtes Museum. Jedes Jahr finden hier von Ende März bis Mitte Juni die Händel-Festspiele Halle statt, die die besten Barockinterpreten aus aller Welt anziehen. Seit ihrer Gründung 1922 sind die Festspiele zum zentralen Ereignis des Barock-Kalenders geworden. Sie erforschen Händels Werke von den Schlagern und Evergreens bis hin zu neu entdecktem Repertoire in historischen Händel-Schauplätzen wie dem Dom zu Halle, der Marktkirche, dem Händel-Haus oder dem historischen Goethe-Theater im nahegelegenen Bad Lauchstädt.

2015 dreht sich alles um „Händel und seine Interpreten“. Es ist merkwürdig sich vorzustellen, dass zu Händels Zeiten die Sänger, die seine Opern darboten, berühmter waren als der Komponist selbst und oft eine astronomisch hohe Gage verlangten. Sänger wie Giovanni Carestini und Francesco Bernardi (der Countertenor, der als Senesino berühmt wurde) erregten große Aufmerksamkeit, und Händel passte seine Kompositionen an den charakteristischen Stil und die technischen Stärken eines Sängers an.

Es erwuchsen Rivalitäten zwischen einzelnen Sängern und deren Anhängern. Ausverkaufte Häuser waren keinesfalls garantiert, und die Leiter der Royal Academy of Music waren sehr daran interessiert, internationale Stars für ihre italienischen Opern zu gewinnen. Francesca Cuzzoni war eine der besten Sopranistinnen Europas, doch auch eine der temperamentvollsten. Mezzosopranistin Faustina Bordoni war ihre Erzrivalin und gab ihr London-Debüt 1726 in Händels Oper Alessandro… Cuzzoni direkt gegenüber, die über deren Präsenz jedoch nicht sonderlich erfreut war. Bordoni war jünger und attraktiver, und Cuzzoni war gar nicht glücklich darüber, die Bühne mit ihr zu teilen. Händel, wie andere Komponisten, die für die beiden schrieben, musste also sicherstellen, dass er beide gleichermaßen Gelegenheit zum Glänzen gab; für jede blumige Arie für Bordoni musste er eine ebenso anspruchsvolle für Cuzzoni verfassen. Jede der Primadonnen hatte eine treue Anhängerschar, die die jeweils andere Sängerin ausbuhte und verspottete. Ihre Rivalität erlebte ihren Höhepunkt, als es während einer Aufführung von Bononcinis Astianatte 1727 zu Ausschreitungen im Publikum kam, die die Opernsaison im King's Theatre am Haymarket vorzeitig beendete.

Im Laufe der Händel-Festspiele 2015 stehen fünf Händel-Opern, die ursprünglich von diesen überaus beliebten Sängern und Sängerinnen gegeben wurden, auf dem Programm.Von besonderer Bedeutung sind zwei Vorstellungen von Alessandro, die Oper, die damals Cuzzoni, Bordoni und Senesino auf der Bühne vereinte. In ihrem Zentrum steht die historische Figur Alexander der Große und sein verzerrtes Selbstbild, das ihn zu dem Glauben führte, er sei ein Sohn des Gottes Jupiter. Diese Aufführung fußt auf Lucinda Childs Inszenierung und verpflichtete das griechische historische Ensemble Armonia Atanea unter der Leitung von George Petrou. Max Emanuel Cenčić übernimmt die „Senesino“-Rolle des Alexander, während Dilyara Idrisova und Blandine Staskiewicz als Lisaura und Rossane, zwei Frauen, die um Alexanders Zuneigung konkurrieren, die erbitterten Kämpfe von Cuzzoni und Bordoni hoffentlich vermeiden.

Élisabeth Duparc, auch bekannt als „La Francesina“, war eine französische Sopranistin, die in einer Vielzahl Händel'scher Werke zu hören war. Sie sang die Titelrolle der kecken Semele (von Jupiter angebetet, doch von seinem göttlichen Glanz vernichtet), die bei den diesjährigen Festspielen von Carolyn Sampson gespielt wird. Duparc erschuf auch die Rolle der Rosmene der Opera seria Imeneo, die am 7. Juni mit starker Besetzung und Monica Piccinini in der Rolle der Francesina gegeben wird. Die Oper wurde im November 1740 1in London uraufgeführt, verschwand jedoch nach nur zwei Vorstellungen spurlos. Eine eigens verfasste konzertante Version wurde 1742 in Dublin aufgeführt, und es ist diese Version, die Europa Galante in diesem Jahr bei den Festspielen präsentiert.

Eine weitere Star-Sopranistin auf Händels Liste war Anna Maria Strada del Pò. Nachdem ihre Karriere als Sängerin für Vivaldi in Venedig begonnen hatte, zog Strada 1729 nach London, um Rollen zu singen, die Händel für sie entworfen hatte. Arminio entstand 1736 und erzählt die Geschichte des Cheruskerfürsten Arminius und dessen Sieg über die Römer im Jahre 9 v. Chr. Strada sang die Rolle der Tusnelda, Arminius' Ehefrau. 

Sie war Tamiri in Semiramide, ein Pasticcio basierend auf Leonardo Vincis Oper, das Händel 1733 eilig zusammensetzte, nachdem Senesino urplötzlich das Ensemble verlassen hatte. Senesinos Konkurrent Carestini sang Scitalce, Margherita Durastanti die Titelrolle. Die Festspiel-Vorstellungen von Semiramide zeigt die türkische Sopranistin Çigdem Soyarslan zusammen mit Gan-ya Ben-Gur Akselrod und Andrew Owens in einer Inszenierung des Theaters an der Wien.

Lucio Cornelio Silla, eine Opera seria basierend auf Ereignissen in Rom, ist in diesem Jahr eine Schlüsselveranstaltung der Festspiele. Stephen Lawless' Inszenierung unter der Leitung von Enrico Onofri zeigt Filippo Mineccia in der Titelrolle des römischen Diktators, ursprünglich gespielt von Valentino Urbani („Valentini“). Silla war eine von Händels frühen Londoner Opern. Nach dem Erfolg von Rinaldo 1711 kam die italienische Oper stark in Mode, und Händel kam den Wünschen des Publikums nur zu gerne nach.

Einige Händel-Interpreten verdienen es, 2015 ein ganzes Konzert für sich alleine zu haben.  María Espada beispielsweise gibt ein Konzert mit Händel-Arien für Anna Maria Strada, und die italienische Sopranistin Roberta Invernizzi ist im Recital mit Arien zu hören, die von einer Vielzahl von Komponisten für Faustina Bordoni geschrieben worden waren. Gaetano Majorano, besser bekannt als „Caffarelli“, gilt alle Aufmerksamkeit in einem Programm des bemerkenswerten Franco Fagioli, begleitet vom ebenso wunderbaren historischen Ensemble Il Pomo d'Oro. Ein weiterer Gast aus Argentinien, Sopranistin María Cristina Kiehr, bietet Arien für Margherita Durastanti, und Countertenor Filippo Mineccia gibt ein besonderes Recital mit Repertoire für Gaetano Berenstadt.

Es wird zudem ein Festkonzert mit Philippe Jaroussky geben, der dabei den Händel-Preis der Stadt Halle überreicht bekommen wird.

Das Programm beschränkt sich jedoch nicht nur auf Händels Opern. Das Eröffnungskonzert begrüßt festlich mit Gloria- und Te Deum-Kompositionen aus der Feder von Vivaldi, Händel und Charpentier, und auch Händels Wassermusik sowie seine Feuerwerksmusik finden ihren Platz im Programm. Und keine Händel-Festspiele wären vollständig ohne den Messias!

Für ein buchstäbliches Fest an Händel'schem Opernschaffen ist Halle in diesem Jahr das Reiseziel schlechthin.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck