In den Bergen über Innsbruck, inmitten eines Waldgürtels, liegt das Schloss Ambras. Der beeindruckende Renaissancebau beherbergt die älteste Konzertreihe für Alte Musik, die nun die jährlichen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik eröffnet. Mit ihrem strikten Fokus auf historisch informierten Aufführungen spielten die Festwochen eine wichtige Rolle dabei, zahllose Werke der Renaissance und des Barocks, besonders im Bereich Oper, wiederzuentdecken und ihnen neues Leben einzuhauchen. Vom 19. Juli zum 27. August zeichnen die diesjährigen Veranstaltungen den Rahmen für das 40-jährige Bestehen der Festwochen; unter dem Titel TragiCommedia bieten sie ein buntes Programm von Freud und Leid, Licht und Dunkel.
Das Festspielprogramm schmücken Konzerte zur Feier des 40. Jubiläums, die Komponisten und Instrumente sowie Künstler wieder nach Innsbruck holen, die im ersten Festivaljahr aufgeführt wurden bzw. aufgetreten sind und/oder die in den vielen Jahren seitdem regelmäßig Gast bei den Festwochen waren. Zu ihnen zählen Howard Arman, der geistliche Musik von Händel aus dem Archiv des Stiftes Stams dirigieren wird, Cembalist Andreas Staier mit Bachs Goldberg-Variationen sowie Hiro Kurosaki, der Violinfantasien von Telemann präsentieren wird. Besonders spannend: das allererste Festwochenkonzert mit Werken von Caldara, Couperin, Händel und Bach wird auf den Tag genau 40 Jahre später noch einmal aufgeführt, gegeben von Lawrence Zazzo, Amandine Beyer, Anna Fontana und Baldomero Barciela. Die Festwochen eröffnen mit Arien für den Kaiser, verschiedenste Werke, mit denen der venezianische Komponist Antonio Caldara einst Karl VI. erfreute. Aus diesen hat der junge Countertenor Valer Sabadus die schönsten Arien ausgesucht, um damit das Publikum von heute zu erfreuen. In einem Konzert, das einem weiteren Regenten gewidmet ist, präsentieren Les Talens Lyriques und Christophe Rousset ein Programm von musikalischen Juwelen von Charpentier bis Marais, die für Ludwig XIV. Komponiert wurden.
Ein Mittagskonzert, das das Motto der Festwochen in sanften Tönen deutlich spiegelt, findet man an einem der letzten Festspieltage: Während nur wenig über die frühen Jahre seines Lebens überliefert ist, ist der englische Renaissancekomponist John Dowland heute besonders für seine sehnsuchtsvollen Melodien wie Flow my tears und Semper Dowland semper dolens bekannt. Lautenist Thomas Dunford präsentiert melancholische Favoriten neben einigen fröhlicheren Klängen, die den Sinn für Humor des Komponisten durchblitzen lassen.
Humor ist auch eine der Hauptzutaten in einer zentralen Säule der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Mit ihrem Schwerpunkt auf frühem Musiktheater werden Opernenthusiasten mit drei Produktionen von öfter gegebenen wie weniger bekannten Schätzen verwöhnt. Die Opernveranstaltungen werden mit Cimarosas Matrimonio segreto eröffnet, einer Opera buffa, die bis zum Rand gefüllt ist mit geheimen Gefühlen und den urkomischen Wendungen und Wirrungen, die sich daraus ergebenen. Die unterhaltsame Komödie erwies sich bei ihrer ersten Aufführung als solcher Erfolg, dass die Sänger und Musiker sie kurzerhand noch einmal aufführen mussten! Um allen Publikumswünschen gerecht zu werden wurden gleich drei szenische Vorstellungen eingeplant; die Leitung übernimmt der künstlerische Direktor der Festwochen Alessandro de Marchi, mit Giulia Semenzato in der Rolle der heimlich verheirateten Caroline, Klara Ek als deren ältere Schwester Elisetta, Donato di Stefano als Geronimo und Renato Girolami in der Rolle des Grafen Robinson.
Das zweite Opernmenü auf der Speisekarte in diesem Jubiläumsjahr ist eine spektakuläre Entdeckung: Erst kürzlich wurde die Komposition von Le nozze in sogno tatsächlich Pietro Antonio Cesti zugeschrieben, der ab 1652 Hofkapellmeister des Erzherzogs von Österreich in Innsbruck war. Es ist eine Karnevalsoper, die sich um den jahrhundertealten Konflikt der Generationen dreht; der jüngeren gelingt es, eine Liebeshochzeit zu arrangieren, aller Versuche der älteren Generation zum Trotz, die Vermählung anhand von politischen und finanziellen Vorteilen planen will. Die Oper wird präsentiert von BAROCKOPER:JUNG, einem Festwochenprojekt, das aufsteigenden Talenten die Gelegenheit bietet, in aufregenden Produktionen zu glänzen. Die dritte Hochzeit der Festwochen in einer Kinderproduktion von Mozarts Zauberflöte steht im Kontrast zu einer Aufführung von Alceste, der zweiten von Christoph Willibald Glucks bahnbrechenden Reformopern. René Jacobs, vormals künstlerischer Direktor der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, kehrt hierfür nach Innsbruck zurück und übernimmt die Leitung des flämischen Barockorchesters B'rock.
Im Gegensatz zu einer häufigen und fälschlichen Annahme dreht sich Alte Musik nicht nur um Recherche und hochakademisches Musizieren. Es geht dabei genauso sehr darum, Spaß zu haben und die Musik zu genießen wie bei Musik jeder anderen Epoche – wie einige unkonventionellere Punkte auf dem diesjährigen Veranstaltungskalender beweisen werden. Hörer, deren Leidenschaft sich von der Musik der Renaissance und des Barock hin zu zeitgenössischeren Gefilden erstreckt, werden vielleicht bei einer spannenden Spätveranstaltung neugierig: ein Trio von erfahrenen Musikern im Bereich der Alten Musik trifft auf einen Hamburger Musiker, der gerade mit seiner Musik von House bis Techno die Welt bereist. Wenn eine durchtanzte Sommernacht nicht ganz Ihr Ding ist, können Sie vielleicht die norwegischen Barokksolistene zu einem heiteren Abend im Landestheater verführen. Die Musiker sind nicht nur Meister ihres Instruments, sie sind auch brillante Unterhalter und werden ihr Publikum mit leichter Komödie und musikalischen Leckerbissen in ihren Bann ziehen.
Getreu dem Gedanken, Musik für jeden zugänglich zu machen, stehen auch Gottesdienste auf dem Programm, in die Alte Musik eingeflochten wird. Die Festwochen bieten zudem zahlreiche Lunchkonzerte, bei denen köstlicher Originalklang serviert und dadurch die Musik direkt in die Stadt hineingetragen wird, sodass ein jeder sie genießen kann, ob man nun alter Hase oder Neuling auf dem Gebiet der Alten Musik ist, ob man Karten für die großen Veranstaltungen der Festwochen hat oder nicht. Die Feierlichkeiten werden 2016 sowohl Enthusiasten als auch Neugierige nach Tirol locken, und mit solch mannigfaltigen Veranstaltungen an vielen historischen Orten ist mit Sicherheit für jeden Geschmack etwas dabei.


