Das Staatstheater Karlsruhe am Hermann Levi Platz hat eine herausragende Geschichte an Wagner Vorstellungen. Levi, einst selbst Musikdirektor, dirigierte die erste Bayreuth Aufführung von Parsifal und sein Nachfolger Felix Mottl assistierte Hans Richter bei Bayreuths erstem Ring in 1876. Seine kommentierten Partituren werden noch immer vom heutigen Musikdirektor Justin Brown verwendet, der eine große Rolle in der Aufnahme von der vom israelischen Komponisten Avner Dorman neu komponierten Oper Wahnfried spielte, als Kontrapunkt zur Neuproduktion des Rings.

Christina Niessen (Cosima Wagner) © Falk von Traubenberg
Christina Niessen (Cosima Wagner)
© Falk von Traubenberg

Wahnfried, benannt nach Wagners opulenter Villa in Bayreuth, handelt nicht so sehr von Wagner selbst, als vielmehr von seinem Vermächtnis, das in den Jahrzehnten nach seinem Tod von seiner Familie verfälscht wurde. Das rücksichtslose Streben nach Macht, die Ehestreitigkeiten und die Familienkonflikte des Rings sind eindeutig auch in der Vergangenheit und Gegenwart des Wagner-Clans zu finden. Das Kreativteam um Dorman, Librettisten Lutz Hübner und Sarah Nemitz sowie Brown und der Produzent Keith Warner, hat eine 18-szenige Erzählung entwickelt, die geschickt Fakten und postfaktische Verzerrungen sowie die Irreführungen Wagners Erben und Gefolgsleute ineinander blenden.

Der Hauptprotagonist, zu Beginn ein ausländischer Außenseiter, ist der heute fast vergessene Houston Stewart Chamberlain, Sprössling einer wohlhabenden Britischen Familie, der einst für das Verfassen einer pseudo-wissenschaftlichen Rechtfertigungsschrift der Arischen Überlegenheit, Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, bekannt war, welche sowohl den Kaiser als auch Hitler beeinflusste. Chamberlain, gespielt von Matthias Wohlbrecht, wird zunächst als schüchterner Naturforscher mit einem Schmetterlingsnetz vorgestellt, bewacht von seiner mütterlich wirkenden Frau Anna. Er verfällt dem Zauber der Musik und den Schriften Wagners sowie der Deutschnationalistischen Kultur und wird immer mehr in den Bayreuth-Kreis gezogen. Er verlässt seine Frau und heiratet Eva, Wagners Tochter, von der Witwe Cosima wird er bereits als Gralsträger der Wagnerschen Blutlinie gesehen. Chamberlains Aufstieg zu einem bekannten Rassentheoretiker und fanatischen Nationalisten und sein darauffolgender psychischer Verfall spiegeln den Aufstieg und Fall des Kaiserreiches Deutschland und der Weimarer Republik wider.

Armin Kolarczyk (Wagnerdämon) © Falk von Traubenberg
Armin Kolarczyk (Wagnerdämon)
© Falk von Traubenberg

In kurzen Szenen erzählt, enthält die Besetzung der Oper den Geist von Bakunin, den Kaiser, der stolz seine Autohupe mit dem Donner Leitmotiv vorspielt, die den Haushalt dominierenden Frauen und den kaum tolerierten Juden Levi. Der Mephisto-artige Charakter Wagnerdämon ist nicht so sehr der Geist Wagners, als vielmehr das von seiner Familie verzerrte Bild des Komponisten, die durch das Zerstören und Abändern von Schriften ein antisemitisches Monster erschaffen haben.

Dormans vielseitige und ungewöhnliche Musik greift nur selten Wagner auf, sondern kommentiert sardonisch die Handlung mit dissonanten Preußischen Märschen, Walzer, bekannten Ohrwürmern, Jazz und Klezmer, um das übertrieben Romantische des Wilhelminisches Reich zu unterstreichen und untergraben und so die Nachkriegszeit vermeintlich zu verderben. Manchmal klingt die Musik wie eine apokalyptische Zweite Wiener Schule und manchmal, besonders in den Chorszenen, erinnert sie an die ostinato-Rhythmen von John Adams. Die familiären Zankereien zeigen Dormans großartiges Talent darin, Charaktere durch ihre Stimmen zu skizzieren und Ensemblestellen zu schreiben.

Christina Niessen (Cosima Wagner) © Falk von Traubenberg
Christina Niessen (Cosima Wagner)
© Falk von Traubenberg

Die große Besetzung stammte aus dem Ensemble des Hauses, viele von ihnen Solisten des Ringzyklus. Matthias Wohlbrecht nutzte seinen kühnen Tenor, um den zunehmend instabilen Chamberlain zu charakterisieren und Armin Kolarczyk sang mit einer Alberich-Stimme einen scharf gezeichneten Wagnerdämon. Renatur Meszar, der Wotan des Hauses, stellte ergreifend das Dilemma dar sowohl ein Befürworter Wagners Musik als auch ein Opfer rassistischer Vorurteile dessen Familie zu sein. Dem fügsamen und von seinen Schwestern und herrschenden Mutter gequälten Siegfried Wagner, gesungen vom Countertenor Eric Jurenas, wurde nach seinem wehmütigen Klagelied nach seinem verlorenen schwulen Liebhaber, Clement Harris, herzlich applaudiert. Eleazor Rodriguez’ lebhafter Tenor, in der Rolle des Meisterjüngers, erscheint erst spät in der Handlung als schüchterner junger Unteroffizier, der 1923 an die Tür der Villa klopft. Er wandelt sich zu dem im Stechschritt marschierenden schnurrbärtigen Erlöser.

Erwähnenswert sind weiters Barbara Dobrzanska als Ann Chamberlain und Irina Simme als wahnsinnige Isolde Wagner, die von einer meineidigen Cosima legal nicht anerkannte wahre Tochter Wagners.

Renatus Meszar (Hermann Levi) und Matthias Wohlbrecht (Houston Stewart Chamberlain) © Falk von Traubenberg
Renatus Meszar (Hermann Levi) und Matthias Wohlbrecht (Houston Stewart Chamberlain)
© Falk von Traubenberg

Von Keith Warner auf die Bühne des Festspielhauses gesetzt, dienten die Mitglieder des herrlich einstudierten Chores als Mitwirkende und Wagnersche Kommentatoren. Die Bühnenbilder gingen fließend von Faksimile der Orignalbühnen in den Salon der Villa über, der zu Zelle des letztendlich eingedämmten geistig verwirrten Chamberlain wird. Warner schaffte es mühelos die verflochtenen Mächte und die Inszenierung mit einem satirischen Detail zu versehen. Das umfangreich besetzte Orchester, das eine ganze Batterie an Schlagwerken aufwies, wurde prägnant vom Dirigenten Dominic Limburg geleitet.

Wahnfried in der Mitte eines Ringzyklus zu sehen, ist wie ein Sorbet zwischen den deftigen Gängen eines Wagnerschen Banketts zu kosten. Ein zeitgerechtes Gegenmittel gegen das Versinken in den Wagner Ethos und eine Warnung vor der allgegenwärtigen Gefahr des Populismus, Hasses und der Intoleranz.

 

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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