Es beginnt alles mit einer einfachen aufsteigenden Quarte (A-D) in den Hörnern. Von dort aus begeben wir uns auf die epische Reise von Mahlers Symphonie Nr. 3, einem der großartigsten Werke im gesamten Symphonie-Repertoire. Es gibt nicht viele Kompositionen, die für sich ein abendfüllendes Programm darstellen, diese aber ist es eindeutig. Ohne Pause dauerte die Aufführung dieses sechssätzigen Giganten unter der Leitung von Alan Gilbert über 100 Minuten, und obwohl die gestrige Interpretation die gelegentlichen Längen im Hörerlebnis nicht ganz auszumerzen vermochte, so gab es doch vieles zu bewundern im Spiel des Leipziger Gewandhausorchesters, eines Ensembles, das Mahler in den 1880er Jahren selbst dirigiert hatte.
In Anbetracht der Aufgabe, die sich der Komponist gestellt hatte, die ganze Welt in dieser einen Symphonie wiederzuspiegeln, war es von je her klar, dass das eine ausführliche Sache werden würde – tatsächlich hat er sich zeitweise mit einem siebten Satz getragen, der dann aber zum Finale der Vierten Symphonie wurde. Mahlers maximalistische Ambitionen zeigen sich auch in der Besetzung: die Bühne der Philharmonie war randvoll, wobei zwei Chöre das riesige Orchester ergänzten. Es wurde schnell klar, dass die Musiker bereit für diese Herausforderung waren: den gigantischen ersten Satz spielten sie mit viel Einsatz, von den leidenschaftlichen Cello- und Kontrabass-Skalen bis zum Tutti des zweiten Themas. Genauso aber konnten Sie sich zurückhalten, wo es nötig war. An meinem Platz, ziemlich weit vorne, entwickelten die ruhigen Stellen der Basstrommel eine unheimliche, körperliche Unmittelbarkeit – ich konnte fast genauso stark fühlen, wie mein Trommelfell vibrierte, wie ich die Töne hören konnte. Die Posaunensoli waren besonders schön mit einem angenehm warmen Ton.
Der Eindruck, den ich vom Orchester als Ganzem bekam, war der einer gut geölten Maschine, die zwar vielleicht nicht die herausragendsten Instrumentalisten besitzt, doch die Musiker machen das mit Schwung und Zusammenhalt wett. Die ständigen Kreisbewegungen des Konzertmeisters ein wenig irritierend; als Eigenart wären sie kaum der Rede wert, abgesehen davon, dass sie zu kleinen Schwankungen im Klang seiner Soli führten. Alan Gilbert war eine ausdrucksvolle Figur auf dem Podium, zog aber meine Aufmerksamkeit nicht unbedingt auf sich. Er dirigierte ohne Partitur, und er zeigte seine umfassende Kenntnis des Werks mit präzisen Einsatzgaben.
Der zweite Satz ist ein zartes Menuett mit schnelleren Zwischenteilen. Gilbert nahm die Hauptteile eher zügiger als manch anderer, was bedeutete, dass er den Puls im Allgemeinen auch dann beständig halten konnte, wenn die Musik mit den Einsätzen der Flöte und des Bratschenthemas etwas geschäftiger wird. Der dritte Satz, der, den ich am wenigsten gerne mag, war auch heute nicht überzeugender als sonst, obwohl die Musiker alles gaben. Das gut gespielte Posthorn-Solo war wie immer wie Balsam inmitten der frenetischen Aktivität, und die Koordination des Solisten hinter der Bühne mit den Streichern stellte kein Problem dar. An manchen Stellen allerdings war die Stimmung im Holz und Blech ein wenig uneinig.
Einer der aufregendsten Momente des gesamten Konzertes war Gerhild Rombergers Auftritt, als sie die erste Zeite von Nietzsches „Mitternatchtslied“ anstimmte (eine kurze musikwissenschaftliche Nebenbemerkung: Nietzsche und Mahler haben hier sicherlich etwas von Wagners Erda eingeschleust, einer weiteren Kontralto-Figur, die ebenso aus dem Schlaf gerissen wird, um zu prophezeien). Romberger sang mit weichem Ton und absolut klarer Diktion und machte diesen vierten Satz damit denkwürdig. Die ruhige Stimmung wurde im fünften Satz jäh vom Auftritt der Chöre unterbrochen: sowohl die Kinder (die auswendig sangen) als auch die Frauen des Gewandhauschores waren akkurat und charaktervoll, und ließen mich wünschen, dass dieser Satz länger gewesen wäre.
Zweifelsohne aber kommt im Finale der krönende Abschluss; es beginnt mit der gleichen aufsteigenden Quarte wie der erste Satz und schließt so den Kreis. In Mahlers programmatischem Konzept kennzeichnet dies den Höhepunkt des teleologischen Prozesses, der mit „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“ im zweiten Satz beginnt und dann Satz für Satz fortschreitet, von Tieren, Menschen und Engeln hin zu „Was mir die Liebe erzählt“ (der Komponist erklärte später, dass Liebe und Gott hier Synonyme sind). Dies ist auch der erste von Mahlers großen, von Streichern dominierten langsamen Sätzen (zu den späteren Beispielen gehört das Adagietto der Symphonie Nr. 5 und das Finale der Symphonie Nr. 9), eine herrliche Bestätigung romantischer Harmonie. Gilbert entschied sich dagegen (oder wagte es nicht?), ihn in dem beinahe-aber-nicht-ganz stehenden Tempo zu nehmen, das Bernstein in seiner Aufnahme mit den New York Philharmonikern vorgab; abgesehen von einem sehr langen Auftakt bewegte sich die Musik in angenehmer Geschwindigkeit. Der Orchesterton hatte nur gelegentlich das inbrünstige Glühen, dass man sich gewünscht hätte, meist war er etwas matt, obwohl die Musiker (von denen manche schon Zeichen der Ermüdung zeigten – kein Wunder) sich noch einmal für den letzten Höhepunkt aufrafften. Unterm Strich war das also vielleicht nicht Mahlers Dritte, wie sie in die Geschichte eingeht, aber nichtsdestotrotz ein durchweg zufriedenstellener Abend.
Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

