Startenor Neil Shicoff hatte eine phantastische Karriere weltweit, doch er gesteht, dass er zur Wiener Staatsoper, zumindest während der Ära Ioan Holender, eine ganz besondere Beziehung hatte. So passt es, dass er seine letzte Oper am Haus am Ring in seiner Paraderolle des Eléazar in Halévys La Juive in einer Inszenierung gibt, die 1999 eigens für ihn geschaffen wurde. Fans müssen sich allerdings sputen, denn die letzte Vorstellung findet am 7. März statt.

Die Inszenierung von Günter Krämer ist ein zweischneidiges Schwert auf einer Bühne, von der es sich schwierig singt. Die obere Hälfte, die die Welt der Christen zeigt, ist weiß und beinhaltet den größten Kronleuchter im Handel. Die untere Hälfte ist in schwarz gehalten und die Juden, die diese Hälfte bewohnen, tragen schwarz; die Christen tragen weiß... oder traditionelle österreichische Trachten und Dirndl, deren Begründung mir schleierhaft ist. Nichtsdestotrotz wechselt Léopold beständig zwischen einem schwarzen und einem weißen Mantel, was die Tatsache schön unterstreicht, dass er einen Fuß in jedem der religiösen Lager hat, und das Schwarz gegen das Weiß sowie die schräge Bühne ergeben ein paar sehr effektive Bilder. Weniger erfolgreich ist die Personenregie, die sehr schöne symbolische Gesten zwischen den Bühnenhälften mit sehr engstirnigem, ermüdendem Fahnenschwingen, Besteckspiel und dergleichen mehr kombiniert. Der Schockfaktor am Ende (Achtung, Spoiler) zeigt Männer, gekleidet wie rote Mitglieder des KKK, die Rachel im Taufbecken ertränken.

Doch die Inszenierung war hier nebensächlich. Shicoffs Fans bewundern ihn wegen seiner dramatischen Interpretationen und seiner einzigartigen Stimmfarbe. Und Drama gab es genug: wir alle schnappten hörbar nach Luft, als er Jason Bridges (Léopold) mit Gewalt auf den Tisch warf, ihm ins Gesicht spie und ihm ein Messer an den Hals hielt. Seine Darstellung des verbitterten, fanatischen Eléazar war vielschichtig, schwierig und grundlegend menschlich. Der Tatsache zum Trotz, dass er noch immer nicht ganz auf der Höhe war (es wurde öffentlich vor der Veranstaltung verkündet, dass er aus Krankheitsgründen stimmlich angeschlagen sei), gab er sich nach einem etwas vorsichtigen Start der Rolle hin und bekam dafür tosenden Applaus nach seinem charakteristischen „Rachel, quand du Seigneur“ am Ende des vierten Aktes und bald darauf bei zahlreichen Vorhängen. Niemand hätte ihm vorgeworfen, an dieser Stelle seiner Karriere auszusteigen, doch diese Vorstellung war die eines erfahrenen Künstlers der nach vielen Jahren zum Kern seiner Figur vorgedrungen ist, und das ist immer sehenswert.

Weitere Glanzmomente gab es bei der übrigen Besetzung. Allen voran verdiente Olga Bezsmertnas Rachel alle Aufmerksamkeit. Ausgestattet mit einer kraftvollen Stimme von ungewöhnlicher Schönheit, ungewöhnlichem Fokus und ungewöhnlicher Klarheit würde es mich sehr wundern, wenn wir in der nahen Zukunft nicht mehr von ihr hören werden; sie ist ein aufstrebender Star und eine großartige Künstlerin. Die Zuschauer, die gekommen waren, um die Opernball-Entdeckung Aida Garifullina Prinzessin Eudoxie singen zu hören, wurden jedoch enttäuscht.

Aufgrund einer Erkrankung wurde noch am Tag der Vorstellung Hila Fahima gebeten, einzuspringen, und obwohl sie mutig ihre Rolle sang und Anzeichen eines wunderschönen hohen Koloratursoprans von außergewöhnlicher Klarheit zeigte, war es ihr doch deutlich unwohl dabei, so kurzfristig in dieser Rolle zu debütieren. Jason Bridges (Léopold) meisterte seinen völlig undankbaren Tenorpart (mit zwei hohen Cs und vier hohen Hs an eher merkwürdiger Stelle) sehr souverän. Sein schlanker, schöner Tenor lässt zwar vielleicht die Wände nicht wackeln, aber seine Aussprache war klar und makellos, und er zeigte sensible Klangkontrolle, besonders im ersten Akt, was eine willkommene Abwechslung zu den vielen, penetranten Schreiern seines Faches bot. Apropos Wände wackeln, Dan Paul Dumitrescu (Kardinal Brogni) besitzt einen warmen, enormen Bassbariton, der aus den Bodenbrettern zu kommen und einen aus dem Sitz zu heben scheint. Es ist eine Stimme, die als Stimme Gottes durchgehen könnte, und die Staatsoper hatte sehr viel Glück, in all diese Jahre in ihren Rängen zu haben.

Zu guter Letzt ein Bravo an Frédéric Chaslin, der nicht nur ein sehr guter Dirigent mit ausgezeichnetem Sinn für Tempo und Stil für seine Musik ist, sondern auch ein wahrer Sängerdirigent. Obwohl er darauf besteht, nicht jedem Wunsch der Solisten nachzugeben, versteht er, was sie tun und tut sein Möglichstes, um sie dabei zu unterstützen. Das Staatsopernorchester klang brillant unter seiner Leitung, ebenso der Chor.

Wem es möglich ist, dem sei geraten, eine Karte für Shicoffs Schwanengesang aufzustöbern – es wäre eine Schande, eine solch geschichtsträchtige Vorstellung zu verpassen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck



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