Einige Traditionen sterben nie, besonders bei den Proms. In der vorletzten Nacht gibt es traditionell Beethovens Neunte, und obwohl sie in den letzten Jahren ein bisschen im Terminplan hin und her geschoben worden war, wurde sie doch beständig in fast jeder Spielzeit aufgeführt. In diesem Jahr kehrte sie in einer angemessen großartigen Interpretation des Gewandhausorchesters an ihren rechtmäßigen Platz am Freitag Abend zurück, als Anlauf für das große Finale am Samstag.

Riccardo Chailly, der eigentlich als Dirigent dieses Konzertes eingeplant war, konnte musste wegen eines Armbruchs vor einigen Wochen absagen. Alan Gilbert war da eine überraschende Vertretung, denn er ist wohl ein Dirigent von gleichem Ansehen, aber ganz anderem Stil; er besteht weniger auf interpretative Innovation und ist interessanter darin, das Beste aus einem Orchester herauszuholen. Seinen gestalterischen Ideen fehlte etwas, besonders im ersten Satz, aber mit jedem Takt wurde das Konzert besser und steigerte sich hin zu einem umwerfenden Finale.

Zuerst gab es jedoch eine moderne Interpretation Beethovens von Fredrich Cerha. Seine Paraphrase über den Anfrang der 9. Symphonie von Beethoven zeigt Verständnis für sein Vorbild, doch die Beziehung ist kompliziert. Cerha verrät, dass er von den Abwärtsquarten am Anfang von Beethovens Symphonie inspiriert wurde, und dass er sie als Basis für sein Werk nutzt. In dieser Verwendung führt er die Idee in ein absurdes Extrem. Es ist aber in gewisser Weise auch ziemlich enthüllend: wenn man danach Beethovens Symphonie hört, heben sich all diese absteigenden Quarten, die die Sätze verbinden, plötzlich deutlich ab. Cerhas Werk folgt den Pseudo-Elektronika-Ideen von Ligati –alles dreht sich um sich allmählich entwickelnde Strukturen. Es ist einfach strukturiert und erreicht vermittels Verdichtung und accellerando nach etwa zehn Minuten einen Höhepunkt. Ihm folgt ein langes, ruhiges Nachspiel aus klagenden Holzbläser-Soli und Perkussionseffekten auf einem pianissimo-Bett der Streicher. Dieses Werk ernährt sich gewissermaßen auf clevere Art und Weise von der Beethoven-Symphonie. Für sich alleine könnte es in einem Programm nicht stehen, doch die symbolische Beziehung mit der Symphonie bereichtert beide Werke.

Der Anfang des Beethoven war erstaunlich nüchtern, in flottem Tempo und mit moderater Dymanik, doch schon bald begann Gilbert, Phrasen zu formen, Akzente vorwegzunehmen und dynamische Kontraste zu betonen. Viele seiner Entscheidungen aber schienen willkürlich. In manchen Passagen hielt er sich strikt an einen metronomischen Schlag, in anderen hingegen verlangte er ein recht extremes rubato, doch der Wechsel von einem zum anderen geschah ohne jeglichen erkennbaren Grund. Zum Glück gelangen die Standards gut, besonders die große Steigerung in der Coda, die zu einem entschlossen und dramatischen Abschluss führte.

Vom zweiten Satz an verließ sich Gilbert mehr darauf, dass die schiere Schönheit des Gewandhausklangs die Musik trägt, was überwiegend gut funktionierte. Wenn alles auf den runden Streicherklang baut, hätte das Scherzo schnell schlaff klingen können, doch es blieb vor allem durch den Paukisten Tom Greenleaves konzentriert und rhythmisch. Auch bei dieser beeindruckend nuacierten Spanne an Dynamik und Akzentuierung wurde er nicht vom Orchester verdeckt, sondern gab starke Einwürfe, die die Musik formten und vorantrieben. Der große, warme Klang des Gewandhausorchesters kam besonders im Adagio zum Tragen. Noch in den leisesten Passagen kann dieses Streicherregister den Raum füllen. Außerdem gab es immer wieder exzellente Holzbläser-Soli – das vierte Horn-Solo wurde vom Stimmführer gestohlen, wie es die Tradition verlangt, doch er spielte es herausragend, und auch die Holz-Solisten waren hier überragend.

Eine große Überraschung gab es dann im Finale: das erste Ode an die Freude-Thema in den Celli und Bässen wurde auf ein Flüstern heruntergefahren – ein effektiver dramatischer Kniff, ein entfernter Anfangspunkt für eine lange Reise. Das Finale war zweifelsohne auch der beste Teil dieser Aufführung, selbstsicher, keck, bestimmt und vor allem freudig. Der große Chor sang gut als Ensemble, und Gilbert konnte ihm einiges an subtiler Dynamik und Phrasierung entlocken. Die vier Vokalsolisten wären am vorderen Bühnenrand besser aufgehoben gewesen, doch von ihrem Platz über und hinter dem Orchester verschmolzen sie stärker mit dem Ensemble. Alle vier boten eine starke Leistung mit passendem Opernton.

Das war ein großartiges Finale einer mächtigen Neunten, altmodisch in positivsten Sinne. Einiges in den ersten Sätzen wollten zwar nicht so recht Gestalt annehmen, doch im Finale fügte sich alles zusammen zu einem Beinahe-Abschluss, und die Festivitäten am Samstag Abend werden es schwer haben, das zu überbieten.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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