Die Premiere der Neuinszenierung von Salome war das Kernstück eines Richard Strauss-Wochenendes an der Oper Leipzig, mit Wiederaufnahmen von Arabella und Die Frau ohne Schatten. Die Rollen wurden vom Hausensemble und von regelmäßigen Gästen besetzt und alle drei Opern wurden vom Musikdirektor Ulf Schirmer dirigiert. Vor der Aufführung wurde der Designerin rosalie gedacht, die nur einige Tage zuvor verstorben war. Das Programmheft erinnerte auch den ebenfalls verstorbenen Endrik Wottrich, der ursprünglich für die Rolle des Herodes vorgesehen war.

Elisabet Strid (Salome) © Kirsten Nijhof
Elisabet Strid (Salome)
© Kirsten Nijhof

In der Titelrolle der Salome gab die jugendlich dramatische schwedische Sopranistin Elisabet Strid ihr Rollendebüt. Ihr „blonder” skandinavischer Sopran und ihr jugendliches Aussehen waren ideal für die psychotische Prinzessin. Von ihrem ersten hyperaktiven Auftritt an überzeugte sie als Teenager mit Charakter, der alle um sich herum manipulieren und so seinen Willen durchsetzen kann. Strid hatte in Leipzig zuvor bereits Brünnhilde in Siegfried gesungen und ihre Stimme ist am lyrischen Ende des dramatischen Spektrums. Mit einem reinen Legato gestaltet sie den Text lebhaft, und sie schafft es ihre beträchtliche Stimme zu einer fast kindlichen Blässe für Phrasen wie  „Ich bin nicht hungrig, Tetrarch” zu verringern.

© Kirsten Nijhof
© Kirsten Nijhof

In Aron Stiehls Inszenierung und Ramses Stigls Choreographie, wird Salomes Tanz der sieben Schleier zu einem Stück im Stück, ähnlich wie Die Mausefalle in Hamlet. Tänzer mit Cartoon-artigen Masken übernehmen die Rolle der zerrütteten Familie des Herodes, während der echte Herodes das Schauspiel mit seinem Handy filmt. Die sehr junge Salome im Prinzessinen-Partykleid wird von Herodes mit einem Teddybären verhätschelt, dessen Kopf sie umgehend und bedenkenlos abreißt. Die ältere Salome schmiegt sich beim Walzer tanzen an ihren Stiefvater, erregt ihn bis zur Ekstase und befriedigt ihn oral hinter einem günstig gelegenen Haufen Schutt.

Nach der Darbietung des Kopfes durch einen aus der Zisterne erscheinenden körperlosen roten Arm, hüllt sich Salome in eine Schmusedecke, und in einem Zustand einer fast kindhaften Verklärung und Erfüllung, umfasst Strids Stimme alle Extremen der letzten Szene, von silbernen filigranen Phrasen wie „und wenn ich dich ansah, hörte ich geheimnisvolle Musik”, zu dünkleren Registern wie in „Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes”, bis hin zum finalen ekstatischen Aufschrei „Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ich habe ihn geküsst, deinen Mund”.

Tuomas Pursio (Jochanaan) © Kirsten Nijhof
Tuomas Pursio (Jochanaan)
© Kirsten Nijhof

Ihre sehr körperbetonte vereitelte Verführung von Jochanaan, war durch die Darstellung des großen, gutaussehenden Tuomas Pursio noch glaubwürdiger, dessen Stimme fast zu schallend und energisch war, und gefährlich empfänglich für ihre Annäherungsversuche. Als schmieriger Herodes, der jede vorbeigehende Frau begrapscht und befummelt, strahlte der mächtige Heldentenor von Michael Weinius eine gefährliche Verdorbenheit und Autorität aus. Karin Lovelius vermied als Herodias die übertriebene Karikatur, für die ihre Rolle leicht anfällig ist, mit einem gut eingesetzten lyrischen Mezzosopran. Getrieben von Drogen und Alkohol vergnügte sie sich mit den Palastwachen.

rosalie konstruierte einen riesigen, luxuriösen Zickzack-Palast, alles im funkelnden Übermaß, am Rande eines Kriegsgebietes im heutigen Nahen Osten, mit Kratern und einem ausgebrannten Auto im Hof. Eine silberne Satellitenschüssel diente als Mond. Die verschiedenen Ebenen ermöglichten uns Herodes’ Disko-Bankett zu sehen und bildeten eine Kanzel für Jochanaans Verurteilung. Von Michael Röger atmosphärisch beleuchtet, öffneten sich die blutrot eingefärbten transparenten Platten und enthüllten eine Antony Gormley-artige dunkle Figur, den Todesengel.

Die Nebenrollen wurden durchgängig gut gesungen, mit einem honigsüßen Narraboth von Sergey Pisarev und einem bemerkenswerten Ersten Nazarener von Julian Orlishausen, als unverbrauchter Collegejungen Missionar. Die kleineren Rollen und stillen Extras wurden geschickt eingesetzt, ließen die Handlung jedoch auf dieser komplexen Bühne gelegentlich diffus erscheinen. Nichtsdestotrotz konzentriert sich Stiehls Inszenierung, ohne ihr dabei ein überwältigendes Konzept aufzuzwingen, auf die Aufarbeitung Herodes’ Familie und Salomes geistiges Schicksal, getötet durch einen einzigen Schuss.

Michael Weinius (Herodes) und Karin Lovelius (Herodias) © Kirsten Nijhof
Michael Weinius (Herodes) und Karin Lovelius (Herodias)
© Kirsten Nijhof

Mit dem Gewandhausorchester im Orchestergraben, dirigierte Schirmer die Oper wie eine gewaltige Symphonische Dichtung, mit einer einzigartigen Tiefe in der Textur und Klangfülle, anstatt mit schimmernden exotischen Farben, und balancierte in der anspruchsvollen Schlussszene gekonnt das Orchester und die Solisten. Es gab viele lebhafte Momente des Orchester, aber man konnte auch die tiefen Pedalnoten der Orgel als zerbrechliche Herzschläge Salomes wahrnehmen, als sie auf den auf einem Tablett servierten Kopf wartet. Es ist durchaus bemerkenswert, dass das Gewandhaus am Abend zuvor imstande war, Musiker sowohl für Arabella als auch für ein Mendelssohn Konzert aufzustellen.

Strid erhielt großen Beifall und wird diese Rolle in Zukunft bestimmt auch andernorts singen, aber nicht zu oft und in keinem zu großen Haus. In einer berührenden Szene hinterließ der Regisseur beim Rampenlicht eine einzelne Rose im Gedenken an rosalie.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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