„Rhythmischer Wahn“ und „Chaos“ beherrsche dieses Werk: Einen schönen Abend verlebte Josef Stalin am 26. Jänner 1936 im Bolschoi-Theater wohl nicht, als er eine Vorstellung der Oper Lady Macbeth von Mzensk des Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch besuchte. Die Reaktion folgte einige Tage später in Form eines ungezeichneten, redaktionellen Artikels unter dem Titel „Chaos statt Musik” in der Zeitung Prawda vom 28. Jänner. Die Kritik enthielt eine unverhohlene Drohung gegen den Komponisten; in der Zeit des großen Terrors in der Sowjetunion war die enthaltene Zeile „Dieses Spiel kann aber böse enden“ für Schostakowitsch unmissverständlich.

Der ungezeichnete, redaktionelle Artikel „Chaos statt Musik” in der Zeitung Prawda, 28. Jänner 1936
Der ungezeichnete, redaktionelle Artikel „Chaos statt Musik” in der Zeitung Prawda, 28. Jänner 1936

Was es bedeutete, beim Regime in Ungnade zu fallen, war kein Geheimnis. Einige Künstler waren bereits wegen harmloseren Vorwürfen deportiert oder exekutiert worden. Die folgenden Monate ging Schostakowitsch aus Angst vor einer Verhaftung stets in Straßenkleidung schlafen und hatte unter seinem Bett immer einen gepackten Koffer platziert, da er jede Nacht damit rechnete, von der Geheimpolizei NKDW abgeholt zu werden. Schlafstörungen und Depressionen begleiteten ihn von da an für den Rest seines Lebens.

Dass ihm ausgerechnet seine zweite, 1932 vollendete Oper zum Verhängnis werden sollte, muss den Komponisten völlig unvorbereitet getroffen haben, war doch die Uraufführung im Jahr 1934 ein großer Erfolg. Kurz hintereinander brachten sowohl das Leningrader Maly-Theater als auch das Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater in Moskau das Werk zur Uraufführung. Die Reaktionen von Publikum und Kritikern waren an beiden Orten euphorisch und auch im Westen, mit Ausnahme von Hitler-Deutschland, wurde die Oper begeistert aufgenommen. Mehr als 200 Aufführungen wurden allein in Russland gespielt, bevor der Artikel in der Prawda erschien. Nicht gänzlich geklärt ist bis heute, wer der Verfasser dieser Kritik war. Da sie als redaktioneller Artikel erschien, implizierte jedoch, dass es sich um die offizielle Parteimeinung handelte. Denkbar wäre also in jedem Fall, dass gar Stalin selbst der Urheber war; ganz sicher aber spiegelten die Vorwürfe die Meinung des Machthabers wider.

Die Kritik war dabei nicht weniger als vernichtend. So ist die Rede von „absichtlich disharmonischen, chaotischen Tönen“, von „Musiklärm“ und davon, dass „Geschrei den Gesang ersetzt“. Statt dem geforderten „sozialistischen Realismus“ stelle die Oper „vulgären Naturalismus“ dar und sei „formalistisch“. Dabei führte der Autor diesen Umstand „nicht auf mangelnde Begabung beim Komponisten“ zurück, sondern darauf, dass die Musik „absichtlich so verkehrt geschaffen“ wurde. Neben dem Stil der Musik waren es aber auch der Inhalt und die Inszenierung, über die Stalin bzw. der Autor des Artikels sich echauffierten. Die wiederholte, explizite und „vulgäre Art“ der Liebesszenen zwischen Katerina und Sergej sowie die offen gezeigte Gewalt missfielen ihm. Und auch, dass Schostakowitsch die „räuberische Kauffrau“ und dreifache Mörderin als „’Opfer’ der bürgerlichen Gesellschaft“ darstellt und in seiner Musik ganz eindeutig für sie Partei ergreift, anstatt ihr Verhalten anzuprangern, wie es noch in der literarischen Vorlage von Nikolai Leskow der Fall ist, sorgte für Empörung.

Nina Stemme als Lady Macbeth © Thomas Aurin | Salzburger Festspiele
Nina Stemme als Lady Macbeth © Thomas Aurin | Salzburger Festspiele

Kritik zu Lady Macbeth von Mzensk bei den Salzburger Festspielen.

Nach dem Erscheinen des Prawda-Artikels verschwand Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk für beinahe 30 Jahre von den Spielplänen der Sowjetunion; und auch gegen im Westen geplante Aufführungen – mit Ausnahme einer einzigen Aufführung 1959 in Düsseldorf – legte Schostakowitsch selbst sein Veto ein, da er an einer Neufassung arbeitete. Diese wurde im Zuge des politischen Tauwetters in textlich und musikalisch stark entschärfter Form unter dem Titel Katerina Ismailowa am 8. Jänner 1963 wieder aufgeführt und konnte sich sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen neuerdings im Repertoire der Opernhäuser etablieren.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch © Deutsche Fotothek
Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch
© Deutsche Fotothek
Die unmittelbare Antwort des Komponisten auf den Verriss seiner Oper äußerte sich zunächst in seinen Symphonien. Die Erwartungen der sowjetischen Kulturpolitik an den Komponisten waren klar. Eine andere Möglichkeit, als ein klassisches, dem sozialistischen Realismus verpflichtetes Werk – das vor allem ohne das berüchtigte Chaos auskommt – zu komponieren, blieb Schostakowitsch nicht. Die Aufführung der im Mai 1936 vollendeten Symphonie Nr. 4 in c-Moll ließ Schostakowitsch platzen; ob aus eigener Unzufriedenheit mit dem Werk oder auf politischen Druck hin, ist unklar. Die Fünfte Symphonie in d-Moll komponierte er schließlich innerhalb von nur drei Monaten im Jahr 1937. Privat war diese Zeit für ihn von erneutem Schrecken geprägt: Schostakowitschs Schwager wurde in einem Straflager interniert, seine Schwester wurde des Landes verwiesen und sein Freund und Mentor Michail Tuchatschewski wurde hingerichtet. Bevor die Fünfte Symphonie uraufgeführt werden konnte, prüfte gar der Leningrader Komponistenverband, ob diese „der Öffentlichkeit zugemutet werden könne“. Sie konnte. Und wurde am 21. November 1937 bei ihrer Premiere mit 40 minütigem, frenetischen Jubel gefeiert. Die sowjetische Führung schien versöhnt, der Symphonie wurde der Untertitel „Die schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf gerechtfertigte Kritik“ zugeschrieben, wozu sich Schostakowitsch selbst allerdings nie äußerte. Oberflächlich handelte es sich um eine klassische Symphonie, einfach verständlich und frei von jeglichem Futurismus. Das Muster, das der Komponist für seine Fünfte Symphonie wählte, entspricht dem Prinzip „per aspera ad astra“, führt also vom Dunkel ins Licht, wie man es etwa aus Beethovens Fünfter Symphonie kennt.

Das Werk besitzt jedoch zusätzlich einen doppelten Boden, wird oft gar als autobiographisch interpretiert. So verdeutlicht der Beginn des ersten Satzes das Aufbegehren, in melancholischen Streicherpassagen wie auch energetischen Blechbläsern schwingt hier bereits eine allgegenwärtige Bedrohlichkeit in der Musik mit. Im Allegretto erlaubte sich Schostakowitsch eine versteckte Persiflage auf das Musikprogramm, das bei Treffen der Sowjetführungsriege an der Tagesordnung stand, bevor der nachdenkliche dritte Satz mit seinen Trauerthemen und vermeintlicher Resignation erklingt. Wie ein Fremdkörper mutet allerdings schon der abrupte Beginn des vierten Satzes, mit sich zum dreifachen Forte steigernden Klang, an. Im Mittelteil dieses Satzes baute Schostakowitsch pikanterweise ein Eigenzitat einer Puschkin-Vertonung ein, in dem ein Künstler sich sicher ist, dass sein Werk überdauern wird, selbst wenn es übermalt werden sollte.

Der vermeintlich optimistische Schluss mit seinem unvermittelten Wechsel von Moll nach Dur für den finalen Marsch sorgt bis heute für lebhafte Spekulationen. Veröffentlicht wurden zwei Tempoangaben: Einerseits „Viertel = 188“, wodurch der Schluss einen positiv jubelnden Charakter erhält und andererseits die Angabe „Achtel = 184“, durch die ein grotesker und ironisierender Effekt entsteht. Stellung bezogen hat Schostakowitsch zu diesem Thema jedoch nie; sowohl mit der langsamen Lesart von Jewgeni Mrawinski, dem Dirigenten der Uraufführung, als auch mit dem schnellen Tempo Leonard Bernsteins 1959 in New York schien er zufrieden. In ihrer Echtheit umstritten ist die vermeintlich klärende Aussage Schostakowitschs zur Interpretation des Finales: „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. [...] Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“.

Schostakowitsch selbst war nach der positiv aufgenommenen fünften Symphonie in der Sowjetunion einigermaßen rehabilitiert, die Rehabilitation der Urfassung seiner Lady Macbeth von Mzensk mitzuerleben, blieb ihm aber verwehrt. Erst 1979, vier Jahre nach seinem Tod, brachte Mstislaw Rostropowitsch eine Abschrift der Partitur der Fassung von 1932 in den Westen. Im selben Jahr wurde die Partitur mit einer deutschen Übersetzung veröffentlicht, wodurch sich im deutschsprachigen Raum die ursprüngliche Fassung nach der ersten Aufführung 1980 bald wieder durchsetzte. Im Osten wurde hingegen noch lange an Katerina Ismailowa festgehalten; erst Valery Gergiev brachte am St. Petersburger Mariinsky-Theater 1996 beide Versionen nebeneinander zur Aufführung, vier Jahre später erfolgte an der Helikon-Oper die erste Moskauer Aufführung. Mittlerweile ist die Fassung aus dem Jahr 1963 generell von den Spielplänen verschwunden und auch die deutsche Übersetzung ist der Originalsprache gewichen. Das „Chaos” gehört der Vergangenheit an, die Mzensker Lady Macbeth darf endlich wieder in ihrer Urversion für (positive) Aufregung sorgen.