Nichts für Zartbesaitete ist Dmitrij Schostakowitsch Oper Lady Macbeth von Mzensk, die in ihrer plastischen musikalischen Darstellung von Sex und Gewalt einem Thriller gleicht und in der Sowjetunion deswegen einst zum Skandal geriet. Der Skandal blieb in Salzburg in diesem Jahr aus, an explizite Szenen auf der Opernbühne ist das Publikum mittlerweile ja ohnehin gewöhnt. Und auch Schostakowitschs Musik sorgt nur noch für positive Aufregung, vor allem dann, wenn sie so fantastisch dargeboten wird, wie von den Wiener Philharmonikern unter Mariss Jansons an diesem Abend.

Brandon Jovanovic (Sergej) und Nina Stemme (Katerina) © Salzburger Festspiele | Thomas Aurin
Brandon Jovanovic (Sergej) und Nina Stemme (Katerina)
© Salzburger Festspiele | Thomas Aurin

Detailversessen und transparent, aber immer mit einem Blick fürs Ganze leitete Jansons das musikalische Geschehen und entlockte dem Orchester so viele Farben und Nuancen, dass man meinte, oft Gehörtes gerade völlig neu entdecken zu dürfen. Mal kräftig zupackend, dann wieder sanft streichelnd setzte das Orchester Schostakowitschs Partitur um, bot dabei energetisch-plastische Momente und reizte die dynamische Bandbreite vor allem in den Zwischenspielen sehr weit aus. Der brodelnden Kälte und Empathielosigkeit der Gesellschaft sowie den grellen Parodien auf Kirche und Staat stellte Jansons überdeutlich die – trotz all ihrer Abgründe vorhandene – Wärme von Katerinas Innenleben gegenüber und fand für ihre Verzweiflung und das Sehnen nach Nähe immer wieder lyrisch anmutende Passagen. Im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Höhepunkt des Abends wurde die Kopulationsszene des ersten Akts, in der die Wiener Philharmoniker geballte Leidenschaft in ekstatischen Klang verpackten. Zusätzlich zu dem fesselnden Rausch aus dem Orchestergraben, der auch im Alleingang für einen großartigen Abend hätte sorgen können, war es das durchwegs erstklassige Sängerensemble, das die Vorstellung zu einem echten Ereignis werden ließ.

Nina Stemme (Katerina) © Salzburger Festspiele | Thomas Aurin
Nina Stemme (Katerina)
© Salzburger Festspiele | Thomas Aurin

Allen voran gelang es Nina Stemme die Ambivalenz der Katerina Lwowna Ismailowa eindrucksvoll nachzuzeichnen. So erschien sie in der Darstellung weniger als das klassische Opfer ihrer Umgebung sondern eher als durch und durch frustrierte und gelangweilte, bisweilen sogar recht emanzipierte, Frau, die nur darauf wartet, aus dem goldenen Käfig ausbrechen zu können und ihren Mann Sinowi für ihren Liebhaber Sergej zu verlassen. Dabei fand sie für jede Gefühlsregung die ideale stimmliche Nuance, stattete die Figur mit dunkler Tiefe und strahlenden Höhen aus, füllte gleichermaßen mit dramatischer Attacke und weicher Innigkeit den Raum und zog die Zuhörer mit vollem, rundem Timbre ganz auf Katerinas Seite. Am finalen Wendepunkt der Geschichte, als Katerina von Sergej im Gefangenenlager für Sonetka zurückgewiesen und tief gedemütigt wird, ließ Stemme sämtliches Leuchten und Leben in der Stimme verblassen und gestaltete die Verzweiflung und Resignation berückend emotional.

Nina Stemme (Katerina), Stanislav Trofimov (Pope), Brandon Jovanovic (Sergej) © Salzburger Festspiele | Thomas Aurin
Nina Stemme (Katerina), Stanislav Trofimov (Pope), Brandon Jovanovic (Sergej)
© Salzburger Festspiele | Thomas Aurin

Nicht minder interessant verlief bereits im ersten Akt das Zusammentreffen von Katerina und Sergej; Regisseur Andreas Kriegenburg strich hier weniger die Faszination an der Gewalt heraus, sondern stellte die beiden Charaktere als Außenseiter dar, die einander auf Augenhöhe begegnen. Brandon Jovanovich stattete den Sergej mit schier endloser Kraft aus, fand dabei aber auch genug Raum für Momente der stimmlichen Zurückhaltung. Hell timbriert und mit gestalterischer Vielseitigkeit in seinem Tenor vermittelte er den zarten Liebhaber, den ironischen Lebemann sowie den abweisenden Fiesling gleichermaßen glaubwürdig. Im Zusammenspiel zwischen Stemme und Jovanovich harmonierten überdies nicht nur die beiden Stimmen, sondern auch die darstellerische Chemie, Knistern inklusive, ausgezeichnet.

Eine detaillierte Personenregie zog sich durch den ganzen Abend und durch sämtliche Charaktere; Dmitry Ulyanov gab den Boris Timofejewitsch Ismailow als despotischen Patriarchen und Schwiegervater, der an einem Desinfektionsspray-Tick leidet, mit strömend schwarzem Bass und demonstrierte, wie elegant der Tod durch Rattengift auf einer Opernbühne klingen kann. Darüber hinaus fiel er mit hoher Präsenz auf, während sein Bühnensohn Sinowi Borisowitsch Ismailow von Maxim Paster, der stimmlich etwas gepresst wirkte, als desinteressierter und blasser Langweiler angelegt wurde. Für parodistische Momente sorgte vor allem der ständig betrunken torkelnde Pope von Stanislav Trofimov, während Ksenia Dudnikova mit samtigem Mezzo im Gefangenenlager des letzten Akts als Sonetka erotische Funken sprühen ließ. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor fiel durch hohe Präzision und klangliche Schönheit, besonders im letzten Akt bei den entrückt wirkenden Piani, auf.

Nina Steme (Katerina) und Andrii Goniukov (Alter Zwangsarbeiter) © Salzburger Festspiele | Thomas Aurin
Nina Steme (Katerina) und Andrii Goniukov (Alter Zwangsarbeiter)
© Salzburger Festspiele | Thomas Aurin

Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg, die im Bühnenbild mit dem Kontrast von tristen, von Zerstörung gezeichneten Plattenbauten und dem ausfahrbaren, eleganten Schlafzimmer im Haus der Kaufmannsfamilie als Kontrast dazu spielte, bildete stets eine gut funktionierende Einheit mit Schostakowitschs Musik. Der Regisseur gab vor allem den seelischen Zuständen und Abgründen Katerinas eine optische Entsprechung, indem er etwa die Szenerie immer wieder in blau verschwimmende (Alb-)Traumwelten abgleiten ließ. Und auch vor der kompromisslosen Darstellung von Sex und Gewalt scheute Kriegenburg dabei nicht zurück. Die einzige wirkliche Schwachstelle der Inszenierung offenbarte sich erst ganz am Ende, als Katerina sich und ihre Nebenbuhlerin Sonetka erhängt, was nicht nur in der Ausführung unlogisch anmutet, sondern auch gegen das Libretto arbeitet, in dem ganz klar der Tod durch Ertrinken genannt wird. Die Schlussszene hätte, für meinen Geschmack, etwas eleganter (und näher am Text) gelöst werden können. Zugegebenermaßen ist dieser Einwand angesichts der hervorragenden Personenregie und der starken Optik des Bühnenbildes aber Kritik auf hohem Niveau.

Ein exzessiver Rausch aus lodernder Erotik und roher Gewalt, der bis in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele vordringt; ein intensiver und emotionaler Abend mit musikalischen Höchstleistungen!

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