Was haben das Boston Symphony Orchestra, das Leipziger Gewandhausorchester, das Königliche Concertgebouw-Orchester und die Berliner Philharmoniker gemeinsam? Sie alle finden sich mit größter Wahrscheinlichkeit auf jeder Liste der besten Orchester der Welt – in Bachtracks Abstimmung des Jahres 2015 lagen die Berliner Philharmoniker und das Concertgebouw-Orchester auf den Plätzen 1 und 2.

Karajan Place, Tokio © Suntory Hall
Karajan Place, Tokio
© Suntory Hall

Jedes hat seine eigene, illustre Tradition; die des Gewandhausorchesters reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Doch jedes hat auch einen heimatlichen Konzertsaal mit vielgerühmter Akustik, von den traditionellen Schuhkartons des 19. Jahrhunderts der Boston Symphony Hall und Amsterdams prächtigem Concertgebouw bis zur modernistischen Philharmonie und dem Gewandhaus, die 1963 (Berlin) beziehungsweise 1981 (Leipzig) eröffnet wurden.

Für viele aber müssen all diese großartigen Säle vor Tokios Suntory Hall kapitulieren, die mit der Hilfe von Herbert von Karajan entworfen wurde, um selbst die Akustik des revolutionären Berliner Hauses zu übertreffen – der legendäre Maestro beschrieb das Ergebnis als „akustisches Schmuckkästchen“. Der Saal öffnete seine Türen erstmals 1986 und wird, nach seinem 30. Geburtstag im vergangenen Jahr, nach einer sechsmonatigen Renovierung zu Beginn der neuen Spielzeit wiedereröffnet.

Hier findet sich eine weitere Gemeinsamkeit all der genannten Orchester: sie alle werden im November vor Ort sein und mitfeiern, wenn die Suntory Hall ein Festmahl der Orchestermusik auftischen wird, bei dem einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Jedes tritt mit Größen der heutigen Klassikwelt auf, mit Programmen, die um die Säulen des symphonischen Repertoires aufgebaut sind und die die jeweilige lange, vielfältige Tradition der einzelnen Orchester spiegeln.

Großer Saal, Suntory Hall © Suntory Hall
Großer Saal, Suntory Hall
© Suntory Hall

Der lettische Dirigent Andris Nelsons verkörpert als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra und designierter Gewandhauskapellmeister in Leipzig weitere historische Verbindungen zwischen zumindest zweien dieser Orchester. Hier dirigiert er sein Bostoner Orchester in drei Programmen, die Symphonien von Schostakowitsch, Rachmaninow, Haydn und Mahler einschließen. Der amerikanische Virtuose Gil Shaham wird mit ihnen in Tschaikowskys Violinkonzert auftreten, während zwei Stimmführer des Orchesters – Flötistin Elizabeth Rowe und Harfenistin Jessica Zhou – bei Mozarts Konzert für Flöte und Harfe im Rampenlicht stehen.

Das Gewandhausorchester betont seine unübertroffene Geschichte und präsentiert auf seiner vierwöchigen Tournee bei seinem Zwischenstop in Japan Werke, die es im 19. Jahrhundert uraufgeführt hatte: Schuberts Neunte Symphonie und Bruckners Siebte, dazu Violinkonzerte von Brahms und Mendelssohn. Solist in beiden Konzerten ist der vielfach ausgezeichnete, griechische Virtuose Leonidas Kavakos. Der bemerkenswerte und ewig junggebliebene Herbert Blomstedt wird dabei am Pult stehen, nur Monate nach den Feierlichkeiten anlässlich seines eigenen 90. Geburtstags in Leipzig.

Das Concertgebouw-Orchester kommt auf seiner Konzertreise durch Südkorea und Japan in die Suntory Hall und spielt unter der Leitung seines Chefdirigenten Daniele Gatti zwei Programme: Das erste präsentiert Beethovens Violinkonzert (mit Frank Peter Zimmermann) und Brahms’ gewaltige Erste Symphonie; das zweite bietet sonnigere Klänge mit  Haydns Cellokonzert Nr. 1 (ein Schaustück für Stimmführerin Tatjana Vassiljeva) und Mahlers Vierte.

Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus
Sir Simon Rattle
© Monika Rittershaus

In charakteristischem Stil schlagen die beiden Konzerte von Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern die Brücke vom 19. über das 20. zum 21. Jahrhundert. Ihr erstes Konzert stellt Bartóks Zweites Klavierkonzert mit Superstar-Solist Lang Lang zwischen Richard Strauss’ Don Juan und Brahms’ Vierte Symphonie. Im Zentrum des zweiten steht ein neues Werk von Unsuk Chin, flankiert von Strawinskys Petruschka und Rachmaninows Dritter Symphonie.

All diese Konzerte bieten eine spannende Aussicht für das Publikum, doch sie sollten auch ein Genuss für die Musiker sein. „Wann immer wir hier spielen, ist es wirklich großartig“, sagte Rattle über den 2.006 Sitze zählenden großen Saal, kurz nachdem er und seine Philharmoniker mit ihrem Beethoven Symphonie –Zyklus in Tokio aufgetreten sind.

In einer von zahlreichen Videobotschaften, die im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich des 30-jährigen Jubiläums auf der Webseite der Suntory Hall veröffentlicht wurden, beschreibt der Maestro, der dort seit seiner Zeit beim City of Birmingham Symphony Orchestra regelmäßig dirigiert, als eine „wärmere Version der Philharmonie in Berlin. Es ist die Akustik, der Klang“, erklärt er: „dieser natürliche, warme, tiefe Klang. Für jedes Orchester ist man nur so unglaublich dankbar, dass man die Möglichkeiten hat, die man hier geboten bekommt.“

Frank Peter Zimmermann, Solist mit dem Concertgebouw-Orchester, beschreibt die Akustik als „so natürlich und wärmend“ und sinnt über die Klarheit nach, mit der der Klang jeden einzelnen Hörer im Auditorium erreicht. „Das Publikum“, fügt er hinzu, „ist auch phantastisch. Alles hier ist phantastisch... es fühlt sich an, als ob der Saal dir etwas gibt, was nicht in vielen Sälen der Fall ist; man hört seinem eigenen Klang zu und man fühlt, dass ihm etwas hinzugefügt wird, etwas noch Schöneres, und dann beginnt man, dem, was man tut, noch genauer zuzuhören.“

Gil Shaham, der das Tschaikowsky-Konzert mit dem Boston Symphony Orchestra spielt, erinnert sich daran, wie er 1989 als 18-Jähriger im Saal aufgetreten ist. Er beschreibt ihn als „wunderbares Heim für Musik und Musiker... er funktioniert für den Klang einer einzelnen Violine genauso wie für ein Symphonieorchester mit 120 Musikern.“

Und für die drei Wochen im November wird er in der Tat ein wunderbares Zuhause für viele der wunderbarsten Musiker von heute sein. Das verlockende Repertoire, das sie dort bieten, wird, so kann man annehmen, kaum besser geklungen haben.

 

Dieser Artikel entstand im Auftrag von Suntory Hall, Suntory Foundation for Arts.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.