Venera Gimadieva © Chris Gloag
Venera Gimadieva
© Chris Gloag
In diesem Monat erkunden wir die Welt der Lieder. Was macht ein gutes Programm aus? Wie sollte ein Publikum an ein Lieder-Recital herangehen? Wir sprechen mit den führenden Vertretern des Kunstliedes von heute, um einen Einblick in eine Welt zu bekommen, die für den Hörer manchmal schwer aufzubrechen ist. Heute sprechen wir mit der Sopranistin Venera Gimadieva.

Bachtrack: Anhand welcher Kriterien stellen Sie ein Programm für einen Liederabend zusammen?

Venera Gimadieva: Das hängt zuerst einmal davon ab, was die Veranstalter des Recital verlangen. Dann gibt es immer ein bestimmtes Repertoire, das ich erforschen möchte. Es gibt viele Stücke, die ich zu meinem eigenen Repertoire hinzufügen möchte, darum versuche ich immer, in jedem neuen Recital-Programm auch ein neues Lied einzuplanen.

Welchen Rat würden Sie Zuhörern geben, für die Lieder neu sind, um ihnen den Einstieg ins Repertoire zu erleichtern? Sollten Künstler im Laufe des Recitals mit ihrem Publikum sprechen?

Es existiert eine Praxis, in der Künstler mit ihrem Publikum sprechen; das ist immer interessant und lebhaft. Der Künstler hat so die Gelegenheit, dem Publikum mehr über die Geschichte und den Hintergrund eines jeden Lieds zu erzählen. Ich hoffe, dass ich einmal diese Gelegenheit haben werde.

Wie fühlt es sich an, wenn alle Köpfe im Publikum im Programmheft stecken, um den Text zu verfolgen? Würden Übertitel helfen? Sollten Besucher die Texte vor den Konzert lesen?

Ich unterstütze die Idee, dass das Publikum verstehen muss, was ich singe. Natürlich gibt es Nebenwirkungen, denn das Publikum verpasst dadurch wahrscheinlich musikalische Details. Aber wenn das Publikum eine Musik zum ersten Mal hört und liebt, bin ich mir sicher, dass sie zu dieser Musik zurückkommen werden, wodurch das Verständnis der Musik tiefer wird. Ich freue mich beispielsweise sehr auf mein Recital mit Roger Vignoles im Londoner Kings Place, und das Publikum wird dort die Übersetzung für jedes Lied im Programm finden. Ich werde meine Lieblingsstücke von Rachmaninow und Tschaikowsky singen. Ihre Lieder basieren auf den größten Juwelen russischer Dichtung, ich würde auf keinen Fall wollen, dass das Publikum das verpasst.

Welche Vorteile hat das Liedpodium im Vergleich zur Opernbühne?

Ich selbst stehe öfter auf Opernbühnen, darum ist das für mich angenehmer, doch ich möchte unbedingt mehr Lieder-Recitals singen, weil das eine großartige Gelegenheit ist, an Details zu arbeiten, sowohl stimmlich als auch emotional.

Welches Lied singen Sie am liebsten (und warum)?

Ich liebe Rachmaninow wegen seines poetischen musikalischen Hintergrunds und seiner unglaublichen Harmonien. Ich kann unmöglich nur eines seiner Lieder heraussuchen; sie sind alle wunderschön. Ich liebe auch französische Melodien, und ich liebe es, auf Französisch zu singen, Komponisten wie Chausson, Poulenc, Fauré, Ravel – ihre Melodik ist wunderbar romantisch.

In welcher Sprache singen Sie am liebsten?

Ich liebe es, auf Italienisch und Französisch zu singen. Es mag Sie überraschen, aber Russisch ist am schwierigsten für mich! Stimmlich und technisch versetzt mich meine Muttersprache an einen ganz anderen Ort und macht es mir schwer, zu meinem üblichen Repertoire zurückzukehren.

Haben Sie einen Pianisten, mit dem Sie oft in Recitals zusammenarbeiten? Was sind seine/ihre besten Eigenschaften?

Ich habe das Glück, mit einem großartigen Pianisten verheiratet zu sein, und wir treten regelmäßig zusammen auf. Wir genießen eine besondere Verbindung, und das überträgt sich auf unser Musizieren. Viele Details gelingen gleich, ohne zu proben, da wir Musik auf gleiche Weise verstehen. Wenn wir zusammen auftreten, fühlen wir den anderen oft so gut, dass wir Platz für Improvisation erlauben können, und wir folgen einander zuversichtlich und frei. Das ist die beste Eigenschaft, die ein Begleiter für mich besitzen kann, wenn sie „vor-hören“ und mein Erfühlen der Musik vorausahnen.



Venera Gimadieva tritt in Kürze in La traviata am Royal Opera House auf. Ihr Kings Place-Recital mit Roger Vignoles findet am 25. Januar statt.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.