Im Spätfrühling und Frühsommer gibt es gleich drei der mehreren deutschen Mozartfeste, zwei davon im Freistaat Bayern. In Würzburg, wo man das älteste deutsche Festival zu Ehren Wolfgang Amadeus Mozarts auf die Beine stellt; und in Augsburg, Vater Leopolds Geburtsstadt, in der nach der Sanierung auch künftig wieder das Glockenspiel des Perlachturms einen Hit des berühmten Sohnemanns ertönen lassen wird. Das Mozartfest Augsburg findet in künstlerischer Neuausrichtung unter Simon Pickel jetzt zum zehnten Mal statt, so dass es in seinem Jubiläum „Herzenssache“ zum Motto ausrief, um sich dafür nach eigener Beschreibung den größten gehegten Wunsch zu erfüllen, erstmals Sir John Eliot Gardiner im Programm aufzubieten. Mit seinem The Constellation Orchestra beendete der Brite zum feierlichen Abschlusskonzert zugleich dessen kleine Tour mit Werken Arriagas, Amadé Mozarts und Joseph Haydns.

So geballt diese Feste, so groß der Andrang der Besucher in Augsburgs evangelischer St. Ulrichskirche. Ob sich vielleicht zufällig der ein oder andere davon daran erinnerte, dass eine Arriaga-Aufführung Gardiners bereits sehr lange zurückliegt? 24 (Sinfonie in D/d, ebenfalls kombiniert mit Mozart und Haydn) beziehungsweise 29 Jahre (Ouvertüre zu Los esclavos felices); in Salzburg, der anderen Mozart-Geburtsstadt, als der Dirigent nach seinem Debüt 1995 bis zum Anfang des Jahrtausends durch die Deutsche Grammophon hoch im Kurs bei den Wiener Philharmonikern stand. Die Sinfonie in D/d Juan Chrisostomo Arriagas, wie der Patrons-Name verrät, auf den Tag genau wie Amadé Mozart geboren, allerdings 50 Jahre später, dafür mit 20 Lebensjahren noch eher verstorben, sollte jedenfalls mal wieder einen Konzertauftakt bei Gardiner bilden.
Solchen, der in beflissener Selbstverständlichkeit des Constellation Orchestras den Abend prägte und das Festivalmotto musikerseits einlöste. Pulsierende Kontrastschärfe gleich einem theatralischen Sonne- und Schattenspiel durchschnitt da im frühreifen, überraschungsliebenden Arriaga die Schwüle, die Ort und heißblütig, dabei beeindruckend phrasierungs-, betonungs- und dynamikgelenk übermittelte Klänge selbst erzeugten. Umgarnt von lyrischen Bögen und ausdrucksfrischem Charme zur Wahrung der anlaufsetzenden Binnenpole, führte Gardiner epochengetreue Instrumente und die Tempi, damit zugleich den jeweiligen Charakter der Symphonie-Sätze, typischerweise kompromisslos lust- und glutvoll an Grenzen. Für den Effekt, dass Arriaga weitere Jahrzehnte im Gedächtnis haften bleibt.

Zu Mozarts letzten Stücken und Vermächtnis gehört sein Klarinettenkonzert, das im werklichen Gegensatz zum Arriaga umso bekannter ist. Genauer gesagt, das Bassettklarinettenkonzert, hatte es Mozart für die längere, so im Tonumfang größere sowie mit nach vorne abgeknicktem Schallbecher und, ähnlich dem Bassetthorn, gebrochenem Mundstückverlauf für Anton Stadler konzipierte Klarinette geschrieben. Obwohl durch die HIP-Bewegung mittlerweile immer verbreiteter, ist das Instrument einem Großteil des Publikums dennoch nicht derart vertraut wie das Stück. Dafür stellte Nicola Boud, Gardiners langjährige Erste Klarinette und Solistin der Tour, ihre Replika ganz kurz vor.
Um sich danach mit faszinierender Ausleuchtung der Reichweite, ob in eleganten Oktavsprüngen oder virtuosen Läufen, der Klangwärme und Zartheitsstufen sowie mit hervorragend sensibler Dynamik, kantabler Phrasierung und Betonungsenergie in die Herzen der Zuhörer zu spielen. Nicht nur durch das Komplementär-Fagott, auch durch die insgesamt gemeinsam gefundene Sprache mit der kompletten Besetzung des Constellation Orchestra entstand eine mitgehende, eben abermals kontrastreiche, achtsame Einheit, die demonstrativ historische Mozart-Lebendigkeit ins Heute übersetzte und die emotionale Wirkung extrem verstärkte.
Die angesprochene Selbstverständlichkeit trat zudem in Haydns, von modulationsfülligen Lichtwechseln durchzogenen Symphonie Nr. 49 zutage, selbst wenn bei den Oboen, die in der Trio-Wiederholung zu fulminanten Verzierungsaugenzwinkern griffen, minimale hitzebedingte rhythmische Ungenauigkeiten zu beobachten waren. Schließlich reduzierte Gardiner bei allem aufrechterhaltenen, von dramatischer Rhetorik gezeichnetem Temperament und vollem Einsatz des Orchesters das Vibrato der – pulttechnisch gleichbleibenden – Schrittmacher-Streicher im Verhältnis zum Arriaga (wie natürlich bei Mozart mit vibratoarmer Klarinette). Damit rollte ein intensiver, akzentuierter, epochal kräftiger Haydn-Sturm durch die Kirche, der Herzen von Veranstalter und Gästen sehnen ließ nach baldiger Wiederholung.

