Nomen est omen. Das von Teodor Currentzis im Jahr 2022 gegründete Utopia Orchestra lebt von einer Utopie: Man will anders sein als die anderen. Utopia ist im Eigenverständnis eine „kreative Gemeinschaft“, ein Team von Gleichgesinnten, das sich mit Leidenschaft und Intensität der Erarbeitung eines bestimmten Programms widmet. Utopia ist kein feststehender philharmonischer Klangkörper, sondern ein Projektorchester, dessen international zusammengesetzte Mitglieder von Currentzis für jedes Projekt neu erwählt werden. Ende Mai tourte das Orchester, eingeladen von Migros-Kulturprozent-Classics, durch die Schweiz mit Stationen in Zürich, Genf und Bern. Auf dem Programm standen Bergs Violinkonzert mit der Solistin Vilde Frang und Mahlers Erste Symphonie.

Teodor Currentzis © Quim Vilar
Teodor Currentzis
© Quim Vilar

In der Tonhalle Zürich präsentiert sich die Andersartigkeit schon rein optisch: Currentzis in einer ärmellosen Jacke und die Konzertmeisterin im rückenfreien Einteiler sehen aus wie Popstars. Die Orchestermitglieder, jedes in einem individuell gestalteten schwarzen Outfit, strahlen jugendliche Frische und Selbstbewusstsein aus. Und Vilde Frang in ihrem langen weißen Kleid gleicht abbildgenau dem Engel, den Alban Berg in seinem Konzert für Violine und Orchester – Dem Andenken eines Engels vor Augen hatte.

Bei ihrer Interpretation erweist sich Frang für das Werk, das Berg als Reaktion auf den Tod der 18-jährigen Manon Gropius komponiert hatte, als ideale Interpretin. Die 39 Jahre alte norwegische Geigerin, die inzwischen zur Weltspitze ihrer Zunft gehört, zeichnet sich nach wie vor durch Natürlichkeit, Bescheidenheit und eine Spur von Mädchenhaftigkeit aus. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt sie ihre Geigenmelodien durch den ruhigen ersten Satz, wechselt zu Beginn des zweiten in einen kämpferischen Modus und entschwebt bei den Variationen über den zitierten Bach-Choral letztendlich in überirdische Gefilde. Currentzis, der sein Notenpult zur Solistin hin abgedreht hat, führt eine intensive gestische Zwiesprache mit Frang und stellt dabei die Führung des Orchesters etwas hintan. Die Gruppe der zweiten Geigen, denen er ständig den Rücken zukehrt, muss sich dabei etwas vernachlässigt vorkommen.

Vilde Frang und Teodor Currentzis © Quim Vilar
Vilde Frang und Teodor Currentzis
© Quim Vilar

Zum ultimativen Showpiece gerät nach der Pause Gustav Mahlers Symphonie Nr. 1 in D-Dur. Currentzis, nun ganz dem Orchester zugewandt, dirigiert mit Haut und Haar, tanzt nicht nur auf seinem Podest herum, sondern stellt sich auch mal vor die Bläser hin oder lässt das ganze Register der ersten Violinen im Stehen spielen, um eine bestimmte Stelle herauszuholen Ob das alles im Dienst an der Sache geschieht, darf füglich bezweifelt werden. Vielmehr bekommt man den Eindruck einer perfekt inszenierten Selbstdarstellung. Die von Currentzis ausgewählten Musikerinnen und Musiker mögen dies offensichtlich; sie „fressen ihm aus der Hand“ und geben ihr Letztes. Auf der emotionalen Ebene bekommt das Publikum alles. Am Schluss toben die Leute vor grenzenloser Begeisterung.

Teodor Currentzis dirigiert das Utopia Orchestra © Quim Vilar
Teodor Currentzis dirigiert das Utopia Orchestra
© Quim Vilar

Bei etwas kühlerer, sozusagen „beckmesserischer“ Betrachtung muss man aber doch einige Kritikpunkte anbringen. Dass der Dirigent im ersten Satz zu Beginn des Hauptteils ein bedenklich langsames Tempo ansetzt, kann man noch verschmerzen. Dass er aber das Scherzo derart grob, ja ungeschlacht interpretiert, wirkt störend. Doch geradezu betörend in der Mixtur von Trauermarsch, Parodie und „Lindenbaum“-Entrückung gestaltet Currentzis den langsamen Satz. Dynamisch völlig über das Ziel hinaus schießt er indes beim Finale. Weil schon der Beginn zu laut daherkommt, kann die ultimative Steigerung nur noch durch völliges Überdrehen erreicht werden.

Wie soll man nun den Abend in seiner Gesamtheit beurteilen? Was das emotionale Erlebnis betrifft, gäbe man, wäre dies erlaubt, gerne sechs Sterne. Musikalisch sind vier Sterne wohl angemessen. Und die bisweilen etwas peinliche Selbstdarstellung des Dirigenten verdient drei Sterne.

Vilde Frang und Teodor Currentzis © Quim Vilar
Vilde Frang und Teodor Currentzis
© Quim Vilar
Teodor Currentzis © Quim Vilar
Teodor Currentzis
© Quim Vilar
Teodor Currentzis dirigiert das Utopia Orchestra © Quim Vilar
Teodor Currentzis dirigiert das Utopia Orchestra
© Quim Vilar