„Ich bin auf der Suche nach einer Stimme, die mir das Herz bricht.“ Nichts weniger als das treibt Dame Kiri Te Kanawa an, junge Gesangstalente zu fördern und sich beim 17. Concours musical international de Montréal (CMIM), der im Zeitraum 29. Mai bis 7. Juni 2018 stattfand, als Jury-Mitglied zu engagieren. Dass ihre eigene Karriere ebenso wie die ihres Jury-Kollegen Ben Heppner durch Siege bei Gesangswettbewerben ins Rollen kam, dürfte ebenso Motivation sein.

Zarin Mehta und Dame Kiri Te Kanawa © Concours musical international de Montréal 2018
Zarin Mehta und Dame Kiri Te Kanawa
© Concours musical international de Montréal 2018

Weltweit gibt viele prestigeträchtige Veranstaltungen dieser Art, und natürlich geht es dabei nicht nur um die holde Kunst, sondern auch ums Geschäft; es sind Marktplätze, auf denen junge Talente, Opernhäuser und Agenturen zueinander finden. Das ist beim hochdotierten CMIM (Preise im Gesamtwert von 270.000 CAD oder rund 176.000 EUR) nicht anders, und doch herrschte dort eine familiäre Atmosphäre, die man unter Konkurrenzverhältnissen nicht vermuten würde. Das liegt zum einen an den rührigen Veranstaltern, die sich geradezu mütterlich um ihre jungen Sängerinnen und Sänger kümmerten, zum anderen an der Unterbringung: Die 38 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jahrgangs 1983 oder jünger, die aus über 350 Bewerbung aus 52 Ländern hervorgingen, wohnten überwiegend bei musikaffinen Gastfamilien, bekamen so Einblicke in die lässig-charmante Lebensart im frankophonen Teil Kanadas, und ersparten sich so nebst Hotelkosten auch den üblichen einsamen Kampf gegen die Nervosität.

Erstmals in diesem Jahr war der CMIM in zwei Kategorien geteilt (Arie mit Orchesterbegleitung sowie Kunstlied mit Klavierbegleitung). Die sechzehn Lieder-Interpreten, von denen die vier Finalisten eine maximal 35minütige Darbietung in mindestens drei Sprachen absolvieren mussten, durften eine Pianistin oder einen Pianisten ihrer Wahl mitbringen – ein attraktives Angebot, das die Bedeutung der Begleitung anerkennt und sich für den Portugiesen João Araùjo mit dem Gewinn eines Sonderpreises von 10.000 CAD besonders lohnte. Dass Warren Jones, Lieblingspianist vieler Sängerinnen und Sänger, zu den zehn prominenten Juroren gehörte (neben den bereits erwähnten Jury-Mitgliedern gaben sich unter dem Vorsitz des global agierenden Musikmanagers Zarin Mehta etwa Dame Felicity Lott, Soile Isokoski und „Monsieur Mélodie“ François Le Roux die Ehre), macht diesen Preis noch bedeutender.

Emily D’Angelo © Concours musical international de Montréal 2018
Emily D’Angelo
© Concours musical international de Montréal 2018

João Araùjo sowie alle weiteren Gewinner wurden jedoch erst nach dem großen Arien-Finale verlautbart, was den CMIM bis zum Schluss spannend machte. Festivalcharakter erhielt der Wettbewerb durch zahlreiche begleitende Veranstaltungen, bei denen auch Jury-Mitglieder im Einsatz waren; sie gaben Meisterklassen oder erzählten in moderierten Publikumsgesprächen Schwänke aus ihren Leben. Beispielsweise bekannte Ben Heppner, dass er seine Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig auf einen Kandidaten und die Noten richten könne, und ebenso freimütig gab Dame Felicity Lott zu, niemals die Nerven für Gesangswettbewerbe besessen zu haben. Viele Lacher erntete sie, als sie schilderte, wie sie lernte, sich neben untergroßen Tenören kleiner zu machen.

Der Lieder-Bewerb sowie die Erstrunde der Arien-Konkurrenz fanden im eleganten Ambiente der Salle Bourgie (einem zum Montréaler Museum der schönen Künste gehörigen Konzertsaal mit fabelhafter Akustik) statt. Den Arien-Wettbewerb beherbergte ab den beiden Semifinale die Maison Symphonique, welche 2011 eröffnet wurde und Heimstätte des Orchestre symphonique de Montréal (OSM) ist. Letzteres begleitete die jungen Künstler unter der Leitung von Graeme Jenkins, der bekannt dafür ist, ein besonders vielfältiges Repertoire zu beherrschen.

Konstantin Lee © Concours musical international de Montréal 2018
Konstantin Lee
© Concours musical international de Montréal 2018

Zwar zeigte sich auch bei diesem Wettbewerb, dass besonders die Tenöre bei ihrer Arien-Auswahl gern auf Dauerbrenner wie „Una furtiva lagrima“ oder „Je crois entendre encore“ setzen, doch sorgte schon allein die Tatsache, dass ein Oratorienpreis ausgelobt war, für Abwechslung. Einige Mutige überraschten auch mit wenig Bekanntem und forderten die Instrumentalisten entsprechend heraus. Trotz der begrenzten Probenzeit, die bei so vielen Solisten kaum üppiger ausfallen kann, fügte sich aber alles ordentlich, auch wenn – wie bei Konzerten üblich – über Einzelheiten ein wenig diskutiert wurde. Besonders angenehm fiel auf, dass Jenkins dem Sängernachwuchs durch differenzierte Dynamik das Leben nicht unnötig schwer machte. Das freute auch das Publikum und insbesondere die Sänger in der Jury. Unsensibles Dirigat, das zum Forcieren verleitet, ist schließlich ein permanentes Thema in diesem Beruf, weshalb etwa Dame Kiri Te Kanawa im Rahmen ihrer Meisterklasse praktische Tipps gab, um sich bei Dirigenten ein wenig Gehör zu verschaffen.

Bei diesem Anlass meinte sie auch, sie hätte schon viele junge Menschen gehört, die durch falsche Technik alt klingen – aber davon war zumindest bei den Arien-Semifinalisten des CMIM, fast durchwegs Preisträger anderer Wettbewerbe, nichts zu bemerken. Über einige Leistungen konnte man nur staunen, und auch die Sänger selbst erzählten bereitwillig, ein so hohes Niveau noch bei keinem anderen Wettbewerb erlebt zu haben.

Hinter der Bühne beim Arien-Finale © Concours musical international de Montréal 2018
Hinter der Bühne beim Arien-Finale
© Concours musical international de Montréal 2018

Sogar von jenen sechs Semifinalisten, die es nicht ins Arien-Finale schafften, war in den jeweils fünfzehnminütigen Darbietungen viel Gefälliges und mitunter Grandioses zu hören. So ließ etwa die Russin Dilyara Idrisova mit ihrem kräftigen, aber glockenhellen Sopran aufhorchen, den sie am besten in einer Glinka-Arie zur Geltung brachte. Der südkoreanische Bariton Kidon Choi startete aufgrund einer beginnenden Erkältung mit Handicap, wusste aber etwa mit Verdis „Pietà, rispetto, amore“ aus Macbeth zu überzeugen. Mihail Mihaylov, ein bulgarischer Tenor, beeindruckte mit samtig-geschmeidiger Stimme in der Arie des italienischen Sängers aus dem Rosenkavalier. Im selben Stimmfach ist der Tscheche Petr Nekoranec unterwegs, der ein schönes Rossini-Timbre hat und dementsprechend mit „Sì, ritrovarla io giuro“ für Furore sorgte. Viel Schwung und Begeisterung brachte auch der südkoreanische Bass Jongsoo Yang mit „Non più andrai“ aus Le nozze di Figaro in den Konzertsaal. Nachwuchs wie die drei letztgenannten Herren wird auf den Opern- und insbesondere auf den Operettenbühnen dieser Welt dringend gebraucht, insofern ist ein Ausscheiden im Semifinale des CMIM kein Unglück. Yang macht zusätzlich sympathisch, dass er über seinen russischen Basskollegen Mikhail Golovushkin anerkennend meinte, dieser habe für einen jungen Bass enorm schwieriges Material erarbeitet (ähnlich dämonische Lacher in „Vous qui faites l’endormie“ aus Gounods Faust hört man tatsächlich nicht alle Tage!), und verdiene daher den Finaleinzug.

Emily D'Angelo, Mario Bahg und Konstantin Lee © Concours musical international de Montréal 2018
Emily D'Angelo, Mario Bahg und Konstantin Lee
© Concours musical international de Montréal 2018

Weniger gelassen nahm das Publikum, dass für die Mezzosopranistin Rihab Chaieb im Arien-Semifinale Endstation war. Sie und ihre lokalen Fans konnten sich immerhin damit trösten, dass sie im Rahmen des Liedwettbewerbs den Preis für die beste kanadische Teilnehmerin errang. Eine weitere Überraschung war, dass die Jury statt eines der bereits besprochenen Semifinalteilnehmer einen dunkel timbrierten Tenor aus Südkorea namens Konstantin Lee ins Finale schickte. Schließlich galt auch dessen Drittplatzierung unter Kennern als umstrittene Entscheidung, auch wenn man dem jungen Mann zugestehen muss, sich im Finale deutlich gesteigert und keine Fehler gemacht zu haben, was bei Arien wie „Ah! Lève-toi, soleil!“ keine geringe Leistung ist. Dass Lee bei diesen Tenorfestspielen ausgerechnet den zum engen Favoritenkreis zählenden Andrew Haji um überholen würde, war im Semifinale nicht abzusehen, da der Kanadier mit Gassenhauern des französischen und italienischen Repertoires brillierte. Seine Darbietung der Bildnisarie erinnerte gar an Fritz Wunderlich, und derlei Komplimente machen Opernfreunde nicht leichtfertig. Obwohl Haji im Finale nicht gänzlich fit schien, gewann er immerhin den Oratorien-Preis.

Nach dem Finale: Emily D’Angelo © Concours musical international de Montréal 2018
Nach dem Finale: Emily D’Angelo
© Concours musical international de Montréal 2018

Bei der schon erwähnten Dominanz der Tenöre im diesjährigen CMIM wunderte es nicht weiter, dass auch ein Tenor zum Sieger gekürt wurde. Der Südkoreaner Mario Bahg galt mit seinem schmelzendem Timbre und perfekter Diktion (etwa in „Salut! Demeure chaste et pure“) neben Haji als Favorit und behielt im Finale die Nerven. Dennoch wirkte er nach dem Sieg bescheiden und freute sich am meisten darüber, bei diesem Wettbewerb viel gelernt zu haben. Er plant, vorläufig in Norwegen weiter zu studieren (obwohl zu vermuten steht, dass er in nächster Zeit keine Ruhe dazu haben wird).

Die italienisch-kanadische Mezzosopranistin Emily D’Angelo errang zusätzlich zum zweiten Platz den Publikumspreis Radio-Canada sowie den Preis als beste kanadische Künstlerin. Auf die Frage, warum sie die einzige Frau im Finale war, vermutete sie unter anderem, dass von Frauen generell mehr erwartet wird. Sie selbst zeigte mit einem anspruchsvollen Programm (unter anderem: der Komponist aus Ariadne auf Naxos, koloraturengespickter Händel, Bergs Sieben frühe Lieder) viel Stilgefühl und Persönlichkeit. Damit hat sie es mit ihren 23 Lenzen auch bereits auf die karrieretechnische Überholspur geschafft; demnächst wird sie als Cherubino an der Berliner Staatsoper und bei den Festivals in Glimmerglass und Santa Fe als Rosina bzw. Dorabella zu erleben sein.

Nach dem Finale: Dame Felicity Lott © Concours musical international de Montréal 2018
Nach dem Finale: Dame Felicity Lott
© Concours musical international de Montréal 2018

Nicht zuletzt ist der amerikanische Bariton John Brancy zu erwähnen, der den Liedwettbewerb sowie den Mélodie-Spezialpreis gewann; dass er im Arien-Bewerb keine Platzierung erzielte, dürfte einer (nachvollziehbaren) Politik geschuldet sein, wonach einer nicht zu viel gewinnen sollte, auch wenn Brancys unter die Haut gehenden Interpretationen von Rodrigos Todesszene aus Don Carlo oder „Look through the port“ aus Billy Budd absolut preiswürdig waren. Aus der Intensität, mit der er diese Arien gestaltete, spürte man sein Talent für das Lied, und dass ihn sein Charisma sowie die Intelligenz, mit der er seine Programme zusammenstellt, wohl noch weit bringen werden. Nach einem Engagement am Stadttheater Klagenfurt unter Lorenzo Viotti steht Wien ganz oben auf seiner Wunschliste, und mit dem Gewinn beim CMIM lässt sich dieses Ziel vielleicht schneller als gedacht erreichen. Was ihn antreibt? „Musik ist Liebe“, meint er ebenso schlicht wie überzeugend. Womit wir wieder bei Kiri Te Kanawa und ihrer Sehnsucht nach einer herzzerreißenden Stimme wären… 

 

Snapdragon's Reise nach Montreal wurde vom Concours musical international de Montréal finanziert.