Die Münchner Symphoniker sind bekannt für ihre musikalische Abenteuerlust und ihren Mut, neue Wege zu gehen, was Repertoire, Programmatik und Interpretationen altbekannter Werke anbelangt. Diesen Mut vermisste man ein wenig bei ihrem Konzert in der Münchner Isarphilharmonie, aber dennoch wurde der Abend aufregend im besten Sinne, vor allem Dank der beiden Solisten im Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-moll von Johannes Brahms.

Guido Sant'Anna und Jaemin Han © Clara Evens / Bonsook Koo
Guido Sant'Anna und Jaemin Han
© Clara Evens / Bonsook Koo

Die Manfred-Ouvertüre, wohl die bedeutendste der sieben Ouvertüren von Robert Schumann, ist eine romantische Gefühlswanderung. Fast ansatzlos changiert dieses „dramatische Gedicht in Musik“, wie es der Komponist selbst nannte, zwischen diversen Emotionswelten. Umso wichtiger, dass diesem Werk Kontur gegeben wird, was dem Dirigenten Joseph Bastian und seinem Orchester nicht ausreichend gelang. Bastian hat zwar ein untrügliches Gespür für Form und Phrasierung, sein Dirigat allerdings ist trotz rhythmischer Präzision oft schwingend elegant an der Grenze zur Verspieltheit. Die noch nicht ganz warmgespielten Symphoniker hätten zu Beginn etwas straffere Führung benötigt.

pbl
pbl

In dem Moment allerdings, als der 20-jährige Geiger Guido Sant’Anna und der 21-jährige Cellist Jaemin Han die Bühne betraten, erlebte das Orchester auf einmal einen hörbaren Qualitätsschub und verwandelte sich in ein prächtiges Brahms-Ungeheuer. Wuchtige Orchester-Schläge, rhythmisch aufgeladen durch Hemiolen, erfüllten den schwarzen Saal der Isarphilharmonie. Von gelegentlichen intonatorischen Trübungen abgesehen, boten die Symphoniker den beiden jungen Solisten nicht nur eine feinfühlig abgestimmte Projektionsfläche, die bisweilen auch als Arena für sich entfesselnden Gladiatorenkampf taugte, sondern waren ebenbürtige Mitstreiter in diesem von musikalischen Zwiegesprächen zwischen Geige, Cello, und dem Orchester durchwobenen Meisterwerk. 

Die beiden Solisten waren schlicht umwerfend. Schon vor seinem fulminanten Einstieg nach wenigen Takten holte der Südkoreaner Jaemin Han deutlich hörbar Luft wie ein junger Löwe vor der Jagd, bevor er sich und sein Cello ins Getümmel schmiss. Jeden noch so kleinen Zwischenton erfüllte er mit einer eigenen Klangfarbe, variierte Strichgeschwindigkeit und Bogenansatz mit einer derart hohen Frequenz, dass einem fast schwindelig wurde.Immer wieder lud er seinen Geigen-Gegenpart und die Orchestermusiker zum Mittanzen ein. Technisch kennt Han keine Grenzen, und konnte sich so vollends auf jeden Millimeter Bogenhaar konzentrieren, um seinen satten Cellosound zu kreieren. Berauscht von seinem eigenen Spiel, verlor er sich dabei manchmal fast zu sehr im Detail.

Doch dafür stand Guido Sant’Anna an seiner Seite, entwirrte die Knoten der rhythmisch und kontrapunktisch verdichteten Partitur und schlug am Ende seiner blitzsauberen Solo-Passagen immer wieder die Beine zusammen wie ein Soldat, der Ordnung stiftet im Eifer des Gefechts. Sant’Anna spielte intensiv, klirrend akkurat und nahm volles Risiko, so dass seine Bogenhaare am laufenden Band zerrissen.

pbl
pbl

Nach einem schmissigen Finale gingen die beiden als strahlende Helden aus ihrem musikalischen Gefecht hervor. Das Publikum jubelte und und bekam einen köstliche Zugabe. Die Passacaglia von Händel/Halvorsen ist ein musikalischer Leckerbissen, gefürchtet wegen vieler Doppelgriffe und bogentechnischer Extrem-Schwierigkeiten. Für die beiden Jung-Löwen existieren diese Schwierigkeiten nicht. Und da war es schon wieder, dieses spitzbübisch-verklärte Lächeln des Guido Sant’Anna bei den Trillerpassagen, gefolgt von einem brillanten Schlussspurt. Sie kamen, spielten und siegten.

Die Symphonie Nr. 8 G-Dur von Antonin Dvořák hatte Joseph Bastian formidabel mit seinem Orchester einstudiert. Als die Celli gleich zu Beginn sonor und warm diese beschwingte und warme Symphonie zum Klingen brachten, war das Publikum sogleich eingebettet in den slawischen Wohlklang und lauschte aufmerksam den solistischen Glanzleistungen vor allem der beiden perfekt abgestimmten Klarinetten, der strahlenden Flöten und der imposanten Blechbläser. Der berühmte dritte Satz (Allegretto grazioso) kam leichtfüßig daher, aber nicht banal, ernsthaft, aber nicht zu ernst. Eben so, wie die Fangemeinde der Münchner Symphoniker „ihr“ Orchester schätzen als wunderbare Ergänzung in der von Weltklasse-Klangkörpern gesegneten Alpen-Metropole.


Das Konzert wurde von MünchenMusik veranstaltet.

****1