„Erinnerung“ tauften die Bamberger Symphoniker ihr aktuelles Saisonmotto, und Erinnerung passte genau zum symphonischen Schwerpunkt des Abends, denn Anton Bruckners Todestag jährte sich an diesem 11. Oktober zum 123. Mal. Keine der weihevollen Moll-Symphonien stand da auf dem Programm, sondern – durchaus freudig bewegt – seine „Keckste“, wie sie Bruckner einmal genannt hatte. Und Grund zu Freude hatte das Orchester genauso wie die dankbaren Zuhörer im weiten Rund des Joseph-Keilberth-Saals, da zum dritten Mal in diesem Jahr Herbert Blomstedt, Ehrendirigent des Orchesters, mit seinen unglaublichen 92 Jahren so unscheinbar im Auftritt und scheinbar mühelos in Erinnerung brachte, dass im geradlinig-einfachen Zugang zur Musik diese die größte Ausstrahlungskraft gewinnt.

Herbert Blomstedt © Andreas Herzau
Herbert Blomstedt
© Andreas Herzau

Es lagen Noten auf seinem Pult, aber sie sind nicht aufgeschlagen, und Blomstedt leitete so den ganzen Konzertabend, ohne Taktstab, ganz aus ökonomischen Bewegungsimpulsen von Rumpf und Armen, weichen Modellierungen in den Handbewegungen, im sinnendem Lächeln und mit oft weit geöffneten Armen die um ihn gescharten Orchestergruppen liebevoll umfassend. Wer das Glück und Privileg hatte, ihn in den vergangenen Jahren immer wieder musizieren zu sehen, konnte erleben, wie er augenscheinlich jedes Mal um ein Jahr jünger auftrat!

Nach Berwald, Berlioz und Beethoven nun mit Bruckner ein vierter „B“-Titan, zum frohen Auftakt jedoch Joseph Haydns D-Dur-Symphonie Nr. 104, deren kühner Satzbau dem Londoner Publikum um 1795 durchaus auch titanenhaft vorgekommen sein mag. Im Adagio-Aufbruch des Kopfsatzes ließ Blomstedt mit ruhiger Kraft den einleitenden Blechbläserruf erklingen, ihn fast den Impuls Brucknerscher Signalmotive vorausnehmen. Bedächtig führten die Streicher den Puls in ruhigem Schritt weiter, im Dialog zwischen ersten Geigen und den übrigen Streichern, als atemberaubenden Wechsel von Aufbegehren und Ergebung. Mozartschen Esprit atmete dann das Hauptthema, dessen Motivik in der Folge immer wieder wie in neuem Licht vom wunderbar transparent spielenden Orchester vorgeführt wurden: auf etwa 45 Musiker reduziert wechselten kammermusikalisch-durchhörbare Abschnitte mit federndem Tutti-Forte. Zart dargestellt wurde die schlichte Melodie des Andante, in dessen Verarbeitung die Harmonik in beinahe romantische Ausdrucksbereiche eines Schubert vordringt und dunkle Klänge, von Einhalten unterbrochen, mit lichtem Aufatmen wechseln. Nach humorvollem Menuett ein geistvolles Allegro, das den Sonatensatz nachliefert, der im Kopfsatz von Haydn ausgelassen wurde: herrlich spielerisch und witzig, geradezu schmunzelnd ließ Blomstedt das Orchester aus dieser letzten Symphonie von Haydn bis zum jubilierenden Schluss erzählen.

Im Schatten der beliebteren Fünften (von Blomstedt vor zwei Jahren im Bamberger Dom dargeboten) und Siebten steht Bruckners Sechste Symphonie A-Dur; dabei wirkt sie nach der monumentalen B-Dur-Symphonie wie ein Neuanfang, der weihevolle Breite durch knapperen Verlauf und gelöstere Stimmung ersetzt. Bruckners Zufriedenheit mit dem 1881 vollendeten Werk, das er vollständig nie hörte, zeigt sich auch darin, dass es keine Zweit- und Drittfassung seiner Sechsten (wie bei den früheren Symphonien) gibt.

Schon das ungewohnte Kopfthema des Majestoso, das unter leise hartnäckigem Klopfen der Violinen die Bässe anstimmten, verströmte in Blomstedts Händen feinen Glanz und versonnene Ruhe. Lyrisch konnten die Streicher das mild ausstrahlende zweite Thema ausspielen, bevor markige Trompetenstöße mit dem dritten Motiv prägnant aufrauschten. Sehr feierlich gelang die dunkel-satte Streichermelodie des Adagio, dessen Energie aus resignierender Grundstimmung immer wieder von Blomstedt in mächtige Fortissimo-Blöcke aufgebaut wurde. Vom Elfenspuk eines Sommernachtstraums meinte der Scherzosatz zu erzählen, neben gespenstigem Huschen der Holzbläser oder freundlichen Hörnerfiguren betonte Blomstedt auch die dämonische Urkraft solcher Geisterwelt, ließ die geheimnisvolle Stimmung des Scherzos von Bruckners Neunter bereits anklingen.

Weit ausholendes Geigenthema und kühne Fanfaren der Blechbläser wie im Kopfsatz, Choralmotiv über dem Hauptthema: fast wie ein Feldherr führte Blomstedt die musikalischen Themengruppen zusammen, türmte aus spielerisch perlenden Kantilenen geradezu vollmundig und schwärmerisch Tonschichtungen, die wie Lichtkaskaden durch den Saal strömen. Die Musiker der makellos aufspielenden Bamberger Symphoniker folgten dabei ihrem Ehrendirigenten grandios.

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