Von der Jazzmusik sind wir es gewohnt, einen Song in unterschiedlichen Bearbeitungen zu hören. Auch viele Opern wurden von ihren Komponisten an die Bedingungen der jeweiligen Aufführungsorte angepasst und weichen in diesen Versionen oft stark voneinander ab. Selbst Johann Sebastian Bach hatte seine musikalischen Einfälle in verschiedenen Stücken wiederverwertet. Arvo Pärt (1935) hat sich in Sachen Anpassungen vielleicht am Weitesten vorgewagt. Denn von seiner Komposition Pari intervallo (In gleichem Abstand) hat er zwischen 1976 und 2010 nicht weniger als 6 verschiedene Versionen geschrieben. Im Konzert des Niederländischen Rundfunkchores (GOK) nahm dieses Stück in der Version für Orgel im ersten Teil einen zentralen Platz ein. Dazu ging sogar das Licht im Saal aus. Mit dieser meditativen Beleuchtung bekam der Große Saal des altehrwürdigen Amsterdamer Concertgebouws eine Kirchenraumausstrahlung, die dem Programm mit ausschließlich sakraler Musik angemessen war.

Niederländischer Rundfunkchor © Ronald Knapp
Niederländischer Rundfunkchor
© Ronald Knapp

Das Konzert begann mit zwei Chorkompositionen von James MacMillan (1959), der eine Vielzahl interessanter Werke für (Kirchen)- Chor geschrieben hat. Im Ave Maria lässt MacMillan die Soprane inmitten ihrer melismatischen Melodiebögen deutlich akzentuierte Vorschläge singen, die der Musik einen spielerisch-lebendigen Charakter geben. Der groß besetzte Chor (45 Sänger) beeindruckte gleich zu Beginn mit klarer Diktion und feinem Klang. Das lange Orgelnachspiel war eindrucksvoll und ging ohne Pause in die zweite MacMillan-Komposition, A new Song, über. Hier war die Orgelregistrierung der vor 130 Jahren im damals modernen französischen Stil gebauten (Maarschalkerweerd)- Orgel vor allem zu Anfang zu laut gewählt und hätte sich dem Volumen des Chores besser anpassen können. Das nahm der herrlich einfachen Komposition leider Einiges von ihrer erfrischend-optimistischen Wirkung. Nach Pärts Orgelsolostück war der GOK a capella mit Duruflé‘s Quatre motets sur de thèmes grégoriens zu hören. Dirigent Klaas Stok, seit letztem Jahr Chefdirigent des NDR-Chores, nahm die Tempi rasch und ließ auch zwischen den Sätzen zu wenig Pause, um den zeitlosen Charakter dieser durch Gregorianische Gesänge inspirierten Kompositionen spürbar werden zu lassen.

Concertgebouw Amsterdam © Ronald Knapp
Concertgebouw Amsterdam
© Ronald Knapp

Den Abschluss des ersten Teils des Konzertes bildete eine zweite Komposition von Pärt, Salve Regina. Auch von diesem im Jahre 2002 entstandenen Stück gibt es eine größer besetzte Bearbeitung, welche Pärt 2011 im Auftrag der Städte Mailand und Turin zum 150. Jubiläum der italienischen Einheit geschrieben hatte. Die in Amsterdam zu Gehör gebrachte ursprüngliche Fassung hatte demgegenüber einen sehr meditativen und stillen Charakter. Hier machten sich die auffällig gewählten Orgelregister und eine Ruhelosigkeit im ansonsten eher ereignislosen Interpretationsfluss bemerkbar. Man vermisste die Akustik von Kirchenschiffen, die mit ihrem üblicherweise langen Nachhall die Interpreten zu langsameren Tempi inspiriert hätten.

Auch von Faurés Requiem gibt es mehrere Versionen. 1887 hatte Fauré das Libera me als einzelnes Werk komponiert. Im Jahr darauf komponierte er ein aus fünf Teilen bestehendes kleines Requiem. Erst 1889 komponierte er dann das Offertoire und fügte es zusammen mit dem Libera me zu einer zweiten Fassung mit kleinem Kammerorchester. Diese und nicht die viel bekanntere dritte Version mit großem Orchester wurde im zweiten Teil des Konzertes aufgeführt. Bariton John Brancy sang mit rundem und schönem Klang. Seine klare Stimme schmeichelte dem Ohr, für Faurés Offertoire hätte Brancy dem liturgischen Hintergrund der Komposition jedoch noch etwas mehr Rechnung tragen können. Sechs Bratschen des Radio Filharmonisch Orkest kamen in dieser mit nur einer Sologeige besetzten Orchestrierung mit sonorem Timbre gut zur Geltung. Konzertmeisterin Nadia Wijzenbeek beeindruckte mit ihrem schlanken Geigenklang im folgenden Sanctus. Im Pie Jesu überstrahlte die Sopranistin Sophie Junker Chor und Orchester von ihrem Platz dicht bei der Orgel. Wie auch Brancy im Libera me benutzte sie viel Vibrato, überzeugte aber mit ihrer klaren schönen Stimme. Im Agnus Dei kam der GOK in allen Stimmlagen gut zur Geltung. Der letzte Satz In paradisum begann erneut mit einer sehr prominenten Orgel. Die Soprane aber sangen so hell und fröhlich, wie es dem Paradiese zukommt. Dieser Satz bleibt in allen bestehenden Fassungen der Schönste!

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