Sergei Babayan wird zwar immer wieder als einer der größten Pianisten unserer Zeit bezeichnet, ist allerdings bis auf eingefleischte Klavierliebhaber der breiten Masse von Konzertbesuchern unbekannt geblieben. An seinen pianistischen Fähigkeiten liegt das bestimmt nicht, wie er im Münchner Prinzregententheater vor einem nicht ganz gefüllten Saal eindrucksvoll unter Beweis stellte. Das Programm war klug und abwechslungsreich zusammengestellt und begann mit der kurzen meditativen Hommage Für Alina (1976) von Arvo Pärt, in der der Komponist die Sehnsucht einer Mutter nach dem von ihr getrennten Kind thematisiert. Babayan erschuf mit seinem glockenklaren Anschlag innerhalb weniger Takte eine knisternde Aufmerksamkeit im Auditorium und leitete fast lückenlos in das nächste Stück über.

Sergei Babayan © Marco Borggreve
Sergei Babayan
© Marco Borggreve

Die Zweite Ballade in h-moll des großen Klang- und Melodienmagiers Franz Liszt interpretierte Sergei Babayan einerseits notengetreu, andererseits verlieh er ihr mit der ihm eigenen ständig suchenden kreativen Intelligenz etwas Improvisatorisches, Überraschendes und Ephemeres und erzeugte damit ein aufwühlendes Spannungsfeld zwischen unendlicher Schönheit und flatterhafter Vergänglichkeit. Ist nicht dies die Essenz des Oeuvre Franz Liszt, einem niederländischen Vanitas-Stillleben gleich? Wenn diese Metapher zutrifft, dann ist Sergei Babayan der Willem Kalf der Klavierkunst. Ein weitgehend unbekanntes Genie, dessen Kunst das Verborgene sucht und im Verborgenen blüht.

Verborgene wenngleich höchste Kompositionskunst ist auch Vladimir Ryabovs Fantasie in c-Moll “In memoriam Maria Yudina”. Ryabov war Schüler Aram Khachaturians und begann seine Karriere selbst als Pianist, bevor er 1991 den Kompositionswettbewerb „Sergej Prokofiew“ gewann und sich seither als Klassiker der Moderne und der neuen russischen Musikszene einen Namen gemacht hat. Seine Fantasie ist der legendären russischen Pianistin und Pädagogin Maria Yudina gewidmet und verbindet meisterhaft Stilmittel des 19. und 20. Jahrhunderts mit modernen und teils experimentellen Klängen. Babayan ist dieses Stück wie auf den Leib geschneidert, enthält es doch ungeheure technische Schwierigkeiten, die aber nie hinter der klanglichen Semantik zurücktreten dürfen. Und genau dies gelang dem armenischen Jahrhundertkünstler makellos und mit zwingender Ausdruckskraft. Wie er wiederholt fast holzschnittartig scharf und doch mit groß-posauniger Klangschönheit Basslinien in den Steinway schnitzte, während zugleich in der rechten Hand Akkorde nur gedrückt wurden, um die Obertöne zum Klingen zu bringen, das war kompositorisch unerhört und pianistisch grandios.

Vollendet wurde der erste Teil des Recitals mit einigen Charakterstücken von Jean-Philippe Rameau. Das Stück L’Entretien des Muses zeigt exemplarisch, wie Verzierungen und namentlich Triller aller Art nicht nur Schmuck und Beiwerk sein dürfen, sondern Teil einer ganz individuellen höfischen Semantik, die mehr vermitteln will als nur gefällige Nacherzählungen klassischer Epen und Mythen. Babayan brillierte mit äußerster Präzision und wohldosierter Expression. Auch in den folgenden Stücken Les sauvages, Le rappel des oiseaux und drei Sätzen aus der Suite a-moll demonstrierte er perfekte Klangschönheit und kreative Phrasierung und Dynamik.

Sodann stellte Babayan drei durch ihre Tonarten verwandten Stücke Frédéric Chopins in eine programmatische Klammer: Die Polonaise cis-Moll, Op.26 Nr.1, den Walzer cis-Moll, Op.64 Nr.2 und die Barcarolle Fis-Dur, Op.60. Er spielte diese drei Stücke fast ohne Unterbrechung wie eine einzige Fantasie, nicht ohne jedoch in den einzelnen Abschnitten feinste Differenzierungen und Abschattierungen der sich wiederholenden Motive und Themen zu gestalten. Besonders beim Walzer geriet keine der sich stets wiederholenden Sechzehntelläufe nach dem Hauptthema gleich, ohne dass sich jedoch Babayan eines oft zu hörenden Stilmittels bedienen musste, eine verborgene Mittelstimme etwas unnatürlich aus der Partitur zu locken. Die interpretatorische Wandlungsfähigkeit Babayans bedient sich viel subtilerer Mittel, die in seiner ungeheuer flexiblen Fingertechnik und der Arrau’schen Elastizität seiner Arme, Handgelenke und Hände begründet liegt. Babayan speist seinen musikalischen Ausdruck und seine Kraft fast ausschließlich aus diesen Körperteilen, der Oberkörper wird nur selten eingesetzt. Die Hände schmiegen sich an die Tasten, streicheln sie, pflügen sich in die Klaviatur und tanzen höchst elegant darüber hinweg. Wenn sich ab und zu spielend der Mittelfinger nach hinten überdehnt und aus der Schar der Tänzerinnen herausspringt wie man es sonst nur bei Glenn Gould gesehen hat, dann weiß man, wie viel harte Knochenarbeit der russischen Schule dieser in der Neuhaus-Tradition ausgebildete Ausnahmekünstler geleistet haben muss.

Die letzte programmatische Klammer bildeten drei Stücke von Sergei Rachmaninow: Étude-Tableau es-Moll, Op.39 Nr.5, Moment musical es-moll, Op.16 Nr.2 und Moment musical C-Dur, Op.16 Nr.6. Die Fachzeitschrift Diapason schrieb einmal über Sergei Babayan: „ Er legt alle gängigen Erwartungen in Trümmer. Klavier, überlebensgroß“. Besser kann man es nicht ausdrücken und so gerieten auch die letzten Stücke dieses außergewöhnlichen Konzertabends. Rachmaninows halsbrecherisch schweren Moments musicaux als Miniaturen zu bezeichnen ist zwar gattungsspezifisch korrekt, pianistisch allerdings allenfalls humoristisch-ironisch. Die schillernden Kontraste aus elegischen Klangmalereien und etüdenhaft-technisierten Themen und Melodien brachte Babayan derart virtuos in einen zwingenden Sinnzusammenhang, dass man wechselweise in seinen Sitz gefesselt und aus diesem staunend aufgeschreckt wurde ob des pianistischen Feuerwerks, das sich auf der Bühne entfaltete. Besser kann man nicht Klavier spielen. Umso schöner, dass die Aria aus den Goldbergvariationen den stillen Höhepunkt und Abschluss des Konzerts bildete.

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