Wunderliches geschah diesen Sommer in Bayreuth: Zum 150-Jahr-Jubiläum der Bayreuther Festspiele gab es auf dem Grünen Hügel zum allerersten Mal eine Inszenierung von Richard Wagners früher Oper Rienzi. Am Pult dieser international beachteten Aufführung wirkte die Dirigentin Nathalie Stutzmann. Nun wurde die Französin von der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, nach 2024 bereits zum zweiten Mal, zu einem Konzert mit dem Tonhalle-Orchester eingeladen. Und mit welchem Stück hat sie den Abend eröffnet? Natürlich mit der Ouvertüre zu Rienzi. Um dann gleich Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde dranzuhängen.

Nathalie Stutzmann © Luis Luque
Nathalie Stutzmann
© Luis Luque

Dass Wagner Rienzi als „Jugendsünde“ bezeichnete und die Oper von Bayreuth fernhielt, leuchtet ein, wenn man nur schon die Ouvertüre hört, die ja als Potpourri-Ouvertüre die wichtigsten Themen und Situationen der Oper vorwegnimmt. Diese Musik mit ihren Märschen und ihrem lärmenden Triumph-Gehabe hat nichts mit dem Komponisten zu tun, den man aus den späteren Opern kennt. Immerhin ist Stutzmann bemüht, überall, wo es möglich ist, etwas Dampf abzulassen und auch die wenigen lyrischen Stellen zu ihrem Recht kommen zu lassen. Auf jeden Fall aber demonstriert die Gegenüberstellung der Rienzi-Ouvertüre mit der Tristan-Musik, welch unvorhersehbare Entwicklung Wagner in den knapp zwanzig Jahren dazwischen durchschritten hat.  

pbl
pbl

Bei Vorspiel und Liebestod kommen dann die Qualitäten der Dirigentin noch deutlicher zum Vorschein. Das Vorspiel lässt sie quasi aus dem Nichts heraus musizieren. Und das daraus erwachsende Crescendo gerät unter ihren Händen einfach unwiderstehlich. Sie schürt die Glut in mehreren Schüben bis zum offenen Feuer und lässt sie dann wirkungsvoll wieder abkühlen. Sehnsucht, ekstatische Liebe, Tod – das ist natürlich die Vorausnahme des Liebesdramas. In Isoldes Liebestod tritt dann in der Person der schwedischen Sopranistin Christina Nilsson die leibhaftige Isolde auf die Bühne. Schade allerdings, dass sie nicht vorne an der Rampe singt, sondern hinten im Orchester versteckt, was ihrer Rollenpräsenz nicht förderlich ist. Stimmlich hat Nilsson indes keine Mühe, aus dem Orchester herauszutreten. Ihre anfänglich weiche und warme Tongebung steigert sich bis zu dramatischer Ekstase, um dann langsam zu ersterben.

Vor zwei Jahren hat Nathalie Stutzmann in Zürich zu einer Wagner-Ouvertüre eine Tschaikowsky-Symphonie dirigiert. Nun lässt sie auf Wagner die Symphonie Nr. 1 in c-Moll von Johannes Brahms folgen. Wie bei Wagner betont die Dirigentin auch in dieser Symphonie das Prozesshafte des musikalischen Verlaufs. Der erste Satz gerät bei ihr quasi zu einer permanenten Durchführung, zu einem Auf und Ab, das erst im tröstlichen C-Dur des Schlusses seine vorläufige Ruhe findet. Sinnlich, heiter und entspannt erscheint der zweite Satz, und eine Balance zwischen Ruhe und vorwärtsstreben zeigt der dritte. Das Tonhalle-Orchester setzt alle Vorstellungen Stutzmanns derart um, als hätte es diese Symphonie schon immer so gespielt.

pbl
pbl

Dabei zeigen sich bei ihrer Interpretation durchaus einige Eigenheiten, bei denen man sich die Augen reibt: Dass die Pauken zu Beginn des Werks das ganze Orchester übertönen müssen, steht nirgends in der Partitur. Am meisten Freiheiten nimmt sich Stutzmann im vierten Satz heraus. Nach der doppelten langsamen Einleitung erklingt das kantable Hauptthema bezüglich des Tempos mit angezogener Handbremse. Wunderschön spielen die Streicher, aber eben zu langsam. Wenn dann das Orchestertutti hinzutritt, drückt die Dirigentin auf das Gaspedal, um das geforderte Tempo zu erreichen. Eine andere Überraschung bietet sich in der Coda: Wenn da das Alphornthema der langsamen Einleitung vom Blech in hymnischer Art wiederaufgenommen wird, bremst die Dirigentin ab und zelebriert dies mit allem Pathos und in dreifachem Forte. Man muss bis zu Karajan oder Furtwängler zurückgehen, bis man einen ähnlichen Interpretationsansatz finden kann. Zeitgeistig ist er jedenfalls nicht.

***11