Georges Bizets Perlenfischer, 1886 uraufgeführt, kommen 140 Jahre später mit einer namhaften Besetzung zur Erstaufführung an der Wiener Staatsoper, und als vermeintliches Zuckerl hat man den neuen Regie-Shootingstar Ersan Mondtag verpflichtet, der andernorts bereits für bildgewaltige Furore gesorgt hat. Wer von einer Sensation geträumt hat, wurde aber schnell auf den Boden der Realität geholt, denn das Thema „Mode und Textilindustrie“ erlebt nach einem vergleichbaren Ansatz für Don Carlo bereits den zweiten Flop. Das Problem ist nicht das Thema selbst (und schon gar nicht das talentierte Personal der Kostümabteilung), sondern der fehlende Bezug dieser Regieidee zur eigentlichen Handlung – und überraschenderweise fehlendes Regiehandwerk.

Ein Beispiel dafür ist der große Erstauftritt von Leïla (der zur Keuschheit verpflichteten Priesterin, somit der weiblichen Hauptfigur) auf dem Dorfplatz einer rötlichen Textilfärbersiedlung im globalen Süden. Dort besteigt sie mit einem karnevalesk kostümierten Gefolge eine Treppe, die sich um eine riesige, magere Schaufensterpuppe windet, während der Chor, welcher Leïla stets im Blickfeld hat, Leïlas Erscheinung sehnsüchtig erwartet. Als dieser das finale „C’est elle“ (Das ist sie!) singt, ist Leïla schon einige Zeit auf der Treppe gestanden, und ein schöner Effekt aus dem oft als schwach kritisierten Libretto durch eine noch schwächere Auftrittschoreographie verpufft.

Das ist natürlich nur ein kleines Detail aus dem ersten Akt, doch wird auch ab dem zweiten, in dem das Färberdorf in ein marmornes, merkwürdig leeres Luxuskaufhaus übersiedelt, an der Handlung vorbeiinszeniert. Der Originalschauplatz wäre im Falle der Perlenfischer übrigens das seinerzeitige Ceylon. Das kommt aus Gründen der Kolonialismuskritik auf den Bühnen dieser Welt aktuell nicht in Frage, auch wenn Mode- und Reise-Influencer von derlei Bedenken nicht geplagt werden und mit sexy Posen an allen möglichen und unmöglichen Orten Kulturimperialismus der anderen Art betreiben.

Wie man mit alternativen Schauplätzen eine Opernhandlung schlüssig erzählen kann, dafür hat man mit Stiffelio am Theater an der Wien in der Lesart von Vasily Barkhatov ein aktuelles und ausgezeichnetes Beispiel, und auch Lotte de Beer traf 2014 mit Perlenfischer – The Challenge ins sprichwörtliche Schwarze. Diese Musterinszenierungen haben gemeinsam, dass sie sich um die Figurenkonstellationen, um Machtverhältnisse, sowie um innere und äußere Zwänge kümmern. Wenn man eine Geschichte lediglich in ein anderes Setting verfrachtet, darf man sich nicht wundern, wenn dabei wenig herauskommt. Vermutlich bekommen die Modeinfluencerinnen dieser Welt bei der Idee, mit einer jungfräulichen Priesterin verglichen zu werden, einen Heiterkeitsausbruch, oder bei der Vorstellung, dass Schwerbewaffnete in Faschingskostümen zur Einschüchterung eines Liebespaares im Marmorkaufhaus eingesetzt werden.

Dass es in den Perlenfischern um zwei Männer (Zurga und Nadir) geht, die zugunsten ihrer Freundschaft auf die von beiden geliebte Leïla verzichteten – das bekommt man immerhin mit, und dass dadurch eine Dreiecksgeschichte wieder auflebt, ebenfalls. Warum dies aber in eine Moralkatastrophe samt Hinrichtung münden sollte, und letztere durch Brandstiftung verhindert wird, kann wohl nicht einmal ein Prada-tragender Teufel erklären, und ein solcher würde das sündige Liebespaar Leïla und Nadir wohl kaum ungefesselt per Rolltreppe zur Hinrichtung fahren lassen.

Musikalisch erlebte man einen nicht herausragenden, aber doch sehr erfreulichen Abend, an dem beim berühmten Freundschaftsduett zwischen Zurga und Nadir auch szenisch Stimmung aufkam, Nervositätszigaretten inklusive. Juan Diego Flórez machte als Nadir vor allem in seiner Leidenschaft für Leïla gute Figur, auch wenn die Stimme für diese Partie so slim fit wie der Anzug ihres Besitzers ist. Im berühmten „Je crois entendre encore“ hätte der ansonsten umsichtig dirigierende Staatsopern-Newomer Daniele Rustioni die Tempo-Schraube ein klein wenig anziehen können, um Flórez die Sache mit dem langen Atem zu erleichtern.

Keine besondere Rücksicht benötigte hingegen der Rest der Solisten, denn mit Ivo Stanchev hatte man für Nourabad eine sehr gute Wahl getroffen. Dasselbe gilt für Ludovic Tézier, der nach einem leicht wackeligen ersten Akt als Zurga wieder einmal zeigte, wie Regieren auf der Bühne geht. Seine einsame Szene am Beginn des dritten Aktes, die in eine emotionale Auseinandersetzung mit Leïla übergeht und später in „Je suis jaloux“ (Ich bin eifersüchtig) gipfelt, war für sich allein schon den Besuch der Vorstellung wert. Kristina Mkhitaryan lieferte als Leïla das Beste ab, das ich je von ihr gehört habe. Mit ihrer leidenschaftlichen Darstellung brachte sie das sprichwörtliche Feuer ein, das man szenisch vermisste.

Die Libretto-gemäße Feuerskatastrophe – man hatte sie durch die überlaute Alarmstimmung im Chor bereits den gesamten Abend über geahnt – bekommt man auf einem vom Schnürboden herabgelassenen Monitor als Breaking News präsentiert. Das wäre keine schlechte Idee, würden nicht die reißerischen Feuerbilder samt Untertitel von den parallel stattfindenden Gesangshöhepunkten ablenken. Die Opernhooligans, die bei der Premiere kräftig gebuht hatten, waren zum Glück daheimgeblieben, womit nur die zur Kaufhausmusik – Auszüge aus Carmen – am Beginn des zweiten Akts etwas Unmut zu spüren bekam.








