Kahl sind die Wände, nüchtern die wenigen Einrichtungsgegenstände. Auf der Bühne hat sich eine kleine Gemeinde eingefunden. Die Männer tragen schwarze Anzüge und lange Bärte, die Frauen einfache Schürzen. Das lange Haar ist züchtig unter weißen Hauben versteckt. Vasily Barkhatov hat seine neue Inszenierung von Giuseppe Verdis Drama Lirico Stiffelio am Theater an der Wien zu den Amish verlegt.

Gleich zur Ouvertüre wurden die fulminanten Töne aus dem Graben mit einem Intro wie aus einer Netflix-Serie untermalt. Stiffelio, ein einst gefeierter Jazztrompeter, flüchtet nach einem One-night-Stand mit einer Mafiabraut zur protestantischen Glaubensgemeinschaft.

Der einzige Mörder wird in dieser Oper jedoch nicht gesucht, denn er gesteht selbst. Stankar hat Raffaele kaltblütig im Hinterzimmer ermordet, weil jener eine Affäre mit seiner Tochter Lina hatte, obwohl diese doch mit dem Titelhelden und frommen protestantischen Pastor Stiffelio verheiratet ist. Bis es dazu allerdings kommt, wird die Gefühlslage des düpierten Ehemanns und der reumütigen Ehefrau zwei Stunden feinfühlig durchdekliniert.

Barkhatovs Ansatz ist so einleuchtend wie stringent, auch wenn sich das Geschehen auf der Bühne bisweilen etwas zu eintönig gibt. Dennoch, die von der modernen Welt abgeschottete und strenggläubige Gesellschaft der Amish ist uns heute wohl genauso fremd wie dem katholischen Premierenpublikum 1850 in Triest Themen wie Scheidung oder ein verheirateter Pfarrer waren. Letzteres führte damals im Übrigen dazu, dass das Werk durch die Zensur derart abgeändert wurde, dass Verdi es 1856 schließlich aus Groll zurückzog.

Bei dieser Aufführung musste, wenn überhaupt, nur der Hörapparat eine Stufe zurückgedreht werden. Allen voran zeigte Luciano Ganci als Stiffelio, warum er einst von der Metropolitan Opera Guild als „Italiens feinster Verdi Tenor“ ausgezeichnet wurde. Egal ob er vor Rache zürnt, vor Eifersucht erglüht oder im Stillen sein Leid klagt, der Italiener schaffte es, jede kleinste Nuance auszuarbeiten. Klar und voller Emotionen strahlt sein Tenor, vor allem aber wurde es laut.

Mit Kraft und durchschlagender Höhe avancierte Franco Vassallo als Stankar, Linas Vater, gerade in der zweiten Hälfte des Stückes zum eigentlichen Star des Abends. Luigi Morassi als Raffaele Leuthold soll hierbei nicht vergessen werden. Der junge Tenor machte gerade in seinen Duetten stimmlich glaubhaft, warum eine Pastorengattin ihm verfallen konnte.

Joyce El-Khoury ihrerseits muss in die Rolle als Lina jedoch noch vollständig reinfinden. Tief in der Mitte summte ihre Stimme warm-weich und voller Weiblichkeit. Auch die großen Emotionen sind da, doch in der Höhe und da, wo es laut werden muss, tönten ihre Stimmbänder an den Rändern fast blechernd scharf.

Und im Graben? Da kannte Jérémie Rhorer nur Fortissimo. Laut, Lauter, am Lautesten. Die Klangexplosionen des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien waren teils so fulminant, dass nicht immer ganz klar war, ob es sich um eine Statikprüfung des neu renovierten Theatergebäudes handeln sollte. Die Solisten und der Chor auf der Bühne konnten zwar wider aller Erwartungen mithalten, aber etwas mehr Differenzierung hätte der Partitur wohl gut getan. Mein Tipp für empfindliche Operngänger: Buchen Sie einen Platz weit hinten.
























