Georg Friedrich Händels Schauspielmusiken sind weiterhin noch recht wenig bekannt. Einerseits deshalb, weil fünf Einzelbeispiele nur aus Zuarbeiten für andere, selbst in Vergessenheit geratene Komponisten bestehen. Andererseits, da Händels Eigenwerk, John Richs geplante Alceste-Produktion in Covent Garden zum Jahreswechsel 1749/50, zu Lebzeiten nie das Bühnenlicht der Welt erblickte, ehe das gut einstündige Material zunächst 1969 in moderner Form beziehungsweise 1984 dann auf epochengetreuen Instrumenten in London uraufgeführt wurde.

Collegium Vocale Koor & Orkest © Eric De Mildt
Collegium Vocale Koor & Orkest
© Eric De Mildt

Nach vereinzelten Versuchen in den letzten Jahrzehnten, auch im Zuge generell gewachsener Aufführungspraxis und Formationen zur Entdeckung unbekannterer Kompositionen wieder mehr Augenmerk auf dieses Stück zu legen, unternahm Sébastien Daucé nach seiner Psyche-Rekonstruktion Matthew Lockes mit Händels Alceste nun einen weiteren Anlauf im englischen, doch französisch-italienisch geprägten Repertoire. Diesmal nicht mit seinem Ensemble Correspondances, sondern als Gastdirektor bei Herreweghes Collegium Vocale Gent.

Für Händel hatte Alceste nicht nur eine Hinwendung zu einer tatsächlichen Masque, in Fortfolge Henry Purcells populärerer Opulenz eine Mischung aus Schauspiel, Tanz und Musik, dargestellt, sondern auch eine Rückkehr zur Geschichte um die Thessalienkönigin, die nach dessen Oper Admeto und ihrem Librettisten Francesco Nicola Haym jetzt in den Händen Tobias Smolletts liegen sollte. Dabei behauptet Händels vertrauter Dichter Thomas Morell, die Lyrics für Alceste verfasst zu haben. Smollett selbst griff für das Programm wohl auf Teile Philippe Quinaults antiker Dramaadaption zurück, Texter eben für Werke wie Psyché oder Alceste Lullys, von dem wiederum Locke inspiriert war.

Durchgängig inspirierend erwies sich auch das adrige und sensible, gleichermaßen dynamisch differenzierte, balancierte Spiel des Orchesters Collegium Vocale Gent in Alceste, das bei der Aufführung in Antwerpens De Singel somit seine beeindruckende Qualität als absolut sichere Bank untermauerte und neben den spritzigen Sinfonien oder galanten Interludien exquisite Grundlage schuf für dramasprachliche beziehungsweise von Händels liebreizenden Melodien und Affekten bezuckerte Arien und Chöre. Chöre, die das CVG-Vokalensemble in ebenso garantierter Klangakkuratesse sowie bühnengelenker Artikulation und emotionsprägender Phrasierung sang, um den von Daucé umsichtig, unprätentiös und doch kontrastierend intensiv formulierten theatralischen Effekt zu treffen.

Mit seinem ungeheuer ansprechenden Bariton und dazu hervorragend rhetorisch-kommunikativen Ausdruck traf Florian Störtz als gewiefter Charon in das dadurch noch masquegenehmere Schwarze, dem Guy Cuttings beweglicher, sowohl von weicher als auch energischer Stimmpräsenz beflissener Tenor entsprach, als er atem- und farbengeschickt die „Joy“-Girlanden Apolls meisterte. Fand Manon Lamaisons durchaus rosiger Sopran als Calliope im B-Teil des „Gentle Morpheus“ zu flexiblem wie effektreicherem Ton, in „Come, Fancy“ zu feiner, abschließend bravurspitzenden Höhe, ließ sich mit matterem Piano und Koloraturenlauf das Vermissen gestützterer, glänzenderer und technisch-expressiver Leichtigkeit nicht kaschieren.

Vor Alceste programmierte Daucé noch zu abendfüllenderer Dimension Händels Ode for the Birthday of Queen Anne, der er wiederum aufgrund fehlender Sinfonia die mit Minuet ausgesparte „Overture“ der genre- und flairpassenden Ode for St Cecilia’s Day voranstellte. Dem so klugen wie routinierten Eingang folgte mit „Eternal source of light divine“ der prominente, ansonsten mit der Tür ins Haus fallende Earcatcher dieses royalen Geburtstags- und von den Gratulanten sehnlichst geforderten, zwei Monate später in 1713 in Utrecht realisierten Friedenswunsches, welchem Countertenor Alex Potter mit Alain De Rudders Clarine in würdiger Wärme und reiner Luftigkeit den Nimbus gottgeschenkter, patronaler Eingebung verlieh.

Auch die weiteren Soli und Duetti waren bestimmt von Potters süßlicher, harmoniebetonter Eleganz und stilistischer Deutlichkeit, zu denen sich besonders zusammen mit Störtz in „Let rolling streams“ eine anschaulich-anspringende Text- und Ausdrucksfreude, durch Jasu Moisio in „Kind health descends on downy wings“ eine Oboe von herzlicher Klarheit gesellte. Legte Lamaison in ihren Einsätzen den Ausgang für bei ihr oben beschriebenem Vokaleindruck, bestätigte das Collegium Vocale Gent in den melodiewechselnden Refrains seine typisch homogen eingeschworene Eindringlichkeitsaktivität, die sich an sprudelnder Andacht und Feierlichkeit Händels Musik labte.