Die in Israel geborene Komponistin Chaya Czernowin sagte einmal in einem Interview: „Wer Musik sucht, bei der man Ablenkung oder Entspannung findet, der ist bei mir nicht an der richtigen Adresse.” So deutlich hatte ich noch nie jemanden über zeitgenössische Musik reden gehört und ich war von dem Mut und der Wahrheit dieser Worte begeistert, denn es gibt so viel mehr zu entdecken in der Beschäftigung mit modernen Komponisten. Das von Pierre Boulez zur exemplarischen Aufführung von genau dieser Musik gegründete Ensemble intercontemporain spielte in dem aus der Pariser Philharmonie gestreamten Konzert drei Auftragswerke aus den letzten 5 Jahren.

Matthias Pintscher dirigiert das Ensemble intercontemporain
© EIC

Zu seinem 40-jährigen Bestehen 2016 hatte das EI sieben Komponisten beauftragt, eine Komposition zu jedem Schöpfungstag der biblischen Genesis zu schreiben. Czernowin bekam den ersten Tag zugeteilt und nannte ihre Komposition On the face of the deep. Vor lauter Trommelgewalt (Urknall?) sind die nach und nach einsetzenden Streicher erst nicht zu hören. In den ersten Minuten besteht die emotionelle Musik aus einem wirbelsturmartigen Getöse. Erst nach fünf Minuten gibt es eine kurze Atempause bevor der geräuschvolle Sturm wieder loslegt. Wie flüssige Lava bahnt sich die geballte Musikenergie seinen Weg und lässt schmerzliche Visionen entstehen. Die Geburtswehen unseres Planeten werden vom Chefdirigenten Matthias Pintscher und seinem Ensemble unbarmherzig zu immer neuen Tonkolossen geknetet. Dann kommt die Klangmasse nach kurzen trockenen Schlagzeugschlägen urplötzlich zum Erliegen. Fast zärtlich gibt Pintscher einige letzte Einsätze bevor diese erstaunliche Kreation gelungen und vorbei ist.

Die aus Slowenien stammende Nina Senk hat in ihrem T.E.R.R.A. II die fünf Elemente zum Ausgangspunkt ihres Werkes genommen, und so kann man in dieser Komposition fast programmatisch die Entwicklung eines Wasserstrahls zu einem reißenden Strom nachverfolgen, der sich wieder verflüchtigt und zu Luft wird aus Bassklarinetten, flüsternden Flöten, geisterhaft flirrenden Streichern und gestopften Blechbläsern. Die Erde klingt großräumig beweglich und gewalttätig. Streicher schlagen mit ihren Bögen, es kommt zu Blechbläsereruptionen. Diese wiederum könnten auch schon als gewaltige Vulkanausbrüche gemeint sein: man hört züngelnde Flammen und hektisches Feuergetümmel. Zum Schluss wird es geheimnisvoll: Ist das fünfte Element wie bei den Chinesen das Metall oder ist es der Äther? Sengende Hitze oder sirrendes fast unerträgliches Geheimnis? Und auch hier wieder wie aus dem Nichts mitten im ungeheuer spannenden Musikereignis ein abruptes Ende. Die Zeit ist stehengeblieben und man reibt sich verdutzt die Augen.

Matthias Pintscher dirigiert das Ensemble intercontemporain
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Der Argentinier Lucas Fagin hat sich im letzten Jahr mit Goodbye Planet Earth seinen Coronafrust vom Leibe geschrieben. Sieben Monate lang war er in Buenos Aires im strengen Lockdown eingeschlossen und seine Stimmung war bis auf den Nullpunkt gesunken. Komponieren ist für ihn ein Mittel der Kommunikation, einsame Stunden des kreativen Schaffensprozesses wechselt er normalerweise ab mit intensivem sozialem Kontakt. Darauf musste er nun erzwungenermaßen verzichten und in der Musik seines neuen Stückes für 25 Musiker klinkt viel Verdruss darüber, aber auch ein Aufbegehren gegen die unfreiwillige Vereinsamung durch. Goodbye Planet Earth ist ein Panoptikum an Klängen, Geräuschen, geballter Lautstärke und plötzlich hereinbrechender Stille. Die überraschenden Pausen markieren Ruhemomente, die die sich danach aufbauenden Klangkaskaden nur umso stärker über die Zuhörer hereinbrechen lassen. Fagin hat sich von Zsinor (1974), einem Gemälde des französischen Malers und Grafikers Victor Vasarely beeinflussen lassen. Vasarely zählt zu den Mitbegründern der künstlerischen Richtung Op-Art und auch Zsinor (Schnur) hat durch seine optische Suggestionskraft eine beinah hypnotisierende Wirkung. Diese Sogwirkung geht gleichermaßen von Fagins Musik aus. Eine Vielzahl von ungewöhnlichen Schlaginstrumenten (es wird auch auf Plexiglas geschlagen), Moog Synthesizer und E-Gitarre erzeugen zusammen mit den akustischen Ensembleinstrumenten ein Amalgam von undefinierbaren Klangwellen, die über die Ohren bis ins Gehirn vordringen und hier grelle Bilder erzeugen von Verzweiflung und Orientierungslosigkeit. Die Stimmung kulminiert am Ende, als die Stapelung der auf alle möglichen Arten bespielten Instrumente Stimmenähnliches hervorbringt. Stimmen, die wirres Zeug brabbeln als wollten sie den Zuhörer in den Wahnsinn treiben. Mit einem Synthesizer-Solo endet diese musikalische Geisterbahnfahrt, wonach ganz plötzlich und gespenstisch das Licht in der Philharmonie erlischt.

So endete ein beeindruckendes Konzert eines der bedeutendsten moderne Musikensembles, die mit diesen drei sehr verschiedenen aktuellen Werken die Bedeutung zeitgenössischer Musik publikumswirksam unter Beweis stellen.


Die Vorstellung wurde vom Stream aus der Philharmonie Paris rezensiert.

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Matthias Pintscher dirigiert das Ensemble intercontemporain
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Matthias Pintscher dirigiert das Ensemble intercontemporain
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